Globuli für Haustiere sind en vogue. Dutzende Bücher über Homöopathie für Hund, Katze, Pferd und andere Haustiere gibt es – vom Nachschlagewerk bis zum Schmunzel-Ratgeber mit Cartoons. Mittlerweile bieten sogar einige Volkshochschulen Homöopathiekurse für Tierhalter an. Doch nicht nur bei Herrchen und Frauchen sind Tropfen und Globuli beliebt. Jeder zweite deutsche Tierarzt arbeite nach Hahnemanns Lehre, schätzt der Tierhomöopath Stefan Wesselmann aus Wallhausen in Baden-Württemberg. Und 217 der rund 17.000 in Deutschland praktizierenden Tierärzte führen laut Bundestierärztekammer die Zusatzbezeichnung »Homöopath«. Dieser Titel wird nach einer mehrjährigen Weiterbildung und einer Abschlussprüfung vor der zuständigen Landestierärztekammer vergeben.

Wie groß die Nachfrage nach den Kügelchen und Tropfen für das Haustier ist, verdeutlichen Zahlen der Firma Heel, die zu den weltweit größten Herstellern homöopathischer Arzneimittel gehört: Jede zehnte Packung, die verkauft wird, ist für Tiere gedacht. Dabei hat Heel gerade einmal 30 Veterinär-Homöopathika neben 600 Human-Präparaten im Sortiment.

Widerlegt das nicht alle Kritik an der Kügelchen-Medizin? »Die Tatsache, dass unsere Präparate hervorragend bei Tieren wirken, ist ein Argument gegen Placebo-Effekte«, heißt es etwa beim Hersteller Heel. Das sehen auch viele Anhänger der Homöopathie so. Schließlich könne man Tieren nicht einreden, dass eine homöopathische Arznei besser sei als ein Scheinmedikament; deshalb könne bei ihnen auch nicht die Rede von einem Placebo-Effekt sein. Ergo sei das der beste Nachweis, dass die Globuli unabhängig von jeder Erwartungshaltung wirkten.

Das klingt schlüssig. Allerdings hat diese Logik eine Schwäche: Tiere sprechen nämlich durchaus auf Scheinpräparate an, wie der Harvard-Psychologe Richard J. Herrnstein schon vor fünf Jahrzehnten nachwies. Nachdem er seine Versuchsratten entsprechend konditioniert hatte, reichte bereits das Verabreichen einer Spritze, um eine biologische Wirkung zu erzielen – unabhängig davon, ob sie einen Wirkstoff oder reine Kochsalzlösung enthielt.

Eine beeindruckende und methodisch sehr überzeugende Studie stammt von den britischen Tierverhaltensforschern Nina R. Cracknell und Daniel Mills. Sie berichteten vor zwei Jahren im Veterinary Journal von einem Versuch mit Hunden, die Angst vor Silvesterknallern hatten. Per Zufall wurden zwei Präparate auf die Tiere verteilt: 35 Hunde bekamen Tropfen mit fünf Wirkstoffen in homöopathischer Verdünnung und 20 Prozent Alkohol, 40 Tiere erhielten Tropfen mit reinem Wasser und ebenfalls 20 Prozent Alkohol.

In beiden Behandlungsgruppen gab später die Mehrzahl der Tierbesitzer an, dass ihre Hunde mit dem Medikament weniger ängstlich auf die Böller reagiert hätten – die Unterschiede zwischen beiden Gruppen waren nicht signifikant. Eine Reihe weiterer Studien sind zu demselben Ergebnis gekommen: Homöopathika wirken bei Tieren nicht besser als Scheinpräparate.

Doch woher rührt der Placebo-Effekt bei Tieren?

Schon 2007 hat der Tierarzt Adam Rijnberk von der Universität Utrecht deshalb das »Ende der Veterinär-Homöopathie« verlangt: »Homöopathie bietet keinen klinischen Vorteil. Tiere haben ein Recht auf effektive Behandlungen«, forderte der Niederländer.

