Eine Frau läuft spätabends eine Straße in Berlin entlang. Es ist kurz nach 23 Uhr, eben war sie noch mit einer Freundin beim Italiener um die Ecke. Es war ein heiterer Abend, zum ersten Mal konnte man draußen sitzen nach dem harten Winter. Frühling liegt in der Luft, es ist der 29. April 2010. Auch woanders sitzen Gäste draußen, man hört ab und zu ein Lachen in der Nacht. Die Frau läuft entschlossen den Gehweg entlang, sie kennt die Straße gut, es ist der Schulweg ihrer Tochter, der Weg zum Kindergarten ihres Sohnes. Dies ist ihr Viertel, Wilmersdorf, hier lebt sie seit über zehn Jahren.

Ihre Schritte sind gut zu hören, die neuen Stiefel haben laute Absätze, der Klang gibt Sicherheit. Die Frau beeilt sich, sie ist ein bisschen spät dran, um elf Uhr wollte sie zu Hause sein, der Babysitter wartet. Schnell auf die andere Straßenseite, die ist zwar etwas dunkler, aber was soll schon passieren in diesem bürgerlichen Wohnviertel. Plötzlich hört sie dicht hinter sich zwei Männerstimmen. Sofort scannt sie die Stimmen, wie es jede Frau tun würde. Der erste Eindruck ist beruhigend, die Stimmen sind jung, unauffällig. Zwei junge Männer, unterwegs zu einer Party, denkt sie. Im nächsten Moment springt der innere Alarm an. Die überholen mich nicht, die kleben dicht hinter mir. Etwas stimmt hier nicht. Ich muss hier weg, ich muss schneller laufen. Das Letzte, was sie sieht, sind ihre Stiefelspitzen. Füße, die versuchen, zu entkommen. Hier reißt die Erinnerung ab.

Diese Frau bin ich. Später wird in der Zeitung stehen: »Frau, 41, überfallen auf der Düsseldorfer Straße.« Eine Minimeldung, wie man sie schon hundertfach überlesen hat. Frau, 41 – das ist ein Niemand, ein graues Wesen, das nachts durch die Straßen huscht und diesmal Pech gehabt hat. Frau, 41 – fast überlese ich mich selbst in der Zeitung. Aber ob ich will oder nicht, dies ist jetzt Teil meiner Geschichte. Ich bin ein Überfallopfer. Am 29. April 2010 bricht um kurz nach 23 Uhr Gewalt über mich herein. Hemmungslos, mitleidlos, maßlos.

Als ich zu mir komme, liege ich auf dem Bürgersteig in meinem Blut. Ich habe keine Ahnung, was geschehen ist. Bin ich gestürzt? Wo sind die beiden jungen Männer, denke ich vollkommen verwirrt, warum haben sie mir nicht geholfen? Ich gehe auf alle viere, versuche mich zu orientieren – alles ist unscharf, trotzdem erkenne ich die vertraute Umgebung. Meine Handtasche, keine Ahnung, wo die ist. Mein Gesicht ist nass und klebrig. Blut, überall Blut. Ich versuche aufzustehen, taumele, falle, kann mich mit den Armen abfangen. Die Kinder, denke ich. Ist zu Hause alles in Ordnung? Ich muss nach Hause, sofort! Ich fühle keine Schmerzen, wanke wie eine Betrunkene über die Straße. Der Blick nach vorn hält mich aufrecht, es ist nicht weit, eine Ecke noch bis zu unserem Haus. Es ist so dunkel, so furchtbar dunkel. Auf die Idee, nach Hilfe zu schreien, komme ich nicht.

