Das Handy wird mehr und mehr zu unserem ausgelagerten Gehirn © Chung Sung-Jun/Getty Images

Ein paar Monate noch, dann werden sie die Zukunft vorhersagen. Eigentlich können sie es schon, sie machen bloß noch ein paar Tests. Fünf junge Männer steigen in einem Backsteinbau an der 21. Straße in Manhattan in einen Fahrstuhl.

»Hey, das sieht aber hässlich aus«, sagt einer und hält den anderen sein Handy vor die Nase. Er spricht von Grautönen und Linien, der sichtbaren Oberfläche ihrer neuen Software. Die Männer fachsimpeln, lachen, blödeln zehn Stockwerke lang, dann steigen sie aus und gehen durch eine Metalltür, auf der nur ein Aufkleber mit dem Wort »Hunch« pappt. Hunch ist das englische Wort für »Vorahnung«, und das ist in diesem Fall so zutreffend wie maßlos untertrieben.

Hunch besteht aus gerade mal 15 Computergenies . Ein Drittel der Belegschaft stand also gerade im Fahrstuhl und sieht so aus, wie man sich in den USA ordinary guys vorstellt: mittelgroße, weiße Männer im Alter von Ende zwanzig.

Diese netten Jungs haben 30 Milliarden persönliche Informationen über den Geschmack von Menschen und die Verbindung zwischen diesen Informationen analysiert. Und das benutzen sie nun, um schlummernde Wünsche zu erahnen und diese mit einer gezielten Empfehlung zu verstärken. Im Internet. Und vor allem auf dem Handy.

Empfehlung, das klingt so harmlos. Dahinter verbirgt sich ein riesiger technologischer Entwicklungsschritt. Bisher musste man dem Internetkonzern Google immer noch sagen, was man sucht. Nun sind erste Firmen dem Nutzer voraus – und wenn es nur einige Sekunden sind.

Noch arbeitet Hunch nur für Onlineshops. Doch der Weg auf die Einkaufsstraße ist vorbereitet. Denn amerikanische Handelsketten verfolgen diese Entwicklung begierig. Der Elektronikhändler Best Buy, die Modekette American Eagle Outfitter und der Kaufhausbetreiber Macy’s setzen auf die Technik eines Hunch-Konkurrenten. Sie haben Hunderte von Filialen aufgerüstet, sodass sie zentimetergenau verfolgen können, wo ein Konsument steht . Die neue Ortungstechnik verbinden sie mit sofortiger Handywerbung , die auf Ort, Zeit, Person und bald sogar aufs Regal zugeschnitten ist. Auch hier kommt eine Software zum Einsatz, die latente Käuferwünsche vorausberechnet.

Der Hunch-Gründer Chris Dixon beschreibt sein Konzept so: »Statt etwas zu suchen, wird man nun gefunden. Also: Du läufst eine Straße entlang, und Hunch weiß, dass ein Geschäft in der Nähe zu deinem Geschmack passt.« Versprochen haben das schon viele: das Handy als Fenster zur Welt für seine Besitzer – und umgekehrt als Fenster der Welt in den Kopf des Besitzers hinein. Als eine Art Gehirnscanner. »Jetzt erfüllen die Programmierer ihr Versprechen«, sagt Chris Schmandt, Professor an der Technik-Uni MIT, wo das Internet einst mit erfunden wurde. »Die Computer sind heute schnell genug, es gibt genug Daten, und die Programme sind weit genug entwickelt.« Schmandt sollte es wissen. Er leitet am Media Lab des MIT die Abteilung Mobilität und Sprache .

Fast alle Mitarbeiter von Hunch haben am MIT studiert, und mit ihrem dort erworbenen Wissen über Künstliche Intelligenz und Algorithmen stellen sie heute Beziehungen in riesigen Datenbergen her. Berechnen Wahrscheinlichkeiten. Suchen nach Auffälligkeiten . Zu diesen generellen Erkenntnissen »brauchen wir von jedem Menschen nur 20 Datenpunkte, dann können wir mit weit über 90 Prozent vorhersagen, welchen Geschmack er hat und welche Dinge er mögen wird. Wir sind schon ziemlich gut«, sagt Chris Dixon ein wenig selbstgefällig, nachdem er sich im Büro eine ruhige Ecke gesucht und niedergelassen hat. »Und das sagt auch einiges über den Menschen an sich aus.« Genauer, wie wenig man über einen Einzelnen wissen muss, wie viel der eigene Freundeskreis aussagt – und wie sehr sich die Menschen im Grunde doch gleichen.

Alle Werbefachleute wissen das. Aber jetzt erhält dieses Wissen eine neue Stoßkraft. Datenpunkte! Es ist ein kühnes Wort für jene Schlüsselinformationen, die Dixon unser ganzes Leben zu erklären scheinen. Der Mann lehnt sich zurück, schiebt seine Hornbrille die Nase hoch und kratzt an seinen grün-lila-gelb geringelten Wollsocken. Dann unterbricht der Firmenhund das Gespräch. Dixon beugt sich hinab und krault den winzigen Terrier, bis der wieder verschwindet.