Alternatives Wachstum Neue Zahlen für den Fortschritt

Die Kritik am Bruttosozialprodukt wächst. Es messe die falschen Dinge, verschweige Umweltzerstörung, Unglück und Ungerechtigkeit. Die Wirtschaftsweisen halten dagegen.

Nicolas Sarkozy hat ein Talent. Früher als andere wittert der französische Präsident populäre Ideen – und präsentiert sie dann auch noch geschwind und mit viel Trara auf der großen Bühne. Nur, ebenso oft verschwinden die dann schnell wieder in der Versenkung, oft auf Nimmerwiedersehen. An diesem Freitag aber holt ihn eine altes Thema wieder ein, gemeinsam mit der Bundeskanzlerin: die Frage nach Sinn und Unsinn von Wirtschaftswachstum .

Vor ein paar Monaten hatten die beiden Regierungschefs, angeregt durch Sarkozy, diese philosophisch anmutende Debatte begonnen. Gemeinsam wollten sie wissen, ob man Wachstum, Wohlstand und Fortschritt nicht anders bewerten müsse als bisher. Und: ob man nicht Alternativen zum üblichen Sozialprodukt brauche.

Anzeige

Längst ist dieses Maß im allgemeinen Sprachgebrauch zum Synonym für Wohlstand geworden. Länder bekommen danach ihren Platz auf der Liste der erfolgreichen Nationen. Regierungen werden danach beurteilt. Und die Politik versucht folglich, das BIP, das Bruttoinlandsprodukt , möglichst in die Höhe zu treiben. Was aber, wenn dieses Maß gar nicht das Richtige misst und zu einer falschen Politik führt?

Die Regierungschefs trieb die Frage nicht nur aus intellektueller Neugier um. Ihr Interesse an der berühmten Zahl und deren Grundlagen hatte einen anderen Hintergrund: Mitten in der Finanzkrise war die Wirtschaft ihrer Länder eingebrochen, das BIP dokumentierte das brutal.

Zudem wuchs die Skepsis der Bürger gegenüber dem Wirtschaftssystem: Immer mehr Menschen fragten sich, ob das Wachsen (oder Schrumpfen) noch etwas mit ihrem persönlichen Wohlergehen zu tun hat. Und sie sorgen sich, ob die Erde nicht in Wahrheit durch eine schleichende Ökokatastrophe längst ärmer wird – während wir sie künstlich reich rechnen. Deswegen wollten die Chefs letztlich auch wissen: Machen wir die richtige Politik?

Wie falsch die Gleichsetzung von BIP und Fortschritt ist, zeigt ein einfaches Beispiel drastisch: Wird ein Auto zu Schrott gefahren und landet der Fahrer im Krankenhaus, dann wächst die Wirtschaft – weil die Versicherung für den Schaden zahlt, weil Ärzte ihre Dienstleistungen erbringen und abrechnen. Dabei geht es dem Mann wie der Gesellschaft durch den Unfall nicht besser, sondern schlechter.

Was liegt da näher, als die Experten nach Alternativen zu fragen. Gemeinsam beauftragten Merkel und Sarkozy also ihre jeweiligen Wirtschaftsweisen, nach neuen Antworten zu suchen. Die bekommen sie nun präsentiert – allerdings in Zeiten, in denen es bei den Auftraggebern längst nicht mehr so brennt. Zumindest bei der Bundesregierung nicht. Längst wächst das BIP in Deutschland ja wieder, und damit ist auch die Regierung einen Schritt weiter – oder einen zurück, je nach Perspektive. Jedenfalls sonnt sie sich dieser Tage wieder in wunderbaren Wachstumszahlen und bejubelt »ihren« Aufschwung. Braucht man da noch Wachstumskritik?

Die Wirtschaftsweisen werden sie damit jedenfalls nicht belästigen, so viel ist sicher. Denn nach langem Denken und vielem Diskutieren kommen die zu dem klaren Urteil: Das BIP ist weiterhin das beste Maß zur Beurteilung der wirtschaftlichen Leistung eines Landes. Sie halten es für unerlässlich, um Wirtschaftsentwicklung oder Politik zu beurteilen. Einen alternativen Indikator für den gesellschaftlichen Fortschritt lehnen sie ab.

Leser-Kommentare
  1. Es ist lange überfällig zu dokumentieren, dass Leben sehr viel mehr ist als nur Wirtschaft.