An unserer Haustür klingele ich. Der blutige Fingerabdruck wird noch am Klingelbrett kleben, wenn ich aus dem Krankenhaus zurück sein werde. 99 Stufen, ich klammere mich ans Geländer. Florian, der Babysitter, steht in der Wohnungstür. Ich halte die Hände vors Gesicht. »Schau mich nicht an, schau mir nicht ins Gesicht«, flehe ich, »ich bin gestürzt.« Alles, was ich spüre, ist Scham. Die Scham, etwas katastrophal falsch gemacht zu haben. Erstaunlich, wie kraftvoll der Opfermechanismus greift. Was immer geschehen ist, bin ich nicht irgendwie schuld? Dumpf hocke ich danach auf dem Sofa, stiere vor mich hin. Florian reicht mir ein Handtuch, um das Blut zu stoppen, und sagt: »Ich schau mir die Stelle mal an, wo das passiert ist.« Nach wenigen Minuten kehrt er zurück, sagt: »Ich rufe jetzt die Kripo. Ich denke, du bist überfallen worden.«

Da ist es zum ersten Mal ausgesprochen – überfallen. Es ist der Moment, als mein altes Leben aufhört. Heute, nachdem ich weiß, was ich weiß, denke ich: Wo hast du bloß all die Jahre gelebt? In Wolkenkuckucksheim, in einer aufgeschäumten Latte-macchiato-Welt. Da waren zwei junge Männer, warum haben die mir nicht geholfen? Im Nachhinein muss ich fast lachen über meine Naivität. Doch es ist nicht nur Naivität, es sind die Spielregeln meiner Welt: Jung hilft Alt, Stark nimmt Rücksicht auf Schwach, Männer schlagen keine Frauen zusammen. Florian, ein echter Berliner Junge, macht sich da keine Illusionen. Ohne ihn hätte ich wohl bis zum Morgengrauen auf dem Sofa gesessen – blutend, mit Platzwunden, über dem Auge gebrochener Schädel, gebrochene Nase, abgebrochene Zähne. Noch weiß ich von nichts.

In der neonhellen Notaufnahme des Krankenhauses bin ich ganz ruhig. Es ist nach Mitternacht. Zu Hause ist alles geregelt – die Oma ist bei den Kindern. Sie wird am nächsten Tag meinem Mann Bescheid sagen, der ahnungslos auf der anderen Seite der Erde unterwegs ist, tief in Texas. Eine Berliner Nachtgestalt tritt in meinen Behandlungsraum, ganz in Weiß, wie ein Engel, nur dass er sich irgendwas greift und es mitgehen lässt – Mullbinden, Einwegspritzen? Ich weiß es nicht. Der Penner-Engel starrt mich an, ich muss spektakulär aussehen. Zwei Ärztinnen nähen mich synchron – über der Augenbraue und am Hinterkopf. Die eine toupiert liebevoll um die kahle Wunde herum, damit man die Rasur nicht sieht. Ich bin ihr so dankbar für diese Geste, doch ich kann kaum sprechen, der Schock, die Schwellung, die Erschöpfung. Als Dank übergebe ich mich in eine Nierenschale. Die Anspannung weicht, ich lasse mich fallen. Krankenhaus! Hier bin ich sicher.

 

Sechs Tage werde ich auf der Station bleiben. Schädel-Hirn-Trauma zweiten Grades. Schädelbruch über der Augenhöhle. Hirnhautriss. Luftbläschen sind eingedrungen, es besteht Infektionsgefahr. Niemand weiß, wie sich die Blutung am Gehirnaußenrand entwickelt. Sollte ich plötzlich doppelt sehen, schärft man mir ein, muss ich sofort eine Schwester rufen.

Die nächsten Tage komme ich mir vor wie eine Mumie. Mein Gesicht, mein Oberkörper sind geschwollen, und ganz tief drinnen, da hocke ich, starre hinaus und versuche zu begreifen: Was ist los? Wer waren die Täter? Fast totgeschlagen wegen einer Handtasche, die Beute 35 Euro, das Babysittergeld. Ihre Stimmen verrieten mir: jung, männlich, deutsch. Eine ziemlich große Gruppe von Verdächtigen. Der zuständige Polizist, mit dem ich vom Krankenhausbett aus telefoniere, klingt nicht optimistisch.

