Natürlich bewirkt die Homöopathie etwas. In unseren Köpfen. Wohl jeder hat Freunde, Bekannte oder Verwandte, die darauf schwören: Das könne doch nicht alles Einbildung sein... Seit Jahren vertraue man darauf. .. Und bei den Kindern klappe es doch auch! Angesichts solcher Alltagserfahrungen zu widersprechen scheint kalt und herzlos. Müssen wir also die Homöopathie ebenso gelten lassen wie jede andere Therapie?

Müssen wir nicht. Mittlerweile zeigen einfach zu viele Befunde der klinischen Forschung: Die sanften Globuli wirken nicht besser als inhaltslose Attrappen. Und dieses Resultat ist umso klarer, je solider eine Studie angelegt ist. Angesichts solcher Ergebnisse erhielte kein gewöhnliches Medikament eine Zulassung.

Außerdem fehlt eine biologische oder pharmazeutische Erklärung für das homöopathische Arzneiarsenal. Nicht einmal plausible Hypothesen gibt es. Schließlich werden Homöopathika häufig in so großer Verdünnung verabreicht, dass – solange man sich an die Physik hält – darin überhaupt kein Wirkstoff mehr enthalten sein kann.

Es ist kein Geheimnis, dass die homöopathischen Ähnlichkeits- und Verdünnungsprinzipien einer rationalen Überprüfung nicht standhalten. Gegen alle Evidenz auf den gemeinsamen Glauben von Arzt und Patient an eine obskure Therapie zu vertrauen ist auch bei guter Absicht schlicht unehrlich. (Die Kuschelatmosphäre hingegen, die womöglich den Placebo-Effekt besonders fördert, gehört weder zum Kern der hahnemannschen Lehre, noch ist sie Homöopathie-exklusiv.) Wer aber – etwa im Freundes- oder Kollegenkreis – auf diesen nicht zu leugnenden Befund verweist, wird rasch der Intoleranz geziehen.

Aber soll man allein um der Aufgeschlossenheit willen ignorieren, dass die Kügelchenlehre der Vernunft spottet? Intellektuell redlich ist das nicht. Schon deshalb nicht, weil bei Einnahme von Homöopathika eine wichtige Abwehrfunktion Schaden nimmt, nämlich die Gewohnheit des kritischen Hinterfragens: Wieso soll das so sein? Woher will man das wissen? Wird das unabhängig überprüft, gar überwacht? – Dies ist keine Trockenübung in Erkenntnistheorie. Es geht darum, auf welcher Grundlage aufgeklärte Menschen ihre Entscheidungen treffen.

ZEIT-Feuilletonchef Jens Jessen argumentiert für die Homöopathie

In unserer komplexen Gesellschaft müssen wir uns notgedrungen häufig auf das Urteil anderer verlassen. Ob stimmt, was uns alle möglichen (auch vermeintlichen) Experten raten, können wir fachlich nicht beurteilen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Experten selbst sich in ihrer Arbeit wiederum nachprüfbaren Kriterien unterwerfen. Nur dann können wir sicher sein, bei ihnen in guten Händen zu sein. Das erwarten wir vom TÜV ebenso wie vom Baustatiker und von der amtlich bestellten Lebensmittelprüferin. Nur in der homöopathischen Arztpraxis und Apotheke soll diese Regel plötzlich nicht mehr gelten? Dort sollen wir Toleranz gegenüber einer Pseudomedizin walten lassen, die sich jeder Nachprüfbarkeit entzieht? Eine Beleidigung der aufgeklärten Vernunft!