Straße in Burundi: Das arme Land will die traditionelle Viehhaltung einschränken, um den Methan-Ausstoß zu verringern © Roberto Schmidt/AFP/Getty Images

Jemand fährt mit seinem Auto in Ihren Garten. Er zerstört Ihren Zaun, Ihre Gartenmöbel, Ihren Plastikflamingo, was immer Sie da stehen haben. Sie sagen: ›Hey, schauen Sie, was für einen Schaden Sie angerichtet haben!‹ – Und er antwortet: ›Okay, ich gebe Ihnen einen Kredit.‹«

Dies ist eine knappe Beschreibung der globalen Klimaschutzpolitik, vorgetragen bei der Klimakonferenz im mexikanischen Cancún durch Frederic Twilley, UN-Botschafter der Seychellen. Natürlich ist die Darstellung überspitzt. Aus europäischer Sicht kann man dem Botschafter entgegenhalten, dass die Hälfte der EU-Soforthilfe für Opfer der Erderwärmung nicht aus Darlehen, sondern aus Zuschüssen besteht. Das mag man unbefriedigend finden, aber es könnte schlechter sein.

Am Wochenende geht die Konferenz in Cancún zu Ende, aller Voraussicht nach unspektakulär. Schon weil es diesmal, anders als bei der vorhergehenden Klimakonferenz in Kopenhagen, kaum Erwartungen gab. Wenn Cancún etwas leistet, dann dies: Es rückt die Maßstäbe zurecht. Kopenhagen war ein Spektakel, ein Fest zur Rettung der Welt. Cancún ist ein Arbeitstreffen. Viele Delegierte sind dieselben, aber ihre Aufgabe ist eine andere. Stillschweigend sind sie dazu übergegangen, das Elend zu verwalten, das sie nicht abwenden können. Wer ihnen zuschaut, der ahnt, wie die Welt aussehen wird, die hier beginnt, Gestalt anzunehmen.

Ainun Nishat, der stellvertretenden Präsident der BRAC-Universität in Dhaka, Bangladesch, ist Ingenieur. Er spricht über die Anpassung an den Klimawandel, über neue Reissorten, die Salzwasser und Trockenheit besser vertragen. Und er spricht über die 1-Kilowatt-Windräder, die Bangladesch bislang hat. Stand der Technik seien Windkraftanlagen mit 2,5 Megawatt. Darum bitte er nicht. Aber er frage, in aller Bescheidenheit, ob es möglich wäre, seinem Land wenigstens zu mehr Anlagen der alten 1-Megawatt-Klasse zu verhelfen.

Ist die Klimapolitik noch zu retten? Alles zum Weltklimagipfel in Cancún © Alfredo Estrella/AFP/Getty Images

Neben Nishat sitzt Trigg Talley, ein Vertreter des US-Außenministeriums. Er ist in dieser Runde der Gastgeber; es geht nicht um Bangladesch, sondern um die USA und die Wohltaten, die sie der Welt erweisen. Talley ist die Bescheidenheit in Person. Man nötige niemandem etwas auf, sagt er. Vielmehr stellten die USA ihre gewaltigen analytischen Fähigkeiten in den Dienst notleidender Länder. Er applaudiert dem Ingenieur aus Bangladesch, und man kann sich vorstellen, dass dessen Bitte irgendwo im State Department und dem angeschlossenen Entwicklungsdienst USAID wohlwollend in Erwägung gezogen werden wird. Es ist eine schöne Szene, aber eine kleine Irritation bleibt: Ein Bewohner Bangladeschs bläst nicht einmal ein Zwanzigstel der Klimagasmassen in die Atmosphäre, die ein US-Bürger dort ablädt. Bangladesch kann gar nicht so viele Windräder aufstellen, um auch nur das Wachstum der Emissionen Amerikas auszugleichen.

Windräder in Bangladesch, Fotovoltaik in Burundi, ein nationaler Emissionshandel in Kasachstan. Kein Zweifel, die Welt wird grüner. Den Klimawandel hält das nicht auf. Ein Vertreter des Weltklimarats (IPCC) lässt einen kurzen Einblick in die neuen Szenarien zu, auf denen dessen nächster Bericht beruhen wird. Eine um lediglich 1,5 Grad wärmere Welt, wie die Entwicklungsländer sie auch in Cancún noch unverdrossen fordern, ist selbst unter optimistischen Annahmen kaum noch erreichbar. Und selbst eine 2-Grad-Welt muss man sich inzwischen wohl als Ökotopia vorstellen. Viel wird in Cancún über Kanada und seinen Ölsand geredet. Die Förderung von Ölsand ist eine aufwendige und extrem klimaschädliche Art, an Erdöl zu gelangen, weil das Petroleum aus dem Sandgemisch herausgeschmolzen werden muss. Wie weit die erneuerbaren Energieträger noch davon entfernt sind, Öl und Kohle zu verdrängen, zeigt sich daran, dass dieses Geschäft sogar wächst.

Seit 18 Jahren verhandeln die Vereinten Nationen über die Erderwärmung. Rio, Kyoto, Bali, Kopenhagen – »Ihr redet schon mein ganzes Leben lang«, steht auf den T-Shirts einer Jugend-NGO, »sagt nicht, dass ihr mehr Zeit braucht!«.

Seltsam, wie sich der Weg ins Chaos den Anschein eines geordneten Prozesses geben kann. Die Delegierten rühmen die Gesprächsbereitschaft der jeweils anderen. Das Mandat einer Arbeitsgruppe für die Belange der am wenigsten entwickelten Länder wird ohne großen Streit verlängert. Das Komitee für Zwangsmaßnahmen schließt Bulgarien vom Emissionshandel und anderen Kyoto-Annehmlichkeiten aus, weil es seinen Berichtspflichten nur ungenügend nachkommt, über ein Berufungsverfahren Kroatiens wird noch verhandelt. So könnte man sich eine Welt vorstellen, die mit dem Kampf gegen den Klimawandel Ernst macht.