Im Viertel ist am Tag nach dem Überfall das Entsetzen groß. Der blutverschmierte Tatort liegt am Schulweg zweier Grundschulen. Auch meine Kinder sind, an der Hand der Oma, wie Hänsel und Gretel meiner Blutspur gefolgt, die an der Wohnungstür anfängt. Tropfen für Tropfen, über die Treppe, den Bürgersteig, die Kreuzung. Bis sie dorthin kommen, wo alles geschah, zu meinem blutigen Handabdruck am Laternenpfahl, dem anderen an der Bordsteinkante. In der Klasse bricht unsere Tochter weinend zusammen. Danach weiß der ganze Schulhof vom Überfall.

Um den Schock des Viertels zu verstehen, muss man Berlin verstehen. Natürlich, es gibt Kriminalität. Einbrüche. Überfälle. Trotzdem hat die Stadt viele intakte Kieze; umgrenzt von Ausfallstraßen, wirken sie wie Inseln. Um den Ludwigkirchplatz liegt ein solcher Kiez. Man kennt sich, grüßt sich, passt aufeinander auf. Probleme löst man durch Reden, viel Reden, manchmal auch mit Geld, bestimmt nicht durch Fäuste. »Die machen unser Viertel kaputt«, empört sich später eine Bekannte – die, das sind die Täter. Und tatsächlich, sie sind von außen angelandet, an einem U-Bahnhof, der ihnen nichts sagte. Ziellos und doch entschlossen sind sie herumgeirrt, angetrunken, gewaltbereit, pleite. Dass unsere Wege sich kreuzten: ein böser Zufall.

Es dauert gar nicht lange, bis sie gefasst werden. Zwölf Tage. Da haben sie einen räuberischen Amoklauf hinter sich, sechs Überfälle in weniger als zwei Wochen. Drei, nicht nur zwei jugendliche Täter seien es, sagt mein Polizist, »Brandenburger«. So schwer war es nicht, das Trio aufzuspüren, denn was ich als Nachteil empfand, war ein Vorteil: jung und deutsch. Die meisten Überfälle geschahen im Wedding, da ist dieses Täterprofil rar. Türken und Araber sind dort der Standard. Ob ich sofort zur Zeugenaussage kommen könne? Referat Verbrechensbekämpfung, Abteilung Jugendgewalt. Mein Mann, überstürzt aus den USA hergereist, fährt mich hin.

Wir sitzen auf dem Flur des Präsidiums auf einer Holzbank und warten. Da öffnet sich eine Tür, ein schlaksiger junger Kerl wird, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, von zwei Beamten auf den Gang geführt. Obwohl ich ihn nicht erkenne, weiß ich, der gehörte dazu. Er muss an uns vorbei. Jetzt entdeckt er uns, doch mich, die ich mit zwei blauen Augen dort sitze, beachtet er nicht. Er starrt meinen Mann an. Der Blick ist nicht dumpf – sondern fast kindlich neugierig. Damit haben wir, hat mein Mann nicht gerechnet. Seit Tagen verfällt er immer wieder in Rachefantasien, neben allem Schrecken und Mitleid fühlt er sich gedemütigt: Ich bin so grauenhaft zusammengeschlagen worden, und er konnte mich nicht schützen. Das nagt an ihm, bis heute. Es ist ein Anflug verzweifelter, archaischer Wut, den ich auch bei anderen Männern erlebe, der mich überrascht und berührt. Jetzt steht mein Mann auf, macht einen drohenden Schritt auf den Kerl zu, der dreht sich zu ihm hin, ein kurzer Moment, dann geht eine Beamtin dazwischen, der Täter wird weitergezogen. Mein Mann schnauft, braucht eine Weile, um sich zu beruhigen.

