Die mächtigste Frau Asiens bekennt sich als Sozialdemokratin, und sie tut es auf politisch heiligem Boden. Sonia Gandhi, Chefin der indischen Kongresspartei, die das Land regiert, spricht im Garten des Teen Murti House, einst Amtssitz des Gründungs-Ministerpräsidenten Nehru, heute ein Museum, eine nationale Gedenk- und Weihestätte. Die Szenerie ist von fantastischer Postkartenhaftigkeit: eine Oase der Ruhe in der 14-Millionen-Stadt Delhi, Vollmond im milden Abendhimmel, vor der Rednerin auf dem gepflegten Rasen eine Teegesellschaft, wie sie aus den späten Tagen des britischen Empire stammen könnte. Aber die Sache selbst, die sich hier abspielt, wirkt noch märchenhafter. Eine politische Philosophie, die in ihrer europäischen Heimat in einer tiefen Krise steckt, wird als Erfolgsrezept für eine aufsteigende Riesennation ausgerufen. Indien brauche, so Sonia Gandhi, eine "kohärente sozialdemokratische Agenda: Sie muss auf Rechte und Ansprüche gründen, nicht auf Wohltätigkeit". Sie wehrt sich gegen das Vorurteil, der Sozialstaat sei nur etwas für reiche Länder. "Ohne soziale Demokratie", erklärt sie, "könnte die indische Demokratie selbst untergraben werden", "Inseln des Wohlstands in einem Meer der Verelendung können nur Stürme des Konflikts und der Instabilität hervorrufen". Eine dramatische Diagnose, in der die sozialdemokratische Idee als zugleich revolutionäre und selbstverständliche Therapie erscheint.

Als Europäer, der von der Sozialdemokratie zuletzt vor allem schlechte Wahlergebnisse und quälende Selbstzweifel gewohnt war, traut man seinen Ohren nicht. Aber die indische Perspektive ist eine andere. Nach Jahrzehnten der Stagnation hat das Land boomartige Wachstumsraten erreicht. Doch die Ungleichheit ist dramatisch. Hunderte Millionen Menschen leben weiterhin in Armut. Es gibt kein soziales Netz. Es ist eine Situation wie im Europa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in den Tagen der Industrialisierung und eines brutalen Hochkapitalismus. Das ist dieselbe Situation, aus der die Arbeiterbewegung entstand. In Europa wirkt die Sozialdemokratie historisch erschöpft, weil sie ihren Kampf um die Humanisierung der Marktwirtschaft im Wesentlichen gewonnen hat; die Schlachten, die sie heute schlägt, gehen um die Verteidigung des Erreichten. In einem Land wie Indien dagegen sind die Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen ganz frisch und dringend. Sonia Gandhis Kongresspartei hat als wichtigstes Projekt ihrer Regierung ein Gesetz beschlossen, das der Landbevölkerung eine Garantie von 100 Tagen bezahlter Beschäftigung pro Familie und Jahr gibt: der bislang ehrgeizigste Versuch, die Lebensbedingungen in den Dörfern zu verbessern. Ein Sozialsystem schaffen, die richtige Balance zwischen Markt und Staat finden, Kapital und Arbeit versöhnen – diese traditionell sozialdemokratischen Aufgaben stellen sich in Indien. Und werden Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Das ist nicht nur ein indisches, es ist ein globales Phänomen. Sonia Gandhis Auftritt war die Eröffnung einer Konferenz der Indira-Gandhi-Stiftung mit Teilnehmern von Südafrika bis Indonesien, die auf frappierend ähnliche Weise den Reiz der sozialdemokratischen Idee erleben. Niemand denkt daran, im Süden und Osten der Welt schnell hoch entwickelte Wohlfahrtsstaaten von europäischem Niveau zu errichten. Aber dass es soziale Bürgerrechte geben muss, dass das Bürger-Sein nicht nur politische Freiheit braucht, sondern ein gewisses Maß an Gleichheit der Lebenschancen, weil sonst die Demokratie selbst zerstört wird: dieser sozialdemokratische Kerngedanke hat offenbar universale Überzeugungskraft. Trotz der (inzwischen etwas nachlassenden) Faszination, die vom amerikanischen Beispiel ausgeht, will man in den aufstrebenden Schwellenländern keinen Kapitalismus pur. Er würde nämlich keine ideale Marktwirtschaft bedeuten, sondern ein korruptes Regiment der Milliardäre. In Indien sind die Gefahren dieser Art Geldherrschaft schon überdeutlich.