Die Euro-Zone befindet sich auf einer gefährlichen Gratwanderung. Oft hört und liest man heute das Eingeständnis, dass man mit der Währungsunion zu früh begonnen habe, und dass man bei der Prüfung potenzieller Mitgliedstaaten zu lax vorgegangen sei. Das sei aber Jammern über vergossene Milch. Nun sei man gemeinsam in der Währungsunion; daher müssten die stärkeren Länder für die schwächeren einstehen. Die Kredite für Griechenland und das Aufspannen des Rettungsschirms, unter den gerade Irland geschlüpft ist, seien Ausdruck europäischer Solidarität. Nur so sei der Euro zu retten, von dem gerade Deutschland besonders profitiert habe.

Es bestehen aber erhebliche Zweifel, ob wir auf dem eingeschlagenen Weg tatsächlich die gefährdeten Länder und damit auch den Euro retten.

Bei den PIIGS-Staaten der südlichen Peripherie der Euro-Zone – Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien – handelt es sich um frühere Abwertungsländer. Wegen ihrer höheren Inflationsrate mussten sie vor der Währungsunion immer dann, wenn sie an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verloren hatten, ihre nationalen Währungen abwerten. So kompensierten sie die Schwäche ihrer Wirtschaft, und das geschah mehr oder weniger periodisch. Die Zinsen für ihre Staatsanleihen lagen deswegen oft im zweistelligen Bereich.

Nach Eintritt in die Währungsunion erbten diese Länder das niedrige deutsche Zinsniveau – die erhoffte Euro-Dividende. Sie haben sie aber nicht zur Sanierung ihrer Haushalte und zur Modernisierung ihrer Volkswirtschaften, sondern zu exzessiver, privater und öffentlicher Verschuldung genutzt.

Hinzu kam, dass die Europäische Zentralbank (EZB) nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 und nach dem Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 den Leitzins, zu dem sich die nationalen Banken bei der Zentralbank Geld leihen, auf zwei Prozent senkte. Wenn man diesen Satz um die Preissteigerungsrate bereinigt, lag er für die PIIGS-Staaten fünf lange Jahre unter null!

Daher übte der Zinssatz dort seine Funktion nicht mehr aus: Den Wirtschaftenden dabei zu helfen, zwischen rentablen und unrentablen Investitionen zu unterscheiden. Denn angesichts so geringer Zinsen schien auf einmal jede Investition, rentabel zu sein. So sind dort die Immobilienblasen entstanden, die mit Fehlentwicklungen der Produktionsstrukturen – insbesondere im Bausektor – einhergingen. Diese Überkapazitäten lassen sich nur über schmerzliche Anpassungsprozesse für die beteiligten Arbeitskräfte, Banken, Bau- und Zulieferbetriebe abbauen.

Zugleich ging wieder internationale Konkurrenzfähigkeit verloren, weil in der Boomphase die Lohnsteigerungen zu üppig waren. Als Konsequenz leiden diese Länder unter hohen Leistungsbilanzdefiziten – sie führen mehr Waren ein, als sie ausführen und können die Investitionen nicht durch die eigenen Ersparnisse decken.