Ein neugieriger Blick – wie positiv das klingt. Kinder sollen ja neugierig sein. Aber es gibt auch eine Neugier des Bösen: Wie viele Schläge hält ein Mensch aus, wie weit spritzt Blut? Ob er nicht wissen wolle, ob die Frau noch lebe, die sie überfallen hätten, wird der Kerl später von Polizisten gefragt. Da lehnt sich der Siebzehnjährige zurück, grinst und sagt: »Und? Lebt sie noch?«

Meine Zeugenvernehmung ist kurz, viel polizeilich Relevantes habe ich ja nicht zu erzählen. Ich habe niemanden gesehen, kann niemanden identifizieren, es ist keine Erinnerung zurückgekehrt, bis heute nicht. Das Protokoll ist unterschrieben, der Kripobeamte weiß nun, dass ich nichts weiß. »Wollen Sie erfahren, was an dem Abend passiert ist?«, fragt er. Ich nicke. Es ist die erste unscharfe Version eines Bildes, das nach und nach klarer wird – dank Verhören, Aussagen, Gutachten. Nur die Täter erzählen, Zeugen gibt es nicht.

Es läuft am Ende darauf hinaus: Am Abend des 29. April ziehen die drei los, fahren S- und U-Bahn und landen zufällig in unserer Gegend, auf der Suche nach einem Opfer. Sie brauchen Geld. Als sie mich von hinten sehen, sagt der eine: »Das ist sie.« Aus einer Tasche, die sie extra gepackt haben, holen sie eine dicke Treppensprosse hervor, herausgetreten aus einem gründerzeitlichen Treppengeländer dort, wo sie gerade wohnen. Die Gründerzeit hat beim Bauen geklotzt, nicht gekleckert – die Sprosse ist massiv und gedrechselt. In der Hand des Jüngsten wird sie zur wuchtigen Keule, zum Baseballschläger, damit wird er auf mich einschlagen. Absurd, ausgerechnet mit einem Gründerzeit-Treppenteil fast totgeschlagen zu werden. Normalerweise schreibe ich Romane, Unterhaltungsromane, und in meinem letzten spielt die Gründerzeit eine große Rolle. Vorausschauend tragen die Täter bei ihren Überfällen Einweghandschuhe, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Krimiwissen.

 

Zwei laufen also hinter mir her, die Keule in der Hand, der dritte steht Schmiere. Sie behaupten, sie hätten mir dann unmittelbar von hinten auf den Kopf geschlagen, aber das kann nicht stimmen. Zwischen dem Ort meiner letzten Erinnerung und der großen Blutlache liegen rund achtzig Meter; vermutlich bin ich gerannt, habe versucht, zu fliehen. Was immer ich getan habe, ich war viel zu leise. Auf der Höhe einer Laterne holen sie mich ein, schlagen mir von hinten auf den Schädel, ich falle zu Boden. »Wie ein Klappstuhl«, werden sie später in der U-Bahn feixen. Der zweite – den wir im Flur gesehen haben – tritt mir ins Genick, versucht so, die Tasche wegzureißen, die ich unter den Arm geklemmt habe. Bei anderen Überfällen hat er Frauen ungebremst ins Gesicht geschlagen. Vermutlich habe ich ihm die gebrochene Nase und die kaputten Zähne zu verdanken. Jetzt haben sie die Tasche, doch sie können nicht aufhören.

Völlig benommen komme ich wohl mit dem Kopf noch mal hoch. Der Hauptteil meiner Familie stammt aus Niedersachsen, alles Bauern, wir haben harte Schädel. Da schlägt mir der Jüngste mit dem Treppenteil frontal ins Gesicht, er ist wirklich jung, drei Tage zuvor erst sechzehn geworden. Sein Schlag landet über dem linken Auge – ein knackendes Geräusch, der Schädelbruch. Erst dieses Geräusch lässt die drei zur Besinnung kommen, jetzt schnell weg, der dritte, der Schmiere steht, ist so schockiert, dass sie ihn vom Tatort wegziehen müssen. Ich bleibe reglos liegen. Sie holen keine Hilfe. Natürlich nicht. Stattdessen hauen sie eine Ecke weiter noch eine Frau mit der Keule nieder, aus Angst, sie könnte mir helfen.

