Ich hatte im vergangenen Jahr angeregt, eine allmähliche Umstellung des bestehenden Steuersystems von einem bürokratisierten Ritual der Zwangsabgaben zu einer Praxis freiwilliger Beiträge zum Gedeihen des Gemeinwesens in Erwägung zu ziehen. Sollte ein Hauch von Ironie an meinen ernst gemeinten Thesen zu bemerken gewesen sein, so wäre diese dadurch bedingt, dass ein Autor normalerweise selbst ziemlich gut einschätzen kann, wann er etwas von sich gibt, was aller Wahrscheinlichkeit nach in den Wind gesprochen ist. Zumindest schien es mir so: Ohne den Beweis durch die Tatsachen hätte es niemand für möglich gehalten, dass eine Wortmeldung zu dem seit Jahrzehnten monoton diskutierten Komplex der unmöglichen »Steuerreform« in Deutschland Aufmerksamkeit erregen oder gar skandalfähig werden könnte.

Genau dieses jedoch geschah im Anschluss an einen Essay, den ich am 13. Juni 2009 in der FAZ vorgelegt hatte. Mit einer Verzögerung von einigen Monaten wurde dieses Papier, das unter dem redaktionellen Titel Die Revolution der gebenden Hand erschienen war, von einem in jedem Sinn des Worts aufgebrachten Leser zum Anlass genommen, zu behaupten, der Verfasser habe sich nun für immer aus dem Kreis der zurechnungsfähigen Zeitgenossen verabschiedet. Der Angriff auf meine Thesen erfolgte in der ZEIT vom 24. September 2009 unter dem Titel Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe. Er stammte aus der Feder von Axel Honneth, einem Nachfahren der erloschenen Frankfurter Schule. Ich habe darauf halbwegs gelassen, aber nicht ganz ohne Zuspitzungen in der FAZ geantwortet. Dabei erläuterte ich meine Idee noch einmal, wonach nur eine Ethik des Gebens die Stagnation der zeitgenössischen politischen Kultur überwinden könnte. Aus der Erregung über meine mithilfe der ZEIT- Feuilleton-Redaktion effektvoll verzerrten Thesen entwickelten sich mehrere parallele Debatten, teils unter dem Stichwort »Klassenkampf von oben«, was in meinen Augen eine eigenwillige Abschweifung vom Thema »Steuerreform aus dem Geist des Gebens« bedeutete.

Niemand hat je im Ernst geleugnet, dass zu einer geordneten Staatlichkeit ein zuverlässiges Finanzwesen gehört. Meine Anregungen tasten die Evidenzen nicht an. Was selbstverständlich ist, soll selbstverständlich bleiben. Wären Steuern, wie manche sagen, nichts anderes als der natürliche Preis des Glücks, in einem effizienten Staat unter der Herrschaft des Rechts zu leben, so brauchte man über ihre Begründung kein Wort zu verlieren – obschon über ihre angemessene Höhe zu streiten bliebe. Jedoch: Es gibt im Innersten des Selbstverständlichen einen Komplex von Annahmen, die sich bei näherem Zusehen als ein völlig unplausibles Konstrukt erweisen.

Auf diese schwache Stelle zielt, was ich im Folgenden erläutern will. Wer dort genauere Sondierungen vornehmen möchte, stößt fürs Erste auf die Mauer der Tatsächlichkeit: Der zeitgenössische Staat ist, wie jeder seiner mittelalterlichen und absolutistischen Vorgänger, ein nehmender Staat, der vom Vermögen seiner Bürger immer so viel abzieht, wie er nehmen kann, ohne öffentliche Unruhen zu provozieren. Sollte man ihn mit der Frage konfrontieren, wie er sein nehmendes Benehmen rechtfertigt, so wird man feststellen: Er begnügt sich damit, in Tautologien zu kreisen. Er erhebt Steuern, weil es zum Staatsein gehört, Steuern zu erheben, und er braucht das Geld, weil es keinen Staat gibt, der das Geld nicht braucht. Auf diese eherne Logik kann der Bürger allein mit Fatalismus antworten. Den vernimmt man in dem Seufzer des alten Benjamin Franklin: »Völlig sicher sind auf dieser Welt nur zwei Dinge, man stirbt und man zahlt Steuern.«

Bei der Vereinnahmung von Gütern, die in den Fiskus neuzeitlicher Staatswesen fließen, sind vier verschiedene Modi der Aneignung und ebenso viele Optionen zur Begründung von Nehmer-Routinen in Ansatz zu bringen:

1. »Plünderungen« in kriegerisch-beutemacherischer oder piratischer Tradition – ein Modus der Staatsbereicherung, der sich von den ersten Reichsbildungen der Antike an über Jahrtausende bewährt hat und auch für die Gründungsphasen frühmoderner Staatswesen typisch blieb. Die Bürger Roms waren über Jahrhunderte hinweg völlige Steuerbefreiung gewohnt, weil die Plünderungspolitik des sich ausdehnenden Reichs Abgaben im Inneren überflüssig machte. Erst unter Augustus mussten die nicht mehr ausreichenden Plünderungen an der Peripherie durch interne Steuern ergänzt werden.

Die Wirksamkeit dieses Verfahrens zur Füllung der Staatskasse reicht weit bis ins 20. Jahrhundert, seine Popularität kann auch in »volksgemeinschaftlich« integrierten Sozialstaaten zuweilen ein hohes Niveau erreichen. Dies hat Götz Aly in seiner Untersuchung über Hitlers Volksstaat gezeigt: Für Überfälle auf das Vermögen wohlhabender Juden wie für die Enteignung der ärmeren jüdischen Mitbürger waren die Deutschen noch in den dreißiger und vierziger Jahren leicht zu gewinnen. Eine Prise Sozialismus, eine Prise Rassismus, schon kommt der Plünderungsfiskus auch auf der Höhe der Moderne in Schwung. Dass Formen der Bereicherung dieses Typs für die heutige Bedarfsregelung von Steuerstaaten zumindest auf der Ebene diskursiver Begründungen unannehmbar sind, bedarf keiner näheren Erläuterung.