Film "Von Menschen und Göttern" Die Bibel – ein ewiger Skandal
Liebe deinen Feind: Xavier Beauvois’ Film "Von Menschen und Göttern" zeigt die Radikalität des Christentums.
Von Menschen und Göttern, und das, obwohl der Film dramaturgisch gegen alle Marketingregeln verstößt und im Fernsehen vermutlich sofort in den Minoritätenknast der Dritten Programme abgeschoben würde. Tatsächlich hat Xavier Beauvois’ Film kaum Handlung und behelligt sein Publikum mit langen meditativen Einstellungen. Die Geschichte spielt in Algerien und zeigt, wie neun französische Trappistenmönche ihrem Tagewerk nachgehen. Mit den Hühnern stehen sie auf, und mit der letzten Abendsonne gehen sie zu Bett. Sie singen und beten und schweigen. Sie bestellen ihr Feld oder kümmern sich wie Bruder Luc (Michael Lonsdale) auf ihrer Krankenstation um die Dorfbevölkerung. Dann singen und beten und schweigen sie wieder.
Was den Publikumserfolg betrifft, so ist dieser Film ein profanes Wunder. Innerhalb weniger Wochen sahen in Frankreich zwei Millionen Zuschauer
Der Spiritus Rector ist Christian, der Abt (Lambert Wilson). Er ist ein charismatischer Intellektueller, der die halbe Nacht am Schreibtisch hockt, neben ihm der Koran und die Legendensammlung Die Blümlein des Franz von Assisi . Christian liest die beiden Bücher synoptisch, weil er nicht das Trennende zwischen Islam und Christentum sucht, sondern das Gemeinsame, nicht den Krieg, sondern den Frieden. Für ihn gehören die Weltreligionen zusammen, denn alle hätten denselben Gott.
Einmal sagt Christian, er kenne die »Verachtung, mit der man dieses Volk pauschal behandelt. Ich weiß auch von den Karikaturen des Islams, zu denen der Islamismus verleitet.« Der Abt kennt den Koran, auch deshalb genießt er die Achtung der Dorfbevölkerung und wird zu ihren Feiern eingeladen. »Vergib uns, und erbarme dich unser«, betet der Imam beim Beschneidungsfest, und die Trappisten beten es auch.
Die Mönche scheinen ihren Frieden gefunden zu haben, doch der Schein trügt. Eine seltsame Unruhe legt sich über ihren Alltag, eine Scheibe zerbricht, Misshelligkeiten nehmen zu, es gibt Vorahnungen und Vorgefühle. Es ist das Jahr 1993, in Algerien herrscht Bürgerkrieg. Die islamische Heilspartei FIS und die Fundamentalisten der »Islamischen Armee« GIA terrorisieren das Land. Zwei Jahre zuvor hatte die FIS die Parlamentswahlen in Algerien gewonnen, aber ein Militärputsch verhinderte, dass sie an die Regierung kam. Der Krieg rückt näher; in der Nähe des Klosters töten Islamisten 14 kroatische Gastarbeiter, ein Mädchen wird ermordet, weil es keinen Schleier trug. Die Wunden des Algerienkriegs platzen wieder auf. In den Augen der Islamisten sind die Mönche die religiösen Fußtruppen des verhassten Westens, der Demokratie sagt und Militärdiktatur meint. Auch dem brutalen algerischen Militär ist das Kloster ein Dorn im Auge, und wenn die Soldaten keine Uniform trügen, wären sie von den islamistischen Killern kaum zu unterscheiden. Oder in der Sprache des Films: Beide, Militär wie Islamisten, gebärden sich als tyrannische »Götter«, sie verlangen nach Blut und Opfer.