»Und? Lebt sie noch?«

Plötzlich öffnet sich die Tür, ein zweiter Kripomann tritt hinzu. Wortlos greift er in seine Tasche und holt meinen Hausschlüssel heraus. Ein unwirklicher Moment – mein geraubter Schlüssel, da ist er wieder. Die Schlösser sind längst ausgetauscht, egal. Dies ist der Beweis, dass es wirklich die Täter sind.

Meine Stimmung kippt, ich werde fast euphorisch. Gefasst! Doch seltsam, die beiden Polizisten wirken so verhalten. Die kämen jetzt doch sicher in U-Haft, frage ich. Der Kripomann weicht aus. Na ja, sie machten jetzt alles für den Haftrichter fertig, aber die drei seien so jung, sechzehn und siebzehn. Es komme auf den Richter an, aber – er bricht ab. Die Frustration ist unüberhörbar. Zum ersten Mal erlebe ich den Graben zwischen Polizei und Justiz. Man muss sich Kripobeamte als Männer der Tat vorstellen, Reden ist nicht so ihr Ding. Sie versuchen, diese verrückte, verkommene Stadt irgendwie im Griff zu haben, sodass wir alle sicher leben können. Und wenn sie dann mal einen verhaftet haben, kommen die Anwälte und boxen den Täter wieder raus, kommen die Richter und urteilen viel zu milde oder lassen ihn gleich ziehen. Das ist die Sicht der Polizisten.

Als wir zum Auto gehen, bin ich erleichtert. Es ist vorbei, die Täter sind gefasst und geständig. Ich schlafe seit dem Überfall schlecht, doch die nächste Nacht ist besser. Zu früh gefreut, die Polizisten lagen richtig mit ihrer Ahnung. Der Haftrichter ordnet statt U-Haft bis zum Prozess ein offenes Heim an – zwei kommen in ein Jugendheim in Tegel, eine alte Villa, einer soll nach Brandenburg. Alle drei hauen in den folgenden 48 Stunden ab, bei der Villa ist das kein Problem, eine einzige Erzieherin hat Nachtdienst, das Gelände ist ungesichert. Mit einem Messer wird sie zur Herausgabe der persönlichen Sachen gezwungen. Der dritte überlistet die Polizisten auf einem Autobahnrastplatz.

Niemand ruft mich an. Ich erfahre von der Flucht aus der Zeitung – wieder so eine kleine Meldung. Am nächsten Tag wird eine größere Geschichte daraus. Berlin hat vor Jahren seine geschlossenen Heime abgeschafft, zu teuer, politisch nicht mehr gewollt. Das ist jetzt die Quittung. Ich bekomme Panik. Was, wenn die Kerle plötzlich vor mir stehen? Sie kennen mich, meinen Personalausweis, ich dagegen würde sie nicht erkennen. Nur einen habe ich zufällig im Polizeiflur gesehen, die anderen zwei sind mir völlig unbekannt, nicht mal ein Foto wurde mir gezeigt. Dürfen wir leider nicht, erklärt mir eine Polizistin. Selbst später, als verurteilte jugendliche Täter, genießen die drei hohen Persönlichkeitsschutz. Keine Fotos, keine Klarnamen. Und wer, verflucht, schützt mich? Warnt mich wenigstens, wenn sie ausreißen?

 

Eine Woche später ist das Trio zum zweiten Mal gefasst. Diesmal erfahre ich es nicht aus der Zeitung, aus dem Präsidium kommt eine Vorab-E-Mail. Die mehr als vier Monate bis zum Prozessbeginn verbringen die Täter jetzt in U-Haft. Von offenen Heimen redet nun keiner mehr.

