Protestbücher Wir Antidemokraten
Der Wutbürger ist nicht konservativ, er ist reaktionär
Der kommende Aufstand , jenes viel diskutierte, im Spiegel teilabgedruckte, in den Feuilletons gewürdigte Manifest eines französischen »Unsichtbaren Komitees« hat, bei aller Revolutionsrhetorik, einen konservativen Kern: Beklagt wird der Verlust an tradierter Geselligkeit, an Volksfesten, an guten Manieren. Radikal links assoziierbares Gedankengut – der Aufruf zur Errichtung von Kommunen, die Feier eines subversiven Protests, der Antikapitalismus – wird mit der Trauer um vergangene Alltagsgewohnheiten verzahnt.
Der kommende Aufstand wird auch deshalb so rege rezipiert, da er die Wutbürgeraufstände abzubilden scheint, die diesen Herbst das Land nicht nur in Stuttgart bewegten. Das jedenfalls behauptet der Spiegel in dieser Woche. Und verkennt dabei, dass die Proteste – gegen allen Anschein – keineswegs konservativer Natur sind. Gewiss, man möchte als Rentner auf dem Spaziergang nicht mit einer zehnjährigen Baustelle konfrontiert sein, in den letzten Lebensjahren soll möglichst alles bleiben, wie es war.
Was auf den ersten Blick als konservativer Impuls scheint, ist aber in Wahrheit ein reaktionärer. Reaktionär insofern, als er insgeheim von einem glühenden Misstrauen gegenüber dem Parlamentarismus und demokratischen Institutionen geprägt ist, die Partizipation strukturieren. Offenkundig ist mittlerweile jeder Sinn für die formalistischen Aspekte der Demokratie verloren gegangen: Man will sich nicht in den Niederungen der Parteien engagieren, sondern den Meinungsbildungsprozess in Volksabstimmungen abkürzen. Man möchte keine Regierung mehr, die auf diskrete Kommunikation angewiesen ist, sondern feiert WikiLeaks. Man möchte die Minderheiten (Migranten und Raucher ) durch Bürgerbefragungen gängeln, solange der Staat sie unnötigerweise noch schützt.
Wie die 68er-Bewegung einst von Amerika aus nach Deutschland fand, ist es heute d ie reaktionäre Tea-Party-Bewegung , die uns inspiriert. Die Bürgerwut ist dabei schon deshalb nicht als konservativ zu bezeichnen, da sie das Mehrheitsprinzip ganz nach marktwirtschaftlichem Vorbild gegen die demokratischen Institutionen in Anschlag bringt. Glaubten die 68er, der Staat sei auf unheilvolle Weise mit dem Kapitalismus vermengt, gehen heute die Wutbürger strukturell eine Allianz mit diesem ein.
Der Publizist Henning Ritter hat in seinen Notizheften jüngst die feine Beobachtung gemacht, dass zwar Selbstverwirklichung hoch im Kurs steht, sie aber nichts mehr mit Emanzipation gemein hat. Die 68er waren noch vom berechtigten Drang beseelt, sich von allerlei emanzipieren zu müssen, von der Elterngeneration, dem Pressemonopol, dem Patriarchat. Bei allem revolutionären Pathos mündete der Protest bald in subkulturelle Nischen oder allerlei Karrieren, die als sinnstiftend empfunden wurden. Von dem Zeitpunkt an aber, da man ahnt, dass die Selbstverwirklichung über das Erreichte hinaus keinem individuellen Freiheitszugewinn mehr entspricht, findet kein Marsch mehr durch die Institutionen, sondern ein Niederreißen derselben statt.
- Datum 02.12.2010 - 14:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.12.2010 Nr. 49
- Kommentare 79
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Der Autor scheint sich selbst nicht darüber klar zu sein, was er eigentlich sagen will.
Sind die Wutbürger jetzt die Guten oder die Bösen? Und sie sind: Antidemokraten! Nein, gemessen an welcher Demokratie eigentlich? Einer repräsentativen, einer direkten, gemessen an Mehrheitsentscheidungen oder Minderheitenschutz, gemessen am Grundgesetz oder seiner Erweiterung um plebiszitäre Elemente?
Immerhin hat der Autor dann auch mal was zum Trendthema "Der kommende Aufstand" geschrieben, dazu herzlichen Glückwunsch.
Sie fragen: "Sind die Wutbürger jetzt die Guten oder die Bösen?"
Die Reaktionäre - klare Aussage deas Autors.
Sie fragen: "Und sie sind: Antidemokraten! Nein, gemessen an welcher Demokratie eigentlich? "
An der parlamentarischen und rechtsstaatlich verfassten.
Sie fragen: "Sind die Wutbürger jetzt die Guten oder die Bösen?"
Die Reaktionäre - klare Aussage deas Autors.
Sie fragen: "Und sie sind: Antidemokraten! Nein, gemessen an welcher Demokratie eigentlich? "
An der parlamentarischen und rechtsstaatlich verfassten.
Die Proteste des laufenden Jahres mit der Tea Party Bewegung zu vergleichen ja gar in einem Satz zu nennen geht vollkommen an der Realität vorbei.
Wird hier etwa irgendwer mit Hitler verglichen? Für Flinten zu Hause und gegen Minderheiten gehetzt?
NEIN!
Der Protest hier setzt am Misstrauen gegen eine politische Kaste an, die zu großen Teilen jeglichen Bezug zur Bevölkerung verloren zu haben scheint. Ein Misstrauen gegen ein parlamentarisch demokratisch Begründeten Staat, der jedoch nicht mehr die Macht zu besitzen scheint, da die Regierung nur noch als Marionette von Konzerninteressen zu agieren scheint.
Der Primat der Politik scheint verloren gegangen, abgegeben an das Diktat der Wirtschaft!
Dagegen regt sich Protest.
mir fehlen die Worte. Ich bin also ein Wutbürger, reaktionär,
will Minderheiten gängeln, weil ich mehr Demokratie fordere.
Es ist schon erstaunlich, was in letzter Zeit in den Medien ausgegraben wird. Mir scheint, die Eliten verstehen nichts und die Soziologen helfen dabei, die Verwirrung zu fördern.
Herr Soboczynski, deckt sich mit allem was man sieht, ist in sich schlüssig und findet zum Schluß noch eine plausible Annahme.
Fein. Sollte man in Stuttgart als Flugblatt verteilen.
@deltrax
Nach meinem Verständnis macht der Autor mit der Bezeichnung "reaktionär" deutlich was er fürchtet, zum Schluß sagt er es deutlich:
"...findet kein Marsch mehr durch die Institutionen, sondern ein Niederreißen derselben statt."
Was anderes erleben wir denn spätestens nach der Finanzkrise? Was anderes erleben wir denn in Stuttgart? Und was anderes erleben wir beim Ausstieg vom Atomausstieg?
so daneben habe ich wohl längst nix gelesen - Informieren Sie sich mal , z.B. in der Zeit, was an undemokratischen Austrixxereien bei S21 gelaufen ist.
Wenn der Bürger auf die Straße geht, weil er ja die zu erwartende Kostensteigerung dann bezahlen darf - das ist wohl reaktionär?
Ist das eine Satire aufs Feuilleton?
Nein, die Vorstellung der ZEIT, wie man Klickzahlen generiert und Leser bindet. Wer wirklich im Wortsinn informiert und weniger unterhalten werden möchte, liest besser Le Monde diplomatique. Für D wüsste ich jetzt sonst nur die taz, die mit solchen Themen besser umgeht.
Nein, die Vorstellung der ZEIT, wie man Klickzahlen generiert und Leser bindet. Wer wirklich im Wortsinn informiert und weniger unterhalten werden möchte, liest besser Le Monde diplomatique. Für D wüsste ich jetzt sonst nur die taz, die mit solchen Themen besser umgeht.
Wir fordern überhaupt mal Demokratie!! Bis jetzt gab es hauptsächlich Interessensvertretungen ohne Moral, wenn es um große Entscheidungen ging, siehe Atomkraftnutzung oder das Verschleudern von Milliarden in unsinnigen Projekten.
Was vielen Volksvertretern fehlt: Vernunft, Augenmaß und Bezug zur Realität (siehe Internetbelange).
Zu einer echten Demokratie gehört für mich unbedingt dazu, auf Fraktionszwang zu verzichten.
Wenn überbordender Lobbyismus abgeschafft wurde, können wir über Feinheiten weiterer Demokratieentwicklungen reden.
hier als " die gegängelte Minderheit der Raucher bezeichnet, die den Schutz des Staates benötigen würden".
Jetzt mal zur Wirklichkeit: Es wurde ein Gesetz zum (strikten) Nichtraucherschutz in Bayern erlassen. Soweit schön und gut, dann aber mussten gewisse Herrschaften von der CSU eine tiefe Verbeugung vor der Tabaklobby (seeehr seriöse Gesellen, kann man sicher auch mit Recherche belegen) machen und schwupps wurde aus dem Nichtraucherschutzgesetz ein Raucherschutzgesetz.
So, dafür gab es einen Tritt von den Wählern. Zurecht. Das "alte" Nichtraucherschutzgesetz wurde bevorzugt.
Durch solche Eskapaden macht sich die poltische Kaste in Deutschland selber unnötig unglaubwürdig weil wirtschaftshörig.
Das Gleiche ist mit S-21, da wird über und an den Bürgern vorbei ein Planfeststellungverfahren durchgeführt und dann wundert man sich, dass viele Bürger nicht glücklich damit sind.
Genauso kann man es Bundespolitisch sehen, Kriegseinsatz Afghanistan, Laufzeitverlängerung AKW's, Rente 64, Hartz IV - Neuberechnungsfarce, einseitige Sparpaket und der ganze Rest, der einem noch so einfallen könnte.
Alle über Köpfe der Bürger hinweg entschieden (wissen ja eh nicht was Sache ist) und Demonstrationen werden geflissentlich ignoriert.
Irgendwann platzt halt der Knoten beim Bürger.
hier als " die gegängelte Minderheit der Raucher bezeichnet, die den Schutz des Staates benötigen würden".
Jetzt mal zur Wirklichkeit: Es wurde ein Gesetz zum (strikten) Nichtraucherschutz in Bayern erlassen. Soweit schön und gut, dann aber mussten gewisse Herrschaften von der CSU eine tiefe Verbeugung vor der Tabaklobby (seeehr seriöse Gesellen, kann man sicher auch mit Recherche belegen) machen und schwupps wurde aus dem Nichtraucherschutzgesetz ein Raucherschutzgesetz.
So, dafür gab es einen Tritt von den Wählern. Zurecht. Das "alte" Nichtraucherschutzgesetz wurde bevorzugt.
Durch solche Eskapaden macht sich die poltische Kaste in Deutschland selber unnötig unglaubwürdig weil wirtschaftshörig.
Das Gleiche ist mit S-21, da wird über und an den Bürgern vorbei ein Planfeststellungverfahren durchgeführt und dann wundert man sich, dass viele Bürger nicht glücklich damit sind.
Genauso kann man es Bundespolitisch sehen, Kriegseinsatz Afghanistan, Laufzeitverlängerung AKW's, Rente 64, Hartz IV - Neuberechnungsfarce, einseitige Sparpaket und der ganze Rest, der einem noch so einfallen könnte.
Alle über Köpfe der Bürger hinweg entschieden (wissen ja eh nicht was Sache ist) und Demonstrationen werden geflissentlich ignoriert.
Irgendwann platzt halt der Knoten beim Bürger.
... dass der Artikel die Lage ziemlich gut wiedergibt, ich finde ihn gut !! ... nur der Statistik halber ;-) ...
ob das nun reaktionär oder konservativ oder sonst wie ist, es macht sich breit ... gruselig !!
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