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Von Menschen und Göttern beruht auf einer wahren Geschichte. Und doch schöpft der Film seine Faszination nicht aus dem »Authentischen«, nicht aus der Schilderung, wie das Gift der Angst in die Klostergemeinschaft einsickert; dann wäre er bloß eine Charakterstudie. Seine Faszination entsteht, schwer zu glauben, aus den theologischen Reflexionen – daraus, wie die Mönche das Neue Testament zum Interpretament ihrer Ängste und Hoffnungen machen und sich als Gläubige zu den »Göttern der Gewalt« verhalten. Sollen sie das Land verlassen – oder sollen sie das Kreuz der Welt auf sich nehmen und der bedrängten Dorfbevölkerung beistehen? Sollen sie sich opfern, wie Jesus sich geopfert hat? Aber welchen Sinn sollte ihr Opfer haben? Einige Mönche stellen die Hiob-Frage, sie klagen und fragen, warum Gott sie leiden lässt und das Gemetzel duldet. Wenn sie sterben müssten, sagt Christian, dann stürben sie stellvertretend für die Namenlosen, für all die unschuldig Ermordeten, von denen die Welt keine Notiz nehme.
Nicht zufällig spielt die Geschichte zwischen Weihnachten und Ostern, dem Fest der Auferstehung. Am Heiligen Abend wird das Kloster von einer Rebellentruppe überfallen, diesmal wollen die Islamisten nur Medikamente und Hilfe für ihre Verwundeten. Christian kann das Schlimmste verhindern, weil er sich mit dem Anführer Ali Fayattia (Farid Larbi) verständigt und der Islamist weiß, dass nicht alle Christen Schurken sind. Später wird Fayattia von Militärs erschossen, man schleift seine Leiche durch die Straße und entstellt sie bis zur Unkenntlichkeit. Als Christian die Leiche identifizieren soll, tut er etwas Ungeheures. Er verneigt sich vor dem Toten, er segnet ihn und entfacht damit den kalt glühenden Hass des algerischen Kommandeurs. Später wird Christian sagen: Sollte er in diesem Krieg sterben müssen, dann hoffe er, seinem Mörder im Himmel wieder zu begegnen, denn dieser wisse nicht, was er tue. »Amen. Inschallah.«
- Datum 15.12.2010 - 11:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 9.12.2010 Nr. 50
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werden ihrer gerechten ewigen Strafe von Allah nicht entgehen. Auch das ist eine Gewissheit, die die monotheistische Religion uns gibt. Ohne diese Gewissheit wäre vieles, was sich in und vor unserer Zeit so tut und getan hat, bei gesundem Verstand nicht zu ertragen. Das Beten darum, Mördern im Paradies begegnen zu können, ist eine Disziplin, die man getrost den wenigen richtigen Heiligen überlassen kann. Der Gefühlshaushalt weniger spiritueller Menschen ist damit heillos überfordert ;-<)
Nicht gewiss dagegen ist in vielen Fällen der von einer abstrusen Bestialität gekennzeichneten Massaker im Zuge des algerischen Bürgerkrieges, welcher Seite die Täter zuzurechnen waren.
Es tut gut, dass weder die Rezension noch wohl der Film hier Stellung beziehen und - wie die Internationale der Islambasher wahrscheinlich erwarten zu können glaubte - die Muslime, die in Algerien anfangs um Gerechtigkeit vor einem ungerechten Regime kämpften, mitsamt ihrer Religion in Grund und Boden verteufeln.
Das dürfte den Film auch für Muslime ansehenswert machen. Tiefer Respekt vor echter Religiosität Andersgläubiger ist immer ein Charakteristikum wahrer Muslime gewesen, was sich auf den Umgang des Propheten Mohammed mit solchen Nicht-Muslimen zurückführen lässt, die den Islam nicht mit militärischer Vernichtung bedroht haben.
Die Menschen suchen die Einheit, das Einfache und Verbindende.
In unserer Gesellschaft zersplittert diese Einheit in immer mehr Fragmente, die uns orientierungslos zurücklassen, in einem Denken das sehr begrenzt ist,- dass die Einheit nicht mehr erfasst. Aus diesem Zustand entsteht eine Sehnsucht.
Der Film zeigt die Sehnsucht, zu uns zu kommen, bewusster zu werden und dem "Ideal" näher zu kommen. In uns vergraben ist diese Präsenz, die einfach weiß, die sich gut anfühlt, die vergibt. Aus dem Raum der Entspannung wird sie wieder spürbar und sichtbar.