Wir als Familie befinden uns inzwischen in der stabilen Seitenlage. Der Überfall dominiert nicht mehr unser Leben, äußerlich sieht man mir kaum mehr etwas an. Wochenlang spülte ich beim Haarewaschen verschorftes Blut heraus, das ist vorbei. Die Narbe über meiner Augenbraue wird immer dezenter, auch die Schwellung geht zurück. Wir verleben einen schönen Sommer mit den Kindern, bis auf manche Nächte. »Die Diebe« und »der Tod« sind jetzt Hauptfiguren ihrer Albträume, unser Sohn träumt immer wieder, wie er ein gemaltes Bild auf mein Grab legt. Ab und zu erreicht mich ein Anruf der Polizei, ein Brief der Staatsanwaltschaft, eine E-Mail meines Anwalts.

Zum ersten Mal im Leben brauche ich einen Anwalt. Ohne ihn würde der nun anstehende Prozess weitgehend an mir vorbeigehen. Ein kurzer Auftritt vor Gericht als Geschädigte, danach füllt man die »Bescheinigung über Verdienstausfall« aus, das wars. So ergeht es den anderen Opfern aus der Überfallserie. Sie dürfen noch nicht mal hinterher auf den Zuschauerbänken Platz nehmen. Für die drei jungen Täter gilt Jugendstrafrecht, was heißt, dass der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Jugendliche gelten halt als besonders schützenswert. Ich dagegen bin dank meines Anwalts Nebenklägerin. Damit kann ich dem gesamten Prozess beiwohnen, kann mithören, eventuell über meinen Anwalt Einfluss nehmen. Das ist nur möglich, weil die Anklage in meinem Fall besonders schwer wiegt: versuchter Totschlag.

Doch wenige Tage vor Prozessbeginn kriege ich kalte Füße. Die Vorstellung, mit den Tätern stundenlang in einem Gerichtssaal zu hocken, ist mir zuwider. Außerdem muss ich alleine kommen, keiner darf mich begleiten, mein Mann nicht, keine Freundin. Ich rufe meinen Anwalt an, versuche mich herauszuwinden. Eine Zeugenaussage reiche doch völlig. Er schlägt mir für den Anfang vor, dass ich bei der Anklageverlesung dabei bin und danach gehe. Es ist ein guter Rat. Eine Anklageverlesung ist eine trockene Sache, Namen, Daten, Paragrafen, alles ziemlich abstrakt. Aber ich bin konkret, ich werde im Raum sitzen, eine Frau von 1,60 Metern. Die Ungeheuerlichkeit wird augenscheinlich werden.

Das Landgericht an der Turmstraße ist ein imposanter Kaiserzeitbau mit altehrwürdigen Gerichtssälen. Schnell stelle ich fest, meine Angst, mit den Tätern fast allein im Saal zu sitzen, war unbegründet. Nur weil mich allein mein Anwalt begleiten darf, gilt das nicht für sie. Am ersten Prozesstag erscheint eine regelrechte Täter-Entourage: außer drei Verteidigern auch drei Jugendrechtspfleger und mehrere Mitarbeiter diverser Brandenburger Jugendämter; sie haben die gesamte oder geteilte Vormundschaft für die Täter. Auch ein Vater kommt, der einzige. Ein kleiner Mann mit Krücke, dem man die Härte seines Lebens am Gesicht ablesen kann. Er trägt eine Camouflage-Hose, wenn er sich setzt, rutscht sie hoch, und man sieht auf dem Unterschenkel grobe Tätowierungen. Knasttätowierungen.

Dann geht eine Art Tapetentür auf, die Angeklagten werden hereingeführt. Drei junge Männer, wie man sie tausendfach in Berlin und Brandenburg sieht. Jeder von ihnen ist größer als ich, kräftiger. Jetzt kann ich die Tat noch weniger fassen – sie hätten mir die Tasche doch einfach entreißen können, ich hätte keine Chance gehabt. Warum diese brutale Gewalt?

