Anfang der sechziger Jahre kam ein Film in unsere Kinos mit dem Titel Engel, gibt’s die? Ich kann mich an nichts Weiteres erinnern, aber die Frage blieb im Gedächtnis. Mir scheint, dass heutzutage viele Menschen eher die Frage bejahen würden, ob es irgendwie Engel gibt – als die Frage, ob sie an einen bestimmten Gott glauben.

Denn was Engel sind, das wissen wir alle ungefähr, von Kindesbeinen an. Aber wehe, wir fangen an, einmal sorgfältig nachzulesen, was über Engel so alles gelehrt, geschrieben und geglaubt wurde – es dürfte uns schwindlig werden. Dabei zählt die berühmte scholastische Frage, wie viele Engel denn auf einer Nadelspitze Platz hätten, noch zu den harmloseren Gedankenübungen. Dahinter steht die Vorstellung, Engel seien nicht materielle Substanzen, also Wesen ohne Körper – sodass in der Tat unendlich viele Engel auf eine Nadelspitze passten. Je tiefer man sich in das historische Material oder in die Listen der fein säuberlich abgestuften Engelshierarchien hineinliest, desto fragwürdiger muss einem die Sache werden.

Es ist kein Wunder, dass einerseits die reformatorische Theologie mit ihrer Konzentration auf das Kreuz und andererseits die Aufklärung mit ihrem Rationalismus die Engel immer weiter in den Hintergrund gedrängt haben, ja mit Schleiermacher endgültig verabschiedet: Die Engel seien "nirgends in den Kreis der christlichen Lehre hineingezogen" worden. Das Einzige, was als Lehre über sie aufgestellt werden könne, sei, "dass Offenbarungen ihres Daseins jetzt nicht mehr zu erwarten sind". Hier scheint die Vorstellung von Engeln ausgeträumt. Ein Kirchenhistoriker verspottete sie denn auch als "metaphysische Fledermäuse".

Das mag man so sehen, aber man sollte immerhin für möglich halten, dass auch unsere heutigen Weltbilder eines Tages hoffnungslos veraltet sind. Fest steht, dass die Figur des Engels weder in unsere altkirchlichen noch in unsere reformatorischen Bekenntnisse, noch in unsere Katechismen Eingang gefunden hat; was Martin Luther allerdings nicht daran hinderte, sie im Segen direkt aufzurufen.

Karl Barth unternahm dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den heroischen Anlauf, in seiner Kirchlichen Dogmatik auf 195 Druckseiten der Engelslehre das ihr Gebührende abzugewinnen. Wenn das Prinzip sola scriptura das Leseprinzip für die Bibel ist, dann muss sich all unser Fantasieren und Dichten über Engel nur von der Schrift leiten lassen. Was aber in der Schrift über Engel positiv verhandelt wird, müssen wir energisch bedenken, nicht indem wir an den Worten knechtisch kleben, sondern indem wir herausfinden, was an diesen Texten unsere Existenz wahrhaftig trifft.