Der Eindruck, der bleibt nach über tausend Seiten, die man mit Haruki Murakami in den Wüsten Tokyos verbracht hat, ist die Stille. Es wurde viel geredet, es wurde viel gegessen und viel koitiert, es wurde alles gemacht, was Menschen so machen, wenn das Leben leer und der Tag lang ist.

Aber all das bleibt kaum in den Kleidern hängen. Nach einigen Wochen weiß man kaum noch, wie viele Männer die schöne Aomame mit ihrer superfemininen Killertechnik erledigt hat, in wie viele schallgedämpfte Toyota-Limousinen sie gestiegen ist, wie viele Gentlemen sie von irgendeiner Bar abgepflückt und im Vorbeigehen vernascht hat. Man erinnert sich nur noch vage daran, wie spitz sich die Brustwarzen der siebzehnjährigen Jungautorin Fukaeri unter ihrem Pullover abgezeichnet haben, wie oft der erfolglose Schriftsteller Tengo mit seiner verheirateten Freundin ins Bett ging, und hat dem 62-jährigen japanischen Weltbestsellerautor Haruki Murakami bald den gesamten Kolportageaufwand verziehen, mit dem er seine perfekt gebauten schallgedämpften Romanlimousinen von jeher auszustatten pflegt. Denn woran man sich erinnert, auch wenn man alles andere längst vergessen hat, sind die stolze Trauer und die Aura der Einsamkeit, die diese Romanfiguren umgeben und die man geneigt ist, für die Gestimmtheit unserer Epoche zu halten.

Roman von Haruki Murakami - Radischs Lesetipp: "1Q84" Ein eiskaltes Märchen: Der neue Roman des Japaners Haruki Murakami ist ein wilder Cocktail aus Mord, Sex und Spiritualität.

Aber eins nach dem anderen. Der Roman 1Q84 besteht bisher aus drei Teilen, zwei davon sind in einem Band gerade erschienen in der Übersetzung von Ursula Gräfe, die Murakamis Ton pathetischer Lakonie und postmoderner Beiläufigkeit genau zu treffen scheint. Der dritte Band wartet noch auf die Übersetzung, ein vierter soll in Planung sein. Der erste Band spielt in der Zeit von April bis Juni im Orwelljahr 1984 in Tokyo, der zweite in der Zeit von Juli bis September. Jeder Band enthält 24 Kapitel, abwechselnd von der einsamen Heldin Aomame und dem einsamen Helden Tengo erzählend, wobei die weibliche und die männliche Geschichte der Einsamkeit zunächst gar nicht, dann nach einem märchenhaften Erzählmanöver immer mehr zusammengeführt werden, ohne sich in den ersten beiden Bänden je vollständig zu vereinigen.

Der Zuschnitt und die Ausstattung der beiden Helden mögen, insofern Ernährungsgewohnheiten oder Transportmodalitäten im Spiel sind, ein wenig japanisch sein, doch der eigentliche Reiz des Werkes besteht in seiner tristesse globale, die ihren großstädtischen Autisten anhaftet. Beide gehören zur Klasse der intelligenten, deutlich unterhalb ihrer Leistungsgrenze beschäftigten, unausgefüllten und bindungslosen Angestellten, die innen genauso sparsam möbliert sind wie außen. Beide zitieren überdies literarische Stereotype. Aomame, eine bis in die letzte Muskelfaser durchtrainierte Fitnesstrainerin und Stretchingspezialistin, ist eine Präzisionskampfmaschine und Serienmörderin, die einem durchschnittlichen Thriller entstiegen sein könnte. Tengo, ein Teilzeit-Mathematiklehrer und spät berufener Prosadebütant, ist ein von der Welt verschmähter Schattenintellektueller und Außenseiter, wie er in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts weitverbreitet ist. Ein Seelenleben im alteuropäischen Sinn des Wortes ist bei keinem der beiden noch beobachtbar. Dicht umschlossen von einem Kältestrom, der undurchlässig ist für die Herz- und Schmerzmetaphorik des 20. Jahrhunderts, existieren sie in einem luxuriösen Kokon aus Zitaten, Waren und Leerlauf.