Ich sehe die Täter an – und fühle nichts. Ich kenne diese drei Typen nicht, ich habe keine Geschichte mit ihnen, keinen Konflikt gehabt, nichts. Alles, was uns verbindet, ist die Tatsache, dass sie mich fast umgebracht haben. Einfach so, nebenbei, willkürlich. Im Grunde interessiert mich nicht, wer sie sind und warum sie so geworden sind, wie sie sind. Wenn ich hier kurz ihre Geschichte erzähle, dann nur im Interesse der Allgemeinheit, nicht der Täter – weil ich am eigenen Leib erfahren musste, dass im weiten, von der Öffentlichkeit blickdicht abgeschotteten Feld der Heimerziehung und Intensivpädagogik etwas furchtbar schiefläuft. Es wurden schon viel zu viele mitfühlende Tätergeschichten geschrieben, ich schreibe nicht noch eine. Eine kaputte Kindheit ist kein Freifahrtschein für Mord und Totschlag.

Im Gericht hört man, alle drei wurden früh aus ihren Elternhäusern herausgeholt; mal vom Vater geschlagen, mal fühlte sich die Mutter überfordert. Keine der Elternehen ist intakt. Alle drei sind Brandenburger Nachwendekinder, geboren in Luckenwalde, Lübben, Lauchhammer. Die beiden Haupttäter kommen gleich ins Kinderheim, der dritte lebt ein Jahrzehnt lang in einer Pflegefamilie, bis es dort kracht. Danach ist auch er ein Heimkind.

 

Ein Heim ist keine Familie, es ist ein Vertragsverhältnis. Je älter die drei werden, je aggressiver, kräftiger, bedrohlicher, desto öfter schieben die Heime sie ab. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein beliebter Abschiebeort. Nicht nur dort, überall, auch in den Heimen, wird therapiert, was das Zeug hält. Einzeltherapie, Einzelunterricht, Einzelzimmer. Die drei bekommen – unabhängig voneinander – immer neue pathologische Etiketten. Narzisstisch, dissoziale Persönlichkeitsstörung, hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens, reaktive Bindungsstörung, ADHS. »Therapier mich nicht!«, brüllt einer der Täter seine Erzieherin an. Heime wie die Haasenburg in Brandenburg weigern sich irgendwann, die Jungs noch aufzunehmen. Die Haasenburg brüstet sich, mit schweren Fällen klarzukommen. Auch die Anzahl der Fluchten steigt. »Abgängig«, heißt es dann. Die Heimwechsel folgen in immer schnellerem Rhythmus, die Aggression steigt, zunehmend haben alle Angst vor den drei. Niemand stellt sich ihnen dauerhaft in den Weg. Alles läuft auf eine Katastrophe zu.

»Und wenn ich einen umbringen muss, damit ich in den Knast komme – da habe ich meinen Fernseher, meine Zigaretten und meine Ruhe«, droht der Brutalste der drei im Februar 2010 in Gifhorn, nachdem die Polizei zum dortigen Kinderheim gerufen wurde. Er hatte randaliert. Da ist er noch fünfzehn. Zwei Monate später wird er nachts mit der Holzkeule auf mich einschlagen.

Man muss sich die drei vorstellen wie eine entsicherte Waffe. Und wer will schon eine entsicherte Waffe im Haus haben, die gleich losgehen kann? Da kommen drei verschiedene Stellen auf die Idee, ihre Problemfälle zu »BoB« zu schicken, im Wedding. »BoB« heißt »Bude ohne Betreuung«. Ein »niedrigschwelliges Angebot«, soll heißen, die Jugendlichen werden nicht weiter von Pädagogen belästigt. Sie bekommen eine Einzimmerwohnung und pro Woche rund 52 Euro, den Rest müssen sie selber regeln. Wollen sie reden, haben sie einmal in der Woche eine Stunde mit einem Sozialarbeiter. Ansonsten sind sie weithin sich selbst überlassen. Die Jugendlichen sollten durch das Gefühl von »Einsamkeit und Langeweile« ihre eigene »Strukturlosigkeit« wahrnehmen, heißt es im BoB-Konzept, um dann das Bedürfnis nach Struktur zu entwickeln. Tatsächlich entwickeln die drei in kürzester Zeit eine Struktur, eine schwerkriminelle.