  2. Es ist in der Tat völlig absurd, dass ein Autounfall mit einem zerstörten Auto zu einem verstärkten Wirtschaftswachstum führt. Wie es sein müsste, wird grundsätzlich in der Erstellung einer Unternehmensbilanz gezeigt. Hier wird nicht nur der Wert der erzugten Waren dargestellt, sondern auch die Kosten z.B. für Rohstoffe und Zukaufteile sowie, was dann auch das zerstörte Auto betrifft, Verluste durch Schäden, aber auch durch Abnutzung von Vermögenswerten. Entsprechend müsste das Wirtschaftswachstum bzw. der Wohlstand ähnlich einer Unternehmensbilanz dargestellt werden.

    Anders sieht es natürlich bei immateriellen Werte wie Glücklichsen aus. Wie sollen diese Werte operationalisiert werden. Es ist auch nicht klar, was wirklich Glück ist. Dies ist eine sehr individuelle Sache.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt eine sehr interessante Disseration von Tobias Pfaff zum sogenannten Bruttosozialglück. Dieses wird in Bhutan abgefragt und ist auch ernst gemeint!!!
    Faktoren wie:

    Psychisches Wohlbefinden, Kulturelle Vielfalt und Widerstandsfähigkeit, Ökologische Vielfalt und Widerstandsfähigkeit, Lebensstandard und Gute Regierungsführung werden dort ermittelt.

    Das mag für die westliche Welt komisch klingen, spiegelt aber vermutlich eher die "Stimmung" im Volk wieder als das nur auf wirtschaftlichen Wachstum ausgelegte BSP...

    WIR, DIE SOGENANNTE ERSTE WELT, SIND EINFACH EINE SCHLECHTE!!!

    Es gibt eine sehr interessante Disseration von Tobias Pfaff zum sogenannten Bruttosozialglück. Dieses wird in Bhutan abgefragt und ist auch ernst gemeint!!!
    Faktoren wie:

    Psychisches Wohlbefinden, Kulturelle Vielfalt und Widerstandsfähigkeit, Ökologische Vielfalt und Widerstandsfähigkeit, Lebensstandard und Gute Regierungsführung werden dort ermittelt.

    Das mag für die westliche Welt komisch klingen, spiegelt aber vermutlich eher die "Stimmung" im Volk wieder als das nur auf wirtschaftlichen Wachstum ausgelegte BSP...

    WIR, DIE SOGENANNTE ERSTE WELT, SIND EINFACH EINE SCHLECHTE!!!

  3. Man könnte sagen, dass man mit dieser Aufgabe nicht die fünf Wirtschaftsweisen beauftragt. Das ist ja in etwa so, als wenn man Fans von Tokyo Hotel befragt, was eine Konkurrenzband tun sollte, um an die Spitzenposition zu kommen. Die Alternativen sind zahlreich und die Kritik an jeder ebenso. So gesehen haben die Weisen sogar Recht: Etwas Besseres gibt es vielleicht nicht.

    Allerdings: Diese Betrachtung ist nur solange richtig, wie man im gesamtgesellschaftlichen Rahmen beim alten System verbleibt. Anders gesagt, weitaus mehr nützlich als ein alternatives Messsystem - und damit auch eine Voraussetzung für die Etablierung einer Alternative - wäre die Entwicklung einer wirksamen, politischen Ideologie, die auch andere Werte als Konsum in allen Lebensbereichen hochschätzt. Hier krankt es doch am ehesten, bis hin zum Umstand, dass es etwas wie diesen Rat aus Wirtschaftsweisen gibt. Und es fehlt an einer übergreifenden Ordnung, die alternative Skalen überhaupt zulässt. Das sieht man etwa beim Umweltschutz, der in einem Vergleich zu Kosten oder individuellen Vorteilen stets den Kürzeren zieht. Teilweise beruht das auf der menschlichen Psyche, teilweise aber auch in der realen Konkurrenz von Menschen, Unternehmen und Nationen. Für beide Problembereiche sehe ich leider keine wirkliche Lösung. Es scheint vielmehr so, dass etwas Anderes nur aufgrund einer Katastrophe Chancen besitzen könnte - oder Angst der einzige Gegenwert darstellt.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Da gibt es bestimmt Leute in Deutschland, die hellere Bemerkungen zum BIP machen, als hier aufgereiht. Aber wenn man permanent die "Wirtschaftsfuzis" als Denker hinstellt, kommt man halt nicht weit, vor allem weiß man immer noch nicht wohin man "Fortschreiten" will.

    Wenn es aber nur um das "Schreiten" schlechthin geht und dessen Tempo, kann man fokussieren und ein weiter Horizont wäre eher von Nachteil.
    Da ist das Leben leichter, aber nicht erträglicher.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Wie wäre es mit de Leistungsbilanz in unserer Bedarfsgesellschaft?