Kein Film hat Frankreich in diesem Herbst so bewegt wie dieser. Es ist ein langsamer und beschaulicher Film, der in Cannes den Großen Preis der Jury gewonnen hat und den binnen zwei Wochen mehr als 2,7 Im Frühjahr 1996 waren sieben Mönche aus ihrem Kloster "Notre-Dame de l’Atlas" im algerischen Tibhirine als Geiseln verschleppt worden. Zwei Monate später fand man ihre Köpfe an einer Landstraße.Million Franzosen gesehen haben.
Der Film erzählt die reale Geschichte einer Gruppe von Mönchen in einem Kloster in den Bergen Algeriens, die 1996 auf brutaler Weise ermordet wurden. Jahrelang haben die Ordensmänner friedlich neben den muslimischen Dorfbewohnern gelebt und Berghänge in blühende Gärten verwandelt. Die bettelarmen Algerier finden den Nöten des Alltags. Doch mit einem Massaker an kroatischen Gastarbeitern beginnt plötzlich eine Eskalation fundamentalistischen islamischer Terrors. Die Islamisten bedrohen nicht nur die Mönche, sondern auch die Dorfbewohner. Jetzt müssen sich die Mönche entscheiden, ob sie die Gegend verlassen oder für ihre Ideale einstehen. Im Frühjahr 1996 waren sieben Mönche aus ihrem Kloster "Notre-Dame de l’Atlas" im algerischen Tibhirine als Geiseln verschleppt worden. Zwei Monate später fand man ihre Köpfe an einer Landstraße.
Wenn aus Wahrheit eine Lüge wird. Es war wie war - eine grausame Tat,die mit nichts auf dieser Welt zu entschuldigen ist.
KHJ aus Köln
Der Film sei "ein Ärgernis für jene, die behaupten, der Monotheismus habe mit seiner Wahr-falsch-Unterscheidung die Gewalt erst in die Welt gebracht."
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Ich bin sicher: Diese Leute werden schon eine passende Antwort finden. Ideologisches Denken ist widerstandsfähig.
Ein ein sehr guter Artikel!
"Die Religion, heißt das, »beichtet« ihre Verstrickung in die Gewalt, und bevor nicht jede andere Religion, erst recht der Islam, ein solches Bekenntnis ablegt, wird es keinen Frieden geben."
Jedoch wenn Assheuer hier vor allem vom Islam ein solches Bekenntnis verlangt, was tut er dann anders als viele besorgte Islamkritiker, die z.B.das Dominanzstreben islamischer Gruppen und religiöser Inhalte in der Gesellschaft beklagen?
Oder - wie sollte man denn gegen die Kräfte im Islam, die in irgendeiner Weise in "Gewalt" verstrickt sind, argumentieren, wenn nicht durch Kritik?
Sehr guter Artikel. Allerdings ist mir schleierhaft, weshalb er für diejenigen, die behaupten, der Monotheismus habe mit seiner Wahr-falsch-Unterscheidung die Gewalt erst in die Welt gebracht, ein Ärgernis sein sollte?
Ich glaube das auch – allerdings nicht in dieser extremen Ausprägung. Der Monotheismus hat ein bekanntes Phänomen weiter verstärkt, eine Wahr-falsch-Unterscheidung gabe es auch schon vorher. Aber dennoch ist der Film für mich kein Ärgernis. Ich wundere mich nur immer wieder, wie manche Menschen völlig unreflektiert an die moderne Exegese der universellen Nächstenliebe glauben können … davon ist in der Bibel an keiner Stelle die Rede – im Gegenteil. Mit dem »Nächsten« ist immer nur der Mitjude gemeint … und das ist auch ganz offensichtlich. Die moderne Exegese erfolgt mit moralischen und ethischen Maßstäben, die nicht aus der Bibel abgeleitet sind und sich auch nicht aus der Bibel ableiten lassen.
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