Der WikiLeaks-Gründer Julian Assange behauptet, die Geschichte müsse nach seinen neuesten Enthüllungen, der massenhaften Publikation vertraulicher amerikanischer Botschaftsberichte an das Außenministerium in Washington, neu geschrieben werden. Das ist natürlich eine schamlose Übertreibung. Dennoch passiert gerade etwas Neues. Das Neue ist nicht so sehr, dass die unfreundlichen Urteile amerikanischer Diplomaten über ausländische Politiker öffentlich werden und damit Peinlichkeit erzeugen. Auch nicht die Erkenntnis, dass die USA mit der Unbedenklichkeit einer Supermacht ihre Interessen verfolgen, dass sie Informanten in fremden Regierungen und ausländischen Parteien haben. Sondern das Neue ist: Diplomatie wird intransparenter, die Lage am Persischen Golf gefährlicher, der Journalismus begibt sich in Gefahr.

Enthüllung der Sensation – Enthüllung als Sensation

Beginnen wir mit einer hübschen Nebensache. Ganz ohne Enthüllungen, vielmehr durch einen einfachen Anruf beim Archiv ist es uns gelungen, die Geschichte des Begriffs »Teflon-Kanzlerin« zurückzuverfolgen. Am 22. März 2009 fiel er erstmals in der Talkshow von Anne Will als »Teflon-Strategie« der Kanzlerin. Das hat offenbar ein amerikanischer Botschaftsmitarbeiter aufgeschnappt und nach Washington gemailt, wo es dann von einem Mitarbeiter geleakt und von WikiLeaks verbreitet wurde, um schließlich als Enthüllung in allen deutschen Zeitungen wieder aufzutauchen. Kurzum: Die Enthüllung ist die Sensation, der Inhalt banal.

Von W. I. Lenin zu J. Assange

Das könnte der vorläufige Endpunkt einer bewegten Geschichte politischer Enthüllungen sein. Lenin etwa war ein wahrer Meister in Sachen Indiskretion. Er wusste den Geheimnisverrat zu nutzen, um seine Gegner moralisch zu zerschmettern, so wie es wohl auch Julian Assange vorschwebt. Als Lenin nach der Oktoberrevolution 1917 Geheimabkommen des gestürzten Zarenregimes mit den europäischen Großmächten öffentlich machte, ging es ihm selbstverständlich nicht um mehr Transparenz, es ging schlicht um Macht.

Eine ganz andere Funktion hat die Lüftung von Geheimnissen, die den Betrug des Staates an seinen eigenen Bürgern aufdeckt. Für großen investigativen Journalismus steht die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere Anfang der siebziger Jahre, die offenbarte, wie die US-Regierung die Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg getäuscht hatte. Auch die diesjährigen Veröffentlichungen der Irak- und Afghanistanprotokolle durch WikiLeaks atmeten noch diesen Geist. Sie waren legitim, weil die Kriegsbegründungen und Kriegsberichte der Amerikaner so unaufrichtig waren.

Der Nutzen wird zur Nebensache

Die neuesten Enthüllungen hingegen stellen eine neue Qualität dar, sie sind eine journalistische Schubumkehr: Es wird nicht mehr etwas geleakt, um einen bestimmten Missstand öffentlich zu machen, vielmehr wird eine ungeheure Menge an Informationen an ausgewählte Medien gegeben, die dann danach suchen, ob nicht irgendetwas Skandalöses dabei sein könnte. Nicht der Zweck heiligt die Mittel, die Mittel sind schon da und suchen sich ihren Zweck. Das stellt die moralische Lage des Journalismus auf den Kopf, denn: Schon immer verursachten Enthüllungen einen politischen, rechtlichen und persönlichen Kollateralschaden, der in Kauf genommen werden konnte und musste. Nun aber ist der Schaden die Hauptsache, der bestenfalls noch einen Kollateralnutzen nach sich zieht.

Der »Spiegel« und die Irrelevanz

Soll man deswegen die Finger davon lassen? Es wäre heuchlerisch, etwa dem Spiegel (oder den anderen das WikiLeaks-Material publizierenden Blättern New York Times, Guardian, Le Monde und El País) vorzuwerfen, dass er mit dem Stoff etwas macht. Wohl jede Zeitung hätte das getan. Die Frage ist, was der Spiegel damit macht. Natürlich ordnet das Magazin die Zitate ein, erklärt, warum es etwas Besonderes ist, dass ein Chinese die Wiedervereinigung Koreas für denkbar oder ein Araber die Bombardierung Irans für wünschenswert hält. Beiseitegelassen wird indes, dass bei den wenigsten Aussagen aus den Dokumenten ein Relevanznachweis erbracht werden kann: In welchem Zusammenhang wurde da etwas gesagt, wurde es korrekt übermittelt, wie bedeutend ist die Quelle? Hat der Informant aus Eitelkeit oder aus ideologischen Motiven so gesprochen? Da man all das zumeist nicht klar beantworten kann, ist das Gesagte journalistisch und politisch überwiegend unbrauchbar. Derlei Relativierungen finden sich in den Veröffentlichungen der beteiligten Medienpartner, auch beim Spiegel, naturgemäß nicht.