Die Anhänger der Tierhomöopathie verweisen angesichts solcher Forderungen gerne auf eigene Studien, die würden das Gegenteil belegen. Doch bei Rijnberk beißen sie damit auf Granit. Die Studien von Befürwortern der Tierhomöopathie seien oft von schlechter Qualität und erfüllten nicht die Kriterien evidenzbasierter Medizin, bemängelt der Tierarzt. So gebe es beispielsweise Fallstudien mit lediglich fünf Tieren, von denen vier mit Homöopathie geheilt worden seien. Die Autoren suggerierten dann, dass 80 Prozent der kranken Tiere per Globuli kuriert werden können. Dabei sei angesichts der geringen Versuchszahlen die Heilungsrate statistisch so gut wie nicht aussagekräftig.

Doch woher rührt der Placebo-Effekt bei Tieren , etwa bei den Silvester-traumatisierten Hunden? Die meisten Autoren der einschlägigen Studien halten sich an dieser Stelle mit einer Begründung zurück. Es gibt jedoch durchaus sinnvolle Erklärungsansätze. »Beim Menschen ist die Zuneigung durch den Arzt eine wissenschaftlich anerkannte Erklärung für den Placebo-Effekt. Das kann man auch auf Tiere übertragen«, sagt Manfred Schedlowski, Medizinpsychologe und Placeboforscher an der Universität Duisburg-Essen. Ein homöopathisch arbeitender Tierarzt werde sich dem kranken Tier mehr zuwenden als ein Tierarzt, der mit Globuli nichts anzufangen wisse. Das nehme das Tier ebenso wahr wie das Vertrauen, das sein Herrchen oder Frauchen in den Tierarzt hat.

Außerdem lasse sich manche Linderung durch den natürlichen Verlauf der Erkrankung erklären, sagt Schedlowski: »Infektionen zum Beispiel laufen wellenförmig ab. Wenn man auf dem Höhepunkt der Infektion mit einer Therapie beginnt, dann wird sie von sich aus besser und nicht wegen des homöopathischen Medikaments.«

Selbstredend ruft Schedlowski mit solchen Argumenten Widerspruch hervor. »Es reicht nicht, dem Tier in die Augen zu schauen und zu sagen: Schnupfen, geh weg!«, sagt Henning Albrecht, Geschäftsführer der Karl und Veronica Carstens-Stiftung, die die Homöopathie befürwortet. »Die Gabe eines Stoffes gehört dazu.«

Die Frage ist nur, ob man Geld für Pillen und Wässerchen ausgeben muss, in denen kein Molekül des eigentlichen Wirkstoffs mehr enthalten ist? Oder ob es genügt, seinem Tier ein Zucker-Dragee aus dem Supermarkt zu verabreichen?

Wenn Bello nur ein wenig Fieber hat, bekommt er Belladonna

Für den Placeboforscher Schedlowski wäre das eine ideale Versuchsanordnung für weiterführende Studien. »Wenn auch der Tierhalter weiß, dass der Tierarzt nur eine Kinder-Süßigkeit verabreicht, dann ist der psychologische Faktor, nämlich sein Glaube an das Medikament, ausgeschaltet. Das wäre dann eine exzellente Kontrollgruppe.« Zudem müsse es in den Experimenten noch eine weitere Kontrollgruppe geben, in denen die animalischen Probanden – sofern ethisch vertretbar – gar kein Medikament bekämen, sagt Schedlowski. »So kann man am besten den normalen Verlauf der Krankheit ablesen.«

Solche aussagekräftigen Studien aber sind rar. In der Datenbank, in der die Carstens-Stiftung bis jetzt rund 250 veterinärhomöopathische Studien zusammengetragen hat, finden sich bisher gerade einmal fünf Untersuchungen, bei denen Hahnemanns Arzneien gegen Placebos und eine nicht weiter behandelte Kontrollgruppe getestet wurden. Das Ergebnis dieser fünf Studien fällt überwiegend negativ für die Homöopathie aus.

Die homöopathisch arbeitenden Tierärzte lassen sich davon nicht beirren. Ihr Umgang mit den Globuli ist ohnehin recht pragmatisch. Die meisten schwören zwar auf die alternative Methode, aber sie haben auch herkömmliche Mittel in der Arzttasche. Wenn Bello nur ein wenig Fieber hat, bekommt er Belladonna – weist das Fieber aber auf einen schweren Infekt hin, gibt es eben doch ein Antibiotikum.

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