Das BoB liegt in einem Gründerzeithaus im Wedding, dort treffen die drei aufeinander. Dort treten sie die Treppensprosse aus dem Geländer. Dort brechen sie zu ihren Raubzügen auf. Dort foltern die zwei Haupttäter, wie ich in der Zeitung lese, eine Mitbewohnerin in der Nacht vom 8. Mai über Stunden fast zu Tode, einfach so; der Prozess dazu läuft gerade. Das BoB-Betreuerteam? Hat nichts mitbekommen, es gibt keinen durchgängigen Nachtdienst.

Im Gericht sind alle im Lauf der Verhandlung immer fassungsloser – die Richter und die Schöffen, die Staatsanwältin, selbst die Verteidiger. Er habe ja schon viel gesehen, sagt der Vorsitzende Richter am Ende des Prozesses, aber so etwas »Desolates« sei ihm selten untergekommen. Biografien, vollkommen ohne Halt – keine Familie, keine Religion, keine abgeschlossene Schulausbildung, keine Hobbys. Dabei sind die drei das Produkt von lauter gut gemeinten Absichten – einer weitverzweigten Sozial- und Therapieindustrie, von Sozialpädagogen, Psychotherapeuten, Erziehern, Angestellten der Jugendämter. Viele, die in diesen Berufen arbeiten, sind Frauen. Fast alle Opfer der Serie sind Frauen. Nach meiner Aussage wird eine der zuständigen Jugendamtsmitarbeiterinnen auf mich zukommen: »Es tut mir so leid. Ich kenne ihn doch schon so lange, dass er zu so etwas fähig ist, das habe ich doch nicht gewusst, ich kann doch nicht in seinen Kopf gucken...« Sie beginnt zu weinen. Empathie ist der Kraftstoff der pädagogischen Berufswelt. Der Totschläger und der Faustschläger dagegen, nur wenige Meter entfernt, sind bar jeder Empathie.

Am fünften Prozesstag verkündet der Richter das Urteil. Er folgt weitgehend dem Antrag der Staatsanwältin: Der Haupttäter, der mit dem Treppenteil, wird zu fast fünf Jahren verurteilt – unter anderem wegen versuchten Totschlags in meinem Fall. Der zweite, der Faustschläger, kriegt viereinhalb, aber da ist schon die Verurteilung aus einem anderen Prozess hineingerechnet. Der dritte, der Schmiere stand, erhält gut zwei Jahre ohne Bewährung. Hätte er nicht bei der Flucht nach der ersten Festnahme eine Erzieherin mit dem Messer bedroht, wäre er wohl auf Bewährung freigekommen. Bei ihm hat das Gericht Hoffnung, dass er noch die Kurve kriegt. Im Gefängnis sollen alle eine Lehre machen, womöglich einen Schulabschluss. »Es ist Ihre letzte Chance«, betont der Richter mehrmals. Man hört die Skepsis heraus. Revision wird kein Verteidiger einlegen, das Urteil gilt. Es ist hart. Es ist richtig.

Und jetzt? Ist es vorbei? Ob mein Erinnerungsverlust von Dauer oder nur vorübergehend sei, hatte der Richter die Gerichtsmedizinerin im Prozess gefragt. Vorübergehend, antwortete die bestimmt. Die Bilder dieser Tatnacht würden zurückkehren. In einigen Jahren, in ein paar Monaten, jederzeit.