Karriere Berufseinstieg im Freestyle

Titel und Zeugnisse spielen – besonders in Deutschland – eine große Rolle. Kann eine Laufbahn auch ohne das gelingen?

Selbst eine Laufbahn als Künstler erfordert zumeist eine Ausbildung und Abschlüsse

Selbst eine Laufbahn als Künstler erfordert zumeist eine Ausbildung und Abschlüsse

Wahrscheinlich muss man Kinder haben, um zu verstehen, welche Sorgen sich Simones Eltern damals gemacht haben: Simone Grigo, 31, aus Brilon hatte einst erst ihren Realschulabschluss und dann auch ihr Fachabitur bestanden. Doch dann bewarb sie sich nicht, wie all ihre Klassenkameraden, für eine Ausbildungsstelle oder an einer Hochschule. Nein. Sie malte. Ihre Eltern waren irritiert. Sie versuchten, ihre Tochter vom Wert einer Ausbildung zu überzeugen, sie erzählten ihr von Betrieben, die Auszubildende suchten. Aber Simone hatte keine Lust auf Kompromisse. »Ich wollte nicht einfach etwas machen, nur um irgendwas zu machen«, sagt sie heute. Also malte sie weiter.

Die meisten Menschen hierzulande gehen zur Schule, machen eine Ausbildung und suchen dann einen Platz in der Arbeitswelt. Das Wort »Ausbildung« steht in dieser Reihung in der Mitte. Es hat eine Schlüsselfunktion für den weiteren Lebensweg. Viele definieren sich und andere über ihren Beruf und den zugehörigen Titel, manchmal sogar über den Tod hinaus: Es gibt Professoren, Ingenieure und Ofenbaumeister, deren Abschluss in der Todesanzeige steht. »In allen entwickelten Gesellschaften sind die Erwerbstätigkeit und auch das, was man kann, hochgradig identitätsbildend«, sagt G. Günter Voß, Soziologieprofessor an der Technischen Universität Chemnitz. Vor allem in Deutschland, sagt Voß, würden Ausbildung und Beruf von vielen als sinnstiftend angesehen. Einen Grund dafür findet er in unserer ausgeprägten Rechtskultur und in unserem stark regulierten Erwerbssystem, in dem Titel und Zeugnisse als Qualifikationsnachweise eine große Rolle spielen.

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Doch ein paar Menschen versuchen immer wieder, wie Simone Grigo diesem System zu entkommen. Auch Konstantin Klages ist so ein Beispiel. Der 24-Jährige ist im Mangfalltal nahe München aufgewachsen. Seine Eltern haben dort einen Bauernhof und stellten sich irgendwann drei Kamele in den Stall. Konstantin mochte die Tiere und hatte schon mit 14 Jahren eine Idee: Er bot Kamelausritte an, und den Leuten gefiel das Gewackel. Nach dem Abitur dachte Konstantin an ein Studium der Tiermedizin, hatte aber in Wahrheit keine Lust, seine Kamele zu verlassen. Er blieb zu Hause und baute die Herde aus. Aus drei wurden zwölf, und bald ritten ganze Ausflugsgruppen auf Kamelen durchs Mangfalltal. »Jetzt bin ich vollberuflicher Kameltreiber«, sagt er – und ist auch ohne Zeugnis glücklich.

Ohne Qualifikation wird es selbst in der Kreativbranche eng

Professor Voß wiegt bei solchen Erzählungen den Kopf. Er weiß, dass Do-it-yourself-Berufsbiografien funktionieren können, aber er glaubt, dass Karrieren ohne Ausbildung die Ausnahme sind. Und wenn man Voß von jungen Leuten erzählt, die es ohne Zeugnis zu Kostümbildnern oder in eine Onlineredaktion geschafft haben, sagt er: »Es gibt im Kreativbereich immer Felder, von denen Soziologen sagen, dass sie noch nicht so stark ›verberuflicht‹ sind. Die Erfahrung lehrt aber, dass das meist zeitlich begrenzte Phasen sind.« Voß erinnert an die ersten Programmierer, für die es noch keine Ausbildung gab. Oder an die ersten Webdesigner. Für beide Berufe gibt es heute Studiengänge, und Quereinsteiger haben es schwerer.

»Mach erst mal eine ordentliche Ausbildung« – das ist ein Satz, der in der deutschen Wirtschaftsgeschichte erst spät zum Tragen kommt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fasste die Massenproduktion in Deutschland Fuß, und an den Fließbändern wurden unqualifizierte Arbeitskräfte gebraucht. Plötzlich war es nicht mehr so wichtig, einen bestimmten Beruf zu lernen. Doch die Zeiten änderten sich. Gerd Bucerius schrieb 1977 in der ZEIT einen sorgenvollen Artikel mit dem Titel Die Technik zerstört die Arbeitsplätze für Ungelernte. Damals ging jene Zeit zu Ende, in der man bei Siemens als Datentypist anheuern konnte, um dann in der Unternehmenshierarchie nach oben zu klettern. In den Achtzigern lagerten erste Unternehmen ihre Produktion in Niedriglohnländer aus, und noch mehr »einfache Jobs« verschwanden. Die Arbeitsmärkte wurden seitdem, sagt Professor Voß, »anforderungsreicher«. Es begann die Zeit, in der ohne Ausbildung nicht mehr viel geht.

Leser-Kommentare
  1. Immer einen Abschluß versuchen und eine Ausbildung machen, sollte sich jeder auf die Fahne schreiben.
    Man muß sich weiß Gott nicht über den Beruf definieren oder so eitel werden, daß in der Todesanzeige sein Beruf steht.
    Das hat nichts mit "sinnstiftend" zu tun, es ist purer Pragmatismus.
    Ohne Abschluß in der Berufsausbildung oder Schule steigt einfach die Wahrscheinlichkeit, daß man Opfer wird, daß man ausgebeutet wird, daß man kriminell wird, daß man abhängig wird.
    Wir leben nun einmal in einem System, wo man Geld verdienen muß (wenn man nicht Hartz 4 als sinnstiftend sieht) und da kann ein Abschluß weiß Gott nicht schaden.

  2. Prestige verleihende Institutionen ( die die Soziologie bis in die 80-ger Jahre noch lehrte )wie schuliche- und beruftliche Qualifikationen sind längst durch andere Parameter aufgeweicht worden. Wer heute nicht noch zusätzlich über Netzwerke verfügt, kann sich seine Abschlüsse sonstwohin stecken und endet in der Tretmühle nicht endender unbezahlter Praktikas. Dennoch erleben wir geradezu einen Paradigmawechsel: Charisma und Beziehungen haben tradierte Parameter ( wie Schul- und Berufsausbildung )längst verdrängt und ersetzt. Wie sonst wären Karrieren wie die von Joschka Fischer oder Dieter Bohlen erklärbar ?

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    deren Karrieren sind ja gerade in den 70er und 80er gestartet, also in genau jenen Zeiten, in denen "tradierte Parameter (wie Schul- und Berufsausbildung)" etwas galten.
    Und genau in diesen Zeiten war so etwas möglich.

    Ich behaupte einmal, daß die Sozialisation genau solcher Typen gerade heutzutage nicht mehr möglich ist.

    • lepkeb
    • 11.12.2010 um 15:08 Uhr

    haben in D-land keine Bedeutung mehr. Das einzig Wichtige für die Karriere und berufliche Entwicklung in D-land ist Vitamin-B und/oder Gender egal ob ÖD oder Privatwirtschaft. Letztes Beispiel siehe Vattenfall. (http://www.handelsblatt.c...), da sollte man auch gleich die Kompetenz des Personalchefs hinterfragen.

    deren Karrieren sind ja gerade in den 70er und 80er gestartet, also in genau jenen Zeiten, in denen "tradierte Parameter (wie Schul- und Berufsausbildung)" etwas galten.
    Und genau in diesen Zeiten war so etwas möglich.

    Ich behaupte einmal, daß die Sozialisation genau solcher Typen gerade heutzutage nicht mehr möglich ist.

    • lepkeb
    • 11.12.2010 um 15:08 Uhr

    haben in D-land keine Bedeutung mehr. Das einzig Wichtige für die Karriere und berufliche Entwicklung in D-land ist Vitamin-B und/oder Gender egal ob ÖD oder Privatwirtschaft. Letztes Beispiel siehe Vattenfall. (http://www.handelsblatt.c...), da sollte man auch gleich die Kompetenz des Personalchefs hinterfragen.

  3. deren Karrieren sind ja gerade in den 70er und 80er gestartet, also in genau jenen Zeiten, in denen "tradierte Parameter (wie Schul- und Berufsausbildung)" etwas galten.
    Und genau in diesen Zeiten war so etwas möglich.

    Ich behaupte einmal, daß die Sozialisation genau solcher Typen gerade heutzutage nicht mehr möglich ist.

    Antwort auf "verdrängt und ersetzt"
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    gerade mithilfe dieser Typen..

    gerade mithilfe dieser Typen..

    • lepkeb
    • 11.12.2010 um 15:08 Uhr

    haben in D-land keine Bedeutung mehr. Das einzig Wichtige für die Karriere und berufliche Entwicklung in D-land ist Vitamin-B und/oder Gender egal ob ÖD oder Privatwirtschaft. Letztes Beispiel siehe Vattenfall. (http://www.handelsblatt.c...), da sollte man auch gleich die Kompetenz des Personalchefs hinterfragen.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "verdrängt und ersetzt"
  4. gerade mithilfe dieser Typen..

  5. Abschlüsse und Ausbildung haben heute immer noch Bedeutung, nur deren Wertigkeiten haben sich verschoben.
    In den 70er konnte man mit Haupt- oder Realschulabschluß und einer Lehre noch Meister oder Betriebsleiter werden.
    Das geht heute fast gar nicht mehr.
    heute ist Abi für Lehre Voraussetzung.
    Betriebsleiter wird man nur noch mit Studiumabschluß.
    Das wird in dem Artikel auch angedeutet.

    Früher konnte man den Beruf des Zahntechnikers auch mit Hauptschul/Realschulabschluß machen. Heute Abitur, wenn auch mit Fachabi, wie es in dem Artikel steht.
    Übrigens: in dem Artikel haben beide die Schule abgeschlossen: Abitur und Fachabitur und Sie hatten das Glück, daß ihre Eltern die "Orientierungsphase" bezahlen konnten.
    Ich finde diese beiden Lebensläufe übrigens nicht gerade beispielhaft für den Titel: Berufseinstieg im Freestyle.
    Kann eine Laufbahn auch ohne Zeugnisse und Titel gelingen.
    Die beiden Lebensläufe hatten doch Zeugnisse.
    Wünschenswert wäre daher gewesen, ein Schicksal zu zeigen, daß keinerlei Abschluß hat. Gelingt diesen Leuten heute noch eine Karriere ? Eine Karriere außerhalb von Castingshows und Big Brother ?

    und schließlich: Vitamine (heute Netzwerke) brauchte man für bestimmte Karrieren schon immer. Meistens waren auf Vitamine nur Leute angewiesen, die allein noch nie etwas zustande gebracht haben.
    Wer an sich glaubt und einige Fähigkeiten beherrscht, kann es durchaus schaffen, ein vernünftiges Leben zu führen.

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    • lepkeb
    • 11.12.2010 um 17:33 Uhr

    fallen sie imho vollenst durch das Raster, da ihnen in der Situation wahrscheinlich auch die familiäre Unterstützung fehlt und diese selbst in Kreativberufen zur Überbrückung von lauen Zeiten notwendig ist, da sie ansonsten durch den Staat in prekäre Arbeitsverhältnisse gezwungen werden, aus denen es kaum noch ein entrinneb gibt und sie auch gebranntmarkt sind.

    Mit ihrem letzten Satz haben Sie recht, leider nur nicht in D-land und das wird dem Land in kürze (max. 10 Jahre)noch böse auf die Füße fallen.

    • shavo
    • 11.12.2010 um 19:24 Uhr

    Es stimmt nicht unbedingt das man in diesem Land "nur" über eine Ausbildung / Studium eine Karriere machen kann.

    Ich war vir 4 Jahren noch in Hartz IV - meine Frau schwer krank, ich in Depressionen. Dann Besserung, Umschulung, betrieblicher Einstieg. Heute, 4 Jahre später bin ich kaufmännischer Betriebsleiter eines Zulieferers für Schiffbauliche Ausrüstungsteile mit 55 Angestellten - ohne Studium oder dergleichen.

    Wenn viele mal mit dem Jammern aufhören würden und beginnen würden Ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen geht sicherlich viel mehr als manche erwarten.

    Benjamin Bösch

    ps: Ich hatte auch keine Netzwerke auf die ich zurückfallen konnte. Keinen reichen Papa, nichts mehr als meinen Willen und Bock zur Arbeit

    • lepkeb
    • 11.12.2010 um 17:33 Uhr

    fallen sie imho vollenst durch das Raster, da ihnen in der Situation wahrscheinlich auch die familiäre Unterstützung fehlt und diese selbst in Kreativberufen zur Überbrückung von lauen Zeiten notwendig ist, da sie ansonsten durch den Staat in prekäre Arbeitsverhältnisse gezwungen werden, aus denen es kaum noch ein entrinneb gibt und sie auch gebranntmarkt sind.

    Mit ihrem letzten Satz haben Sie recht, leider nur nicht in D-land und das wird dem Land in kürze (max. 10 Jahre)noch böse auf die Füße fallen.

    • shavo
    • 11.12.2010 um 19:24 Uhr

    Es stimmt nicht unbedingt das man in diesem Land "nur" über eine Ausbildung / Studium eine Karriere machen kann.

    Ich war vir 4 Jahren noch in Hartz IV - meine Frau schwer krank, ich in Depressionen. Dann Besserung, Umschulung, betrieblicher Einstieg. Heute, 4 Jahre später bin ich kaufmännischer Betriebsleiter eines Zulieferers für Schiffbauliche Ausrüstungsteile mit 55 Angestellten - ohne Studium oder dergleichen.

    Wenn viele mal mit dem Jammern aufhören würden und beginnen würden Ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen geht sicherlich viel mehr als manche erwarten.

    Benjamin Bösch

    ps: Ich hatte auch keine Netzwerke auf die ich zurückfallen konnte. Keinen reichen Papa, nichts mehr als meinen Willen und Bock zur Arbeit

  6. Das schlimme in D ist, das man ohne Einen Abschluss, egal was auch immer , nichts kann. Das ist sehr stark in den Köpfen der meisten verankert. Es spielt keine Rolle, ob man die Tätigkeit kann, sonder nur ob man einen Abschluss oder eine Ausbildung hat.
    Woanders ist man da wesenlich pragmatischer und diskriminiert nicht.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Für bestimmte Berufe bedarf es eben bestimmter Fähigkeiten. Wer die nicht hat, kann bestimmte Berufe nicht ausüben (nehmen sie nur einmal das Handwerk). Wobei ich auch kein Freund der Innungsmonopole bin.
    Aber was hat das mit Diskriminierung zu tun ?

    Wenn Sie einen Beruf nicht ergreifen dürfen, weil sie schwarz sind oder Türke oder was weiß ich, dann wird diskriminiert.

    Ansonsten bin ich zwar ein Freund von Abschlüssen und Zeugnissen, würde aber in bestimmten Geschäftsfeldern durchaus jemanden eine Chance einräumen, auch ohne Schul- und Berufsabschluß.
    Nur eines ist doch klar: diese Jobs sind verdammt selten (geworden).

    Für bestimmte Berufe bedarf es eben bestimmter Fähigkeiten. Wer die nicht hat, kann bestimmte Berufe nicht ausüben (nehmen sie nur einmal das Handwerk). Wobei ich auch kein Freund der Innungsmonopole bin.
    Aber was hat das mit Diskriminierung zu tun ?

    Wenn Sie einen Beruf nicht ergreifen dürfen, weil sie schwarz sind oder Türke oder was weiß ich, dann wird diskriminiert.

    Ansonsten bin ich zwar ein Freund von Abschlüssen und Zeugnissen, würde aber in bestimmten Geschäftsfeldern durchaus jemanden eine Chance einräumen, auch ohne Schul- und Berufsabschluß.
    Nur eines ist doch klar: diese Jobs sind verdammt selten (geworden).

  7. Für bestimmte Berufe bedarf es eben bestimmter Fähigkeiten. Wer die nicht hat, kann bestimmte Berufe nicht ausüben (nehmen sie nur einmal das Handwerk). Wobei ich auch kein Freund der Innungsmonopole bin.
    Aber was hat das mit Diskriminierung zu tun ?

    Wenn Sie einen Beruf nicht ergreifen dürfen, weil sie schwarz sind oder Türke oder was weiß ich, dann wird diskriminiert.

    Ansonsten bin ich zwar ein Freund von Abschlüssen und Zeugnissen, würde aber in bestimmten Geschäftsfeldern durchaus jemanden eine Chance einräumen, auch ohne Schul- und Berufsabschluß.
    Nur eines ist doch klar: diese Jobs sind verdammt selten (geworden).

    Antwort auf "Kennzeichen D"

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