Die Victoria Falls auf Dominica

Irritiert starre ich auf Alfreds Füße. Die stecken in Wanderstiefeln mit Schlitzen an der Seite. Genau genommen muss man sagen, dass sie kaputtgehen. Sie lösen sich auf – und ich stehe vor der Frage, ob ich mit meinen Trekkingsandalen das passende Schuhwerk gewählt habe. Zwei Lösungen für dasselbe Problem, denke ich dann. Auf unserer Wanderung werden wir ständig Flüsse durchqueren müssen. Und bei Alfred kann das Wasser, das oben in die Stiefel hineinläuft, an den Seiten wieder abfließen.

Es ist früh am Morgen, als ich den Tourguide am Ortseingang von Laudat treffe, einem Dorf in den Bergen Dominicas. Kaum jemand hat schon einmal von der kleinen Karibikinsel gehört, und falls doch, sie sehr wahrscheinlich mit der Dominikanischen Republik verwechselt. Nicht einmal Christoph Kolumbus, der die Insel nach dem Sonntag benannte, an dem er an ihrer Küste vorbeisegelte, hat sie je betreten. Und auch vom Massentourismus blieb Dominica bis heute verschont, gibt es hier doch weder endlose korallenweiße Sandstrände noch einen großen internationalen Flughafen.

Ganze 70000 Menschen leben auf der Insel, die in den französischen Antillen zwischen Guadeloupe und Martinique liegt, darunter 2200 Nachfahren der Karibik-Indianer auf einem selbst verwalteten Territorium im Norden.

Dass Dominica so gar nicht unseren Vorstellungen von der Karibik entspricht, ist ihr großer Vorteil. Die bergige Insel ist aus Vulkanen entstanden, gibt sich zerklüftet, sperrig, wild – und konnte sich dadurch einen Schatz bewahren, den es so in der Region kein zweites Mal gibt: üppigen, unberührten Regenwald. Der kleidet die Bergrücken in einen grünen Pelz bis hinunter an die Küste. Wolkenhaufen verfangen sich an den höchsten Gipfelspitzen auf 1450 Metern, bleiben an den Bergen kleben. Dramatisch schöne Bilder sind das. Allerdings nur, wenn man sie von oben sieht. Ich aber stecke mittendrin im Dschungelwirrwarr.

Um Dominica zu erleben, muss man sich von diesem Wirrwarr verschlucken lassen und wandern – bei 30 Grad Celsius und bis zu 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Vorbei an gewaltigen Wasserfällen, Bergseen, heißen Quellen, klaren Flüssen und Dschungelpools. Wasser, immer und überall, von unten und von oben. 365 Flüsse soll es auf der Insel geben, einen für jeden Tag. Und noch etwas ist besonders: Es leben weder Skorpione hier noch Giftschlangen oder sonstiges Getier, das man fürchten müsste. Im schlimmsten Fall werden Touristen in Trekkingsandalen von einer Waldameise gebissen.

Unter meinen Füßen schmatzt der Weg. Wir wollen zum Boiling Lake, dem zweitgrößten kochenden See der Welt, der hoch oben im Nationalpark Morne Trois Pitons liegt. Auf weiten, mit Baumstämmen befestigten Stufen geht es anfangs sanft bergan durch den Regenwald. Über dem schummrigen Grün riesiger, wie lackiert glänzender Blätter erheben sich filigrane Fächerpalmen und Farnbäume, durch die das Sonnenlicht flirrt. Bromelien und Orchideen haben sich als freche Aufsitzerpflanzen in den Ästen über unseren Köpfen niedergelassen, dazwischen schlanke Lianen bis fast auf den Boden und monströse Brettwurzeln, die Urwaldriesen festen Stand verleihen. »Schau nach oben«, sagt Alfred, »die Spitzen sind längst von Hurrikans gekappt, doch die Stämme wirft nichts um.«