Ich bin kein Esoteriker. Ich glaube nicht an die Homöopathie; ich nehme die Kügelchen einfach so. Ich vertraue auch auf die Wirkung nicht; ich lasse mich von ihr überraschen. Aconitum C 30 – was soll das sein? Wenig mehr als teuer portionierter Traubenzucker, ich weiß. Aber dann ist die Bronchitis plötzlich doch und manchmal sogar schlagartig im Keim erstickt. Einbildung, Schwindel, Autosuggestion?

Ich verspüre wenig Neigung, mich mit den naturwissenschaftlichen Skeptikern anzulegen, sie haben die Logik und alle medizinischen Argumente auf ihrer Seite. Ich kann ihnen kein Weltbild, sondern nur meine persönliche Empirie entgegensetzen. Mein Zugeständnis an die Schulmedizin besteht darin, »Ich« zu sagen und von Generalisierungen Abstand zu nehmen. Es könnte aber den Schulmedizinern zu denken geben, dass dieses »Ich« in meinem Falle dem Aberglauben weitgehend abhold ist.

Eine innere Disposition zur Homöopathie besteht nicht. Es verdrießt mich sogar, dass die Kügelchen mich in einen gewissen Widerspruch zu meinem aufgeklärten Selbstverständnis bringen. Weniges macht mich so nervös wie das anthroposophische Gerede vom Ganzheitlichen, Feinstofflichen – und was es dergleichen Humbug mehr gibt.

Übrigens ergeht sich auch meine Ärztin nicht darin. Sie ist wortkarg und praktisch, sie hört sich meine Beschwerden stumm und nickend an wie nur je ein gehetzter Schulmediziner; dann öffnet sie eine Lade mit Dutzenden von Fläschchen, nimmt daraus einige Globuli, die sie in ein flugs gefaltetes packpapiernes Dreieckstütchen perlen lässt, und sagt drohend: »Lutschen, nicht kauen! Fünf sofort, drei abends, drei am nächsten Morgen, und wenn es nicht hilft, müssen Sie wieder anrufen und ein Antibiotikum nehmen.«

ZEIT-Wissenschaftsredakteur Stefan Schmitt argumentiert gegen die Homöopathie

Vielleicht besteht das Geheimnis der Homöopathie darin, auf diese Weise bei dem ungeduldigen Patienten einen Behandlungsaufschub durchzusetzen, während dessen sich der Körper selbst hilft. Das kann gut sein; dieses weitere Zugeständnis mache ich den Schulmedizinern gerne. Ich kannte einen Kinderarzt, der seine größten Therapieerfolge mit dem Rat »Abwarten« hatte.

Aber weitere Zugeständnisse mache ich nicht. Weder muss man an die Homöopathie glauben, damit sie wirkt, noch muss ein ausführliches Arztgespräch der Wirkung vorausgegangen sein. Bestes Beispiel: Die Globuli wirken auch bei Kindern und Hunden. Ja, verflucht noch mal: Es gibt auch eine homöopathische Tiermedizin. Aber weder Kinder noch Hunde sind weltanschaulichen Diskussionen oder ausführlichen Therapiegesprächen geneigt. Das Vorgespräch gegenüber Kind wie Hund erschöpft sich in meiner Ermahnung »Lutschen, nicht kauen«. Das Kind lacht – und lässt die Kügelchen knacken. Der Hund verdreht lustig die Augen – und lässt die Kiefer krachen. Die beiden Schlingel sind ganz verrückt nach den Globuli. Bin ich ein Guru, der durch humoristische Kapitulation vor der Frechheit meiner Schützlinge heilt?