Das Wetter könnte nicht besser sein. Es regnet und stürmt, stockdunkel ist es sowieso. Die englische Bahn, die schon vor ein paar Blättern auf den Gleisen kapituliert, hat an diesem Freitagnachmittag mal wieder ihren Geist aufgegeben, wegen Feuer (am Signal) und Wasser (überall) oder aus sonstigen Gründen, ist auch egal, der Zug von Lewes nach Berwick fährt jedenfalls nicht, aber wozu gibt es Taxis? Die fahren, selbst über den matschigen Feldweg zum Tilton House, das warm erleuchtet in der Finsternis von Sussex liegt, eine gute Stunde südlich von London. Jetzt im Sofa versinken, mit einem Buch in der Hand vor dem flackernden Kamin, und bis Sonntag nicht mehr aufstehen! Reading Weekend, here I come.

Der Vorleser trägt Schlafanzug. Nicht irgendeinen, versteht sich, einen cremefarbenen mit altrosa-grauen Streifen, wie der Morgenrock darüber ein Modell von Paul Smith. Im Schlafanzug, sagt unser Gastgeber Damian Barr, fühle er sich am wohlsten. Und darum geht es an diesem Wochenende: ums Wohlfühlen. Jeder, so erklärt der 33-Jährige zur Begrüßung, während wir Champagnergläser in den Händen halten, kann machen, wozu er Lust hat. Spazieren gehen, Scrabble spielen, reden, dösen, lesen. Wer allein sein will, findet immer ein ruhiges Plätzchen, wer sich unterhalten will, Gesellschaft. Und es wird viel gelacht und geredet – manchmal schneller, als unsereins denken kann – während dieser zweieinhalb Tage: über das EBook, ja oder nein, den Urlaub in Kenia, das Fahrradfahren in London und Shanghai, die Bücher, die einige der Teilnehmer gerade schreiben, und die, die andere lesen, Klatsch aus dem Literaturbetrieb. Vielleicht ist es kein Zufall, dass reading und Reden so ähnlich klingen. Und wann hat man schon so eine Gelegenheit: mit leibhaftigen Engländern ein paar Tage lang zusammen zu sein, nicht nur morgens in der Bed-&-Breakfast-Unterkunft oder abends im Pub ins Gespräch zu kommen.

Es ist, als wären wir aus dem Zug gestiegen und in einer anderen Zeit gelandet: als noch nicht alle am Handy wie an der Nadel hingen und unentwegt Nachrichten schickten. Mobiltelefone und Laptops sind nur auf dem Zimmer erlaubt, Fernseher gibt es nicht, dafür liegen überall Bücher herum wie Pralinen – auf der Kommode im Flur, auf dem Kaminsims, selbst im Bad. Vom Klo aus kann man zu Baudelaire greifen, zu Gore Vidal oder zu einem alten Gartenmagazin von 1936. Selbst das Betthupferl ist literarische Kost: Auf meinem Kopfkissen liegt Lady Chatterley’s Lover. Und am Fußende eine Wärmflasche. Als ob die nötig wäre. Tilton House ist wahrscheinlich das einzige country house der Insel, das richtig mollig ist. Wer je in England war, der weiß, was frieren heißt.

Nach und nach trudeln die 15 Teilnehmer ein, die überwiegend jung und zu 95 Prozent Teilnehmerinnen sind. Nigel, von Beruf Grafikdesigner, ist der einzige Mann und glücklich verheiratet, wie seine Frau Nicki, Montessori-Lehrerin und -Schulgründerin, nicht müde wird, durch Kuscheln und Schmusen zu demonstrieren. Zur Silberhochzeit, erzählt Nicki irgendwann zwischen Selleriesuppe und Ziegenkäsetarte, haben sie und Nigel sich eine "25" auf die Pobacke tätowieren lassen – obwohl sie den Kindern Tattoos immer verboten hatten.

Damian, der schwule Dandy, bewegt sich zwischen den Frauen wie ein Fisch im Wasser. Gern mal kreischt er vor Vergnügen. Früher war er fest angestellter Reporter bei der Times, für die er noch gelegentlich Artikel über Lifestyle-Themen verfasst. Er hat Literatur und Soziologie studiert, Foucault und Baudrillard gelesen, hat Hörspiele geschrieben und ist der Erfinder der quarter life crisis, über die er ein Buch verfasst hat. Jetzt schreibt er – in seinem Gartenhäuschen in Brighton, gern mit einem Huhn auf dem Schoß – an seinem zweiten, in dem es wieder um seine Generation geht, Thatchers Kinder.