Wenn sich André Cordes alle sechs Wochen in sein Auto setzt und in 20 Minuten von Dortmund nach Bochum fährt, ist es für ihn jedes Mal eine kleine Weltreise. Eine »klassische Bankkarriere« habe er hinter sich, sagt der 33-jährige Bankkaufmann und Diplom-Bankbetriebswirt. »Ausbildung in einem großen deutschen Finanzinstitut, inklusive berufsbegleitenden Studiums.« Doch heute arbeitet Cordes in einer kleinen Privatbank in der Nähe von Dortmund. Dort kümmert er sich ebenso um Girokonten wie um Anlageberatung. Schon während der Ausbildung habe er über verantwortliches Bankentum nachgedacht, ethisch korrekt, bei dem der Mensch im Vordergrund stehe – und nicht der Profit der Bank. Seinem heutigen Job widerspreche das nicht, da sein Arbeitgeber seine Kunden ernst nehme. Doch Cordes will es genauer wissen. Deshalb fährt er alle paar Wochen nach Bochum zum kleinen Institute for Social Banking (ISB).

Das Ausbildungsinstitut will mit dem berufsbegleitenden Masterstudium Social Banking and Social Finance nicht weniger als zu einem Paradigmenwechsel beitragen, das Bank- und Versicherungswesen in eine ethische, soziale und ökologisch ausgerichtete Branche verwandeln. Ein langer Weg, auch wenn Boni-Banker und strukturierte Finanzprodukte seit der Finanzkrise so beliebt sind wie falsche Fünfziger im Portemonnaie. Denn trotz des beachtlichen Wachstums in den vergangenen Jahren bleibt das strikt an nachhaltigen Werten ausgerichtete Sozialbankentum ein Nischengeschäft. Dabei gibt es Sozial- und Ökobanken schon seit Jahrzehnten, statt der schnellen Rendite bieten sie langfristige, ethisch korrekte Investitionen in Ökolandbau, Waldorfschulen, Windkraft oder Kultureinrichtungen. Das Geschäft mit Atomenergie, Rüstung, Glücksspiel oder Kinderarbeit überlassen sie anderen.

Doch haben solche Ansätze in der konventionellen Finanzbranche überhaupt eine Chance? Von den 21 Studenten, die sich am ISB eingeschrieben haben, kommen fast alle von Sozialbanken. Zwar sind auch die Erbin eines großen Vermögens oder der Gründer einer Bürgeraktiengesellschaft für nachhaltige Landwirtschaft darunter, ebenso ein IT-Manager, der während des Studiums zu einer Sozialbank wechselte, nachdem seine frühere Bank von einem Hedgefonds übernommen wurde. Doch Investmentbanker oder Hedgefondsmanager sucht man hier in Bochum vergeblich.

Auf der Suche nach der eigenen Geschäftsgrundlage

Beim ISB ist man sich bewusst, dass das Sozialbanker-Studium vor allem jene erreicht, die ohnehin schon von der Idee angetan sind, bereits nach ihr arbeiten und leben. So ist es bei Cordes, aber auch bei Nitza Segui-Albino, die für die Kurse extra aus Washington einfliegt. In der US-Hauptstadt leitet die 46-Jährige den von ihr gegründeten Internationalen Migranten-Entwicklungsfonds Fidmi. Mit ihm hilft sie Einwanderern aus Lateinamerika bei Bankgeschäften und Geldtransfers in ihre Heimatländer. Etwa die Hälfte der lateinamerikanischen Einwanderer in den USA hätten kein Bankkonto, sagt sie. »Und ohne den Zugang zu Finanzdienstleistungen mangelt es Immigranten und dem gesamten Land an Möglichkeiten.«

Segui-Albino will Menschen Chancen eröffnen, abseits der konventionellen Geschäftswege. »Am Ende werde ich nicht nur einen Abschluss im Social Banking haben, sondern auch weitergeben können, was ich am ISB gelernt habe«, sagt die Alleinerziehende, die auf ihrem Weg nach Bochum jedes Mal über Puerto Rico fliegt, um ihren vierjährigen Sohn bei ihren Eltern abzugeben. Nach ihrem Abschluss will sie eine nicht auf Profit ausgerichtete »Credit Union« für Einwanderer aufbauen, eine Art Leihgemeinschaft. Dafür erwirbt sie in den USA zurzeit ebenfalls ein Managementzertifikat.