  6. Glückliche Menschen mit einer ausgeglichenen Work-Live-Balance in einer intakten Umwelt sind gesund – gestresste, überarbeitete die sich falsch ernähren und ihr wisst schon was alles werden krank.

    Unter heutigen Umständen fände ich die Volksgesundheit einen mehr als aussagekräftigen Faktor... :)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lepkeb
    • 10.12.2010 um 7:29 Uhr

    nur zu stimmen. Work-Life Balance ist wichtig, wie man in Ländern wie Canada oder Australien sieht und dort geht es den Leuten auch nicht schlechter oder größtenteils sogar besser und die Gesellschaft ist homegener und funktioniert noch.

    @Thema
    Der Begriff Wirtschaftsweiser kann ja nur ein Witz sein, keiner der s.g. Weisen hat die momentanen Entwicklungen vorausgesehen. Als Fit hit the shan sind alle abgetaucht, jetzt kommen sie langsam wieder aus ihren Löchern und haben nichts gelernt. Imho sind die s.g. Wirtschaftsweisen so nützlich wie ein Kropf an einem in Bayer.

    • lepkeb
    • 10.12.2010 um 7:29 Uhr

    nur zu stimmen. Work-Life Balance ist wichtig, wie man in Ländern wie Canada oder Australien sieht und dort geht es den Leuten auch nicht schlechter oder größtenteils sogar besser und die Gesellschaft ist homegener und funktioniert noch.

    @Thema
    Der Begriff Wirtschaftsweiser kann ja nur ein Witz sein, keiner der s.g. Weisen hat die momentanen Entwicklungen vorausgesehen. Als Fit hit the shan sind alle abgetaucht, jetzt kommen sie langsam wieder aus ihren Löchern und haben nichts gelernt. Imho sind die s.g. Wirtschaftsweisen so nützlich wie ein Kropf an einem in Bayer.

  7. aktiv zu lesen, Frau Pinzler. Das Interesse am Artikel erlahmte.

    Wenn diesem fremdfinanzierten Lobbyisten was "einfällt", wird es für den gemeinen Bürger immer schlechter und teurer. Auch der andere Spezie und ex-Deutschbanker dürfte dabei kaum besser sein - werden doch beide offensichtlich aus dem gleichen Stall finanziert.

    Über die so genannten "Wirtschaftsweisen" braucht man sich erst recht keinen Kopf zu machen - die kommen aus ihrer eingefahrenen Schiene erst recht nicht raus.

    Auch die Hintergründe der Politik sind eher auf vertuschen angelegt, denn auf Objektivität - genau darum ging es ja "Speedy Sarko" und "Teflon-Merkel" gerade nicht, als sie eine andere Bewertungszahl suchten als das verfälschende BIP.

    So sehr ich mir ein nachdenken über bessere Messkritierien wünsche, kann man die Auswahl der Befragten zum Thema wohl nur als eindeutigen Fehlgriff betrachten - sowohl seitens der Politik wie auch der Autorin.

  8. "Wird ein Auto zu Schrott gefahren und landet der Fahrer im Krankenhaus, dann wächst die Wirtschaft – weil die Versicherung für den Schaden zahlt, weil Ärzte ihre Dienstleistungen erbringen und abrechnen. Dabei geht es dem Mann wie der Gesellschaft durch den Unfall nicht besser, sondern schlechter"

    In dieser Rechnung fehlen aber noch die Leistungsausfälle des Mannes, die das BIP wiederum sinken lassen würden. Nur wenn der Leistungsausfall des Mannes geringer ist als die Dienstleistungen und Ersatzinvestitionen, die der Unfall verursacht, steigt auch das BIP. Ob die Gesellschaft nach seinem Unfall besser oder schlechter dasteht, ist durch die Tatsache, dass er im Krankenhaus landet oder das Auto hinüber ist, nicht wirklich gesagt.

    Ist dieser Mann ein kluger und kreativer Mann, der mit seinen Ideen und Leistungen viel zum BIP beiträgt oder aber seine Familie bzw Umfeld zu Leistungen anregt/verhilft, sinkt es, da der Verlust seiner Arbeitskraft schwerer wiegt.
    Ist er jedoch kein solcher Typ, kann das BIP gewinnen. Denn die Gesellschaft profitiert von der durch seinen Unfall geschaffenen Arbeitsaufwand mehr als sie durch seine Verletzungen verliert. Zum Beispiel können der Arzt und die Arbeiter bei den Autobauern dank ihm weiterhin ihre Familie gut versorgen.