Gleichwohl gibt es zwischen diesen beiden Kältepolen eine große romantische Liebesgeschichte. Als Aomame und Tengo zehn Jahre alt waren, haben sie sich in der Schule einmal auf eine Weise die Hand gehalten, die das Schicksal besiegelt hat. Auch wenn sie sich seither nie mehr gesehen haben, hoffen sie, dass sich ihre Lebenslinien irgendwo im Unendlichen wieder schneiden werden. In Erwartung dieses Jüngsten Tages begnügen sie sich mit sexuellen Kurzkontakten, die auch literarisch nichts mehr von der legendären pornografischen Schlüpfrigkeit der klassischen Moderne haben (wie sie in Europa zuletzt noch einmal von Jonathan Littell aus der Versenkung geholt wurde), sondern in ihrer zeitgemäßen Trockenheit zu den technisch-melancholischen Leibesübungen passen. Wie bei der Verbraucherberatung erkundigt sich Aomame am Feierabendtresen zunächst nach den genauen Daten des Geschlechtsteils ihres Gegenübers, bevor sie sich zu einer effektiven, präzise durchgeführten Triebabfuhr entschließt. Tengo empfängt seine Geliebte so fahrplanmäßig, wie ein Mitarbeiter der Tokyoter Verkehrsbetriebe seine U-Bahn steuert. Sicherlich ist es kein Zufall, dass der Name von Franz Kafka, dem großen Angestellten-Dichter und Propheten der Seelenlosigkeit, schon auf der ersten Seite des Romans fällt.

Beide Hauptfiguren agieren wie Puppen im traditionellen japanischen Bunraku-Figurentheater, das in den japanischen Mangas seine Fortsetzung gefunden haben mag. Und auf beide trifft zu, was der französische Essayist Roland Barthes in seinem Buch über Japan über die Bunraku-Puppen schreibt, deren Emotionen in seinen Augen ganz und gar dem Reich der Zeichen und der Lektüre angehören und nichts mehr zu tun haben mit den europäischen Stereotypen der Spontaneität, der Tiefe oder der Authentizität.

 

Diese innere und äußere Leere der Figuren, in deren verborgenem Zentrum gleichwohl eine unmögliche shakespearesche Liebesillusion lodert, hat hohen Wiedererkennungswert für den westlichen Leser. Sie verbreitet die Stimmung steriler Geborgenheit und angeregter Desillusion, die jener zum Verwechseln ähnlich ist, in der es sich in der westlichen Welt im Allgemeinen ganz kommod leben lässt. Die Spinne im selbst geknüpften Netz, die als einziges Tier in dieser Mondstaubwelt Erwähnung findet, lässt sich als das Wappentier unserer Zeit verstehen. Sie verschluckt einen Happen nach dem anderen, während ihr Leben dahingeht, indem sie an einer Stelle hockt und auf Beute lauert, schließlich vertrocknet und stirbt.

Neu ist diese Diagnose nicht. Doch wurde das wohlige nachmetaphysische Frösteln selten mit so viel überlegen kalkulierter Magie beschrieben wie von Murakami, der die Balance zwischen Kitsch und Kälte in jedem Augenblick mit traumwandlerischer Sicherheit zu halten versteht. So trügerisch schön wie hier ist Einsamkeit noch nie gewesen.

Doch wäre Haruki Murakami nicht der Meister, der er ist, beschränkte sich sein ganzes Können schon auf dieses formvollendete Achselzucken gegenüber den Illusionen des guten alten Subjektivismus, das heute in groben Zügen von jedem Zögling eines Literaturinstituts beherrscht wird. Der noch größere Budenzauber entfaltet sich erst im nicht weniger präzise kalkulierten Spiel mit Motiven des New Age und der offenbar im postmodernen Japan genauso wie im postmodernen Europa neu entfachten Spiritualität, die den leeren Platz der verblichenen metaphysischen Subjektphilosophien eingenommen hