DIE ZEIT: Herr Kretschmann, was bedeutet Heiner Geißlers Schlichterspruch für den Landtagswahlkampf der Grünen in Baden-Württemberg?

Winfried Kretschmann: Die Projektgegner haben gezeigt: Stuttgart 21 ist nicht leistungsfähig. Dies haben Bahn und Landesregierung eingestanden. Sollten die Forderungen des Schlichters von der Bahn umgesetzt werden, müssen die Bagger stillstehen, muss alles geprüft, möglicherweise neu geplant, beschlossen und finanziert werden. Deswegen werden wir Grüne weiter für die Alternative eines sanierten Kopfbahnhofs kämpfen. Wenn wir Regierungsverantwortung übernehmen, werden wir einen Volksentscheid über das Projekt einleiten.

ZEIT:Wird es eine neue Eskalation geben ? Oder steht das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 nach der Schlichtung jetzt vor dem Zerfall?

Kretschmann: Ich glaube, das Bündnis ist in diesem Schlichtungsverfahren richtig zusammengewachsen. Wir haben der geballten Wucht der Mächtigen und ihrer Fachleute standgehalten – die Argumente lagen auf dem Amboss, die Schlacke ist weg, aber der Stahl ist scharf und gut. Wie die Bürger mit dem Schlichtungsergebnis umgehen werden, kann ich nicht voraussagen, ebenso wenig wie die Reaktion der Gegenseite.

ZEIT: Welche Folgen hat der Schlichterspruch für die schwarz-gelbe Regierung von Baden-Württemberg?

Kretschmann: Die Landesregierung hat sich insofern als lernfähig erwiesen, als sie zukünftig mit dem Schlichterspruch im Rücken ihr Verhältnis zur Bürgergesellschaft neu ordnen muss. Die Zivilgesellschaft hat sich erfolgreich einen Weg in die Institutionen erobert, über den bisher nur die Lobbyisten und starken Interessengruppen verfügten.

ZEIT: Wird die Schlichtung das politische Klima in Baden-Württemberg nachhaltig verändern?

Kretschmann: Ich gehe davon aus, dass jetzt eine Phase des Nachdenkens folgt, denn was Heiner Geißler den beiden Streitparteien mitgegeben hat, muss sich erst mal setzen. Ich glaube nicht, dass die Projektbefürworter zur Tagesordnung übergehen können, zu deutlich hat sich in diesen Schlichtungsrunden gezeigt, dass Stuttgart 21, so wie es geplant und beschlossen wurde, nichts taugt. Dass das Volk in irgendeiner Weise gefragt werden muss , halte ich für unumgänglich.

ZEIT: Die Kosten für den Ausstieg aus dem Projekt werden bis zur Wahl aber noch einmal steigen.

Kretschmann: Erst mal hat die Schlichtung ergeben, dass die Bahn mit völlig überhöhten Ausstiegskosten operiert. Wir gehen von höheren dreistelligen Millionenbeträgen aus – die Bahn beharrt aber trotzig auf ihrer Mondzahl von drei Milliarden Euro.