Eine Frau läuft spätabends eine Straße in Berlin entlang. Es ist kurz nach 23 Uhr, eben war sie noch mit einer Freundin beim Italiener um die Ecke. Es war ein heiterer Abend, zum ersten Mal konnte man draußen sitzen nach dem harten Winter. Frühling liegt in der Luft, es ist der 29. April 2010. Auch woanders sitzen Gäste draußen, man hört ab und zu ein Lachen in der Nacht. Die Frau läuft entschlossen den Gehweg entlang, sie kennt die Straße gut, es ist der Schulweg ihrer Tochter, der Weg zum Kindergarten ihres Sohnes. Dies ist ihr Viertel, Wilmersdorf, hier lebt sie seit über zehn Jahren.

Ihre Schritte sind gut zu hören, die neuen Stiefel haben laute Absätze, der Klang gibt Sicherheit. Die Frau beeilt sich, sie ist ein bisschen spät dran, um elf Uhr wollte sie zu Hause sein, der Babysitter wartet. Schnell auf die andere Straßenseite, die ist zwar etwas dunkler, aber was soll schon passieren in diesem bürgerlichen Wohnviertel. Plötzlich hört sie dicht hinter sich zwei Männerstimmen. Sofort scannt sie die Stimmen, wie es jede Frau tun würde. Der erste Eindruck ist beruhigend, die Stimmen sind jung, unauffällig. Zwei junge Männer, unterwegs zu einer Party, denkt sie. Im nächsten Moment springt der innere Alarm an. Die überholen mich nicht, die kleben dicht hinter mir. Etwas stimmt hier nicht. Ich muss hier weg, ich muss schneller laufen. Das Letzte, was sie sieht, sind ihre Stiefelspitzen. Füße, die versuchen, zu entkommen. Hier reißt die Erinnerung ab.

Diese Frau bin ich. Später wird in der Zeitung stehen: »Frau, 41, überfallen auf der Düsseldorfer Straße.« Eine Minimeldung, wie man sie schon hundertfach überlesen hat. Frau, 41 – das ist ein Niemand, ein graues Wesen, das nachts durch die Straßen huscht und diesmal Pech gehabt hat. Frau, 41 – fast überlese ich mich selbst in der Zeitung. Aber ob ich will oder nicht, dies ist jetzt Teil meiner Geschichte. Ich bin ein Überfallopfer. Am 29. April 2010 bricht um kurz nach 23 Uhr Gewalt über mich herein. Hemmungslos, mitleidlos, maßlos.

Ein Täter schlug mit einer der alten Sprossen zu. Inzwischen ist sie ersetzt worden © Eva Leitolf

Als ich zu mir komme, liege ich auf dem Bürgersteig in meinem Blut. Ich habe keine Ahnung, was geschehen ist. Bin ich gestürzt? Wo sind die beiden jungen Männer, denke ich vollkommen verwirrt, warum haben sie mir nicht geholfen? Ich gehe auf alle viere, versuche mich zu orientieren – alles ist unscharf, trotzdem erkenne ich die vertraute Umgebung. Meine Handtasche, keine Ahnung, wo die ist. Mein Gesicht ist nass und klebrig. Blut, überall Blut. Ich versuche aufzustehen, taumele, falle, kann mich mit den Armen abfangen. Die Kinder, denke ich. Ist zu Hause alles in Ordnung? Ich muss nach Hause, sofort! Ich fühle keine Schmerzen, wanke wie eine Betrunkene über die Straße. Der Blick nach vorn hält mich aufrecht, es ist nicht weit, eine Ecke noch bis zu unserem Haus. Es ist so dunkel, so furchtbar dunkel. Auf die Idee, nach Hilfe zu schreien, komme ich nicht.

An unserer Haustür klingele ich. Der blutige Fingerabdruck wird noch am Klingelbrett kleben, wenn ich aus dem Krankenhaus zurück sein werde. 99 Stufen, ich klammere mich ans Geländer. Florian, der Babysitter, steht in der Wohnungstür. Ich halte die Hände vors Gesicht. »Schau mich nicht an, schau mir nicht ins Gesicht«, flehe ich, »ich bin gestürzt.« Alles, was ich spüre, ist Scham. Die Scham, etwas katastrophal falsch gemacht zu haben. Erstaunlich, wie kraftvoll der Opfermechanismus greift. Was immer geschehen ist, bin ich nicht irgendwie schuld? Dumpf hocke ich danach auf dem Sofa, stiere vor mich hin. Florian reicht mir ein Handtuch, um das Blut zu stoppen, und sagt: »Ich schau mir die Stelle mal an, wo das passiert ist.« Nach wenigen Minuten kehrt er zurück, sagt: »Ich rufe jetzt die Kripo. Ich denke, du bist überfallen worden.«

Da ist es zum ersten Mal ausgesprochen – überfallen. Es ist der Moment, als mein altes Leben aufhört. Heute, nachdem ich weiß, was ich weiß, denke ich: Wo hast du bloß all die Jahre gelebt? In Wolkenkuckucksheim, in einer aufgeschäumten Latte-macchiato-Welt. Da waren zwei junge Männer, warum haben die mir nicht geholfen? Im Nachhinein muss ich fast lachen über meine Naivität. Doch es ist nicht nur Naivität, es sind die Spielregeln meiner Welt: Jung hilft Alt, Stark nimmt Rücksicht auf Schwach, Männer schlagen keine Frauen zusammen. Florian, ein echter Berliner Junge, macht sich da keine Illusionen. Ohne ihn hätte ich wohl bis zum Morgengrauen auf dem Sofa gesessen – blutend, mit Platzwunden, über dem Auge gebrochener Schädel, gebrochene Nase, abgebrochene Zähne. Noch weiß ich von nichts.

In der neonhellen Notaufnahme des Krankenhauses bin ich ganz ruhig. Es ist nach Mitternacht. Zu Hause ist alles geregelt – die Oma ist bei den Kindern. Sie wird am nächsten Tag meinem Mann Bescheid sagen, der ahnungslos auf der anderen Seite der Erde unterwegs ist, tief in Texas. Eine Berliner Nachtgestalt tritt in meinen Behandlungsraum, ganz in Weiß, wie ein Engel, nur dass er sich irgendwas greift und es mitgehen lässt – Mullbinden, Einwegspritzen? Ich weiß es nicht. Der Penner-Engel starrt mich an, ich muss spektakulär aussehen. Zwei Ärztinnen nähen mich synchron – über der Augenbraue und am Hinterkopf. Die eine toupiert liebevoll um die kahle Wunde herum, damit man die Rasur nicht sieht. Ich bin ihr so dankbar für diese Geste, doch ich kann kaum sprechen, der Schock, die Schwellung, die Erschöpfung. Als Dank übergebe ich mich in eine Nierenschale. Die Anspannung weicht, ich lasse mich fallen. Krankenhaus! Hier bin ich sicher.