    Das BIP ist allumfassender als man denkt. So rechnet es Verlust durch Demotivation genauso ein wie Gewinn durch bessere Gesundheit. Das einzige Problem, das mit mit dem BIP haben kann, ist dass es wenig transparent ist.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • iboo
    • 10.12.2010 um 23:03 Uhr

    Die Netto-Produktivität als Maß aller Dinge klingt zwar logisch (und entspricht anscheinend auch dem aktuellen Zeitgeist in Wirtschaft und Politik). Ich bezweifle aber, dass sich durch die Reduktion der Menschen auf Produktionsfaktoren das eigentliche Ziel "Lebens-Qualität" oder "Wohl-Stand" wirklich erfassen lässt. Nach dieser Logik müsste man am besten alle nicht-leistungsfähigen Menschen (Senioren, Dauerarbeitslose etc.) und vielleicht auch wirtschaftlich ggf. auch wirtschaftliche Low-Performer vernichten (so was gab es ja schon mal in der dt. Geschichte), damit am Ende in der "idealen" Welt nur noch die top-effiziente Elite übrig bleibt. Das Ergebnis wäre dann vielleicht die Schöne Neue Welt im Sinne von Aldous Huxley. Doch zu wirklicher Lebens-Qualität gehört noch einiges mehr.

    • iboo
    • 10.12.2010 um 23:03 Uhr

    Entfernt wegen Dopppelposting. Die Redaktion/lv

    Danke, werte(r) Lappenheimer,
    seit Jahren ärgere ich mich über derart verzerrende Beispiele, aber sie sind aus der (populären Zeitungs-) Welt nicht auszumerzen!
    Das BIP mißt allein das wirtschaftliche Wachstum - und zwar relativ gut.
    Wer etwas anderes messen will, soll die Regeln aufzeigen und zur Diskussion stellen (zB. Lebenserwartung als Kriterium für die Volksgesundheit), aber nicht vom Wohlfühlfaktor träumen.
    Sicherlich gehören zur Gesamtbewertung einer Gesellschaft weitere Kriterien dazu. Die im Artikel genannten Ansätze für Wohlstand und Gerechtigkeit könnten dafür dienen.
    Eine Zusammenfassung in einen Faktor ist methodisch mehr als fragwürdig und simples Denken von Gestern genau dies, wogegen im Text eigentlich polemisiert wurde.
    Besser wäre ein mehrdimensionaler Raum mit den entsprechenden Kriterien-Achsen.

    • iboo
    • 10.12.2010 um 23:03 Uhr

    Die Netto-Produktivität als Maß aller Dinge klingt zwar logisch (und entspricht anscheinend auch dem aktuellen Zeitgeist in Wirtschaft und Politik). Ich bezweifle aber, dass sich durch die Reduktion der Menschen auf Produktionsfaktoren das eigentliche Ziel "Lebens-Qualität" oder "Wohl-Stand" wirklich erfassen lässt. Nach dieser Logik müsste man am besten alle nicht-leistungsfähigen Menschen (Senioren, Dauerarbeitslose etc.) und vielleicht auch wirtschaftlich ggf. auch wirtschaftliche Low-Performer vernichten (so was gab es ja schon mal in der dt. Geschichte), damit am Ende in der "idealen" Welt nur noch die top-effiziente Elite übrig bleibt. Das Ergebnis wäre dann vielleicht die Schöne Neue Welt im Sinne von Aldous Huxley. Doch zu wirklicher Lebens-Qualität gehört noch einiges mehr.

    • iboo
    • 10.12.2010 um 23:03 Uhr

    Entfernt wegen Dopppelposting. Die Redaktion/lv

    Danke, werte(r) Lappenheimer,
    seit Jahren ärgere ich mich über derart verzerrende Beispiele, aber sie sind aus der (populären Zeitungs-) Welt nicht auszumerzen!
    Das BIP mißt allein das wirtschaftliche Wachstum - und zwar relativ gut.
    Wer etwas anderes messen will, soll die Regeln aufzeigen und zur Diskussion stellen (zB. Lebenserwartung als Kriterium für die Volksgesundheit), aber nicht vom Wohlfühlfaktor träumen.
    Sicherlich gehören zur Gesamtbewertung einer Gesellschaft weitere Kriterien dazu. Die im Artikel genannten Ansätze für Wohlstand und Gerechtigkeit könnten dafür dienen.
    Eine Zusammenfassung in einen Faktor ist methodisch mehr als fragwürdig und simples Denken von Gestern genau dies, wogegen im Text eigentlich polemisiert wurde.
    Besser wäre ein mehrdimensionaler Raum mit den entsprechenden Kriterien-Achsen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service