Das Aids-Shirt von Maison Martin Margiela sagt auf Japanisch: "Es muss mehr gegen Aids getan werden, als dieses T-Shirt zu tragen – aber es ist ein Anfang", 65 Euro

In der Zeit vor Weihnachten trägt die ganze Welt ein rotes Schleifchen. Allüberall wird bekundet, man sei gegen Aids. Den meisten Menschen fällt es nicht schwer, den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember zu begehen – schließlich ist kaum eine Meinung konsensfähiger als die, dass HIV eine schlimme Sache ist. Wer gegen Aids ist, ist immer auf der richtigen Seite. Gleichzeitig hat das Thema in den westlichen Ländern an Schrecken verloren: Das Virus lässt sich mit Medikamenten fast so gut kontrollieren wie eine chronische Bronchitis. Und dort, wo Aids noch eine grausame Krankheit ist – etwa in den Slums von Südafrika oder den Gossen Südostasiens –, dort sind die meisten derjenigen, die sich mit roten Schleifchen dekorieren, noch nie gewesen.

Deshalb wirkt es ein bisschen billig, wenn Modemarken jetzt wieder ihre Aids-Kollektionen auf den Markt bringen. H&M beispielsweise präsentiert wie jedes Jahr eine "Fashion against Aids"-Kollektion und die Maison Martin Margiela ein Anti-Aids-Shirt. Ein Viertel der Verkaufserlöse fließt in die Aidshilfe. Allerdings ist die Mode nicht ohne Grund sehr stark mit Aids verbunden: In der seit je traditionell homosexuellen kreativen Szene wütete das Aids-Virus in den achtziger Jahren besonders stark. "Aids hat praktisch eine ganze Generation von Modedesignern ausgelöscht", hat Suzy Menkes, die Modekritikerin der International Herald Tribune, einmal gesagt. Die Folgen sind noch heute offensichtlich.

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

So wird die Modewelt gegenwärtig von zwei Generationen geprägt – zum einen von Designern wie Roberto Cavalli und Giorgio Armani, die ihre Labels in den siebziger Jahren aufbauten. Zum anderen von einer jungen Gruppe, zu der Raf Simons und Marc Jacobs zählen. Modeschöpfer im Alter von 50 bis 60, also Designer im Alter von John Galliano und Jean-Paul Gaultier, sind selten geworden. Unter anderem deshalb hielten sich Männer wie Valentino und Gianfranco Ferré so lange an der Spitze der Modeszene – es gab niemanden, der sie herausgefordert hätte.

Wenngleich Aids für die Träger von roten Schleifchen etwas Abstraktes geworden ist, bleibt die Krankheit in der Modeszene mit traumatischen Erfahrungen verbunden. Aids mag gebändigt sein – aber die Mode trägt immer noch schwer an den Verlusten.