Momentaufnahme Alice Schwarzer. Ziemlich nah dran. Wir sitzen schon ein paar Stunden in einem vietnamesischen Restaurant mitten in Köln, ein paar Straßen vom Rhein entfernt. Jetzt will sie ein Thema wegräumen, das sie schon den halben Abend nervt, vielleicht auch schon ihr halbes Leben. »Die Mutter des deutschen Feminismus, ich?« Sie erhöht die Lautstärke. Mutter würde ja heißen, man ist lieb und nett, vor allem zu den Töchtern, das würde heißen, man will nur das Beste für die Mädchen, unterstützt sie, fast egal, was sie tun. »Nein«, sagt Alice Schwarzer, »für diese Projektion stehe ich nicht zur Verfügung. Ich und Mutter des Feminismus? Völliger Quatsch.« Geboren 1942 in Wuppertal, aufgewachsen bei einer strengen Großmutter und einem reizenden Großvater, ihre Mutter, sagt sie, war für sie eher wie eine ältere Schwester. Sie hat keine Kinder. »Es ist sehr einfach. Ich kann die Mutterrolle nicht. Ich kenne vieles, aber das nicht.«

Es ist ein Augenblick, in dem sie sich Luft verschafft. Alice Schwarzer steht unter Druck. Nicht dass dies etwas Neues für sie wäre. Aber diesmal kamen die Aggressionen überraschend. Es gab diesen Streit mit der jungen Familienministerin Kristina Schröder, die in einem Spiegel- Interview sinngemäß gesagt hatte, sie schätze Frau Schwarzer, aber mit ihrer Auffassung von Feminismus habe sie doch zuweilen Schwierigkeiten. Und dann nannte die Ministerin das wenig glückliche Beispiel, Frau Schwarzer vertrete ja die Ansicht, heterosexueller Sex bedeute für die Frau nahezu immer Unterwerfung – wenig glücklich deshalb, weil Schwarzer dies nie behauptet hat. Nun reagierte Alice Schwarzer nicht gerade souverän auf diese Attacke und polterte los: völlig ungeeignet für ihr Amt, diese Ministerin, keine Ahnung von den Grundzügen des Feminismus. Und überhaupt: Was diese Politikerin für eine rückschrittliche Person sei, könne man schon daran erkennen, dass Frau Schröder nach ihrer Heirat den Namen ihres Mannes angenommen habe.

Es gibt Alice Schwarzers neues Buch gegen den politischen Islam, in dem sie als Herausgeberin verschiedene Autorinnen versammelt, die alle ein Verbot des Kopftuchs in Deutschland fordern. Es gibt ihre umstrittene Rolle im Kachelmann-Prozess, wo sie als Berichterstatterin der Bild- Zeitung immer wieder um Verständnis bittet für das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer – ausgerechnet in Bild , nicht gerade bekannt als Organ des aufgeklärten Feminismus. Es ist also eine Menge los im Leben der rastlosen 68-Jährigen. In diesen Tagen wird auch noch die neueste Ausgabe ihrer Emma fertiggestellt, und es soll keiner glauben, dass sich Alice Schwarzer nicht immer noch um jede Bildunterschrift persönlich kümmert.

Helge Malchow, Chef des Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch und Verleger ihrer Bücher, sagt, er beobachte nun seit 15 Jahren das schwankende öffentliche Bild der Alice Schwarzer und registriere dabei ein Arsenal ewig wiederkehrender Vorwürfe, »die in irgendwelchen Giftschränken lagern und ab und zu, je nach aktuellem Bedarf, wieder hervorgeholt werden«. Diesmal wurde das Feuer an drei Fronten eröffnet.

Erstens: die Stutenbissigkeit. Sie lässt keine Frau neben sich gelten, sie schafft es nicht, den Stab weiterzureichen, eine Nachfolgerin aufzubauen. Sie empört sich dauernd gegenüber irgendwelchen Frauen, zerstreitet sich mit ihnen und will anderen Frauen ständig etwas vorschreiben.

Zweitens: Sie gefährdet ihr verdienstvolles Lebenswerk durch all das, was sie in den letzten Wochen getrieben hat. Der Satz mit dem Lebenswerk macht derzeit Karriere, im Spiegel steht er, Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung äußert ihn, der Gleichklang dieses Satzes quer durch die Republik lässt die Medien beinahe gleichgeschaltet wirken. In diesem Vorwurf steckt der Wunsch, Frau Schwarzer solle doch einfach mal still sein, sie solle sich am liebsten zu aktuellen Fragen gar nicht mehr äußern, denn ihr Lebenswerk liege ja bereits hinter ihr.

Wie vergiftet die Debatte um ihre Person ist, zeigt die dritte Angriffslinie: Die bisexuelle Seite der Alice Schwarzer wird zum Thema gemacht, sie habe sich ja nie wirklich öffentlich geoutet. Besonders perfide war ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor zwei Wochen, mit der Überschrift Alice und der wunde Punkt, in dem ein 30 Jahre altes Buch einer erklärten Schwarzer-Feindin dazu benutzt wurde, sich zu der These zu versteigen, der Feminismus der Alice Schwarzer sei immer nur etwas für Lesben gewesen, mit dem Leben aller anderen Frauen habe er nie etwas zu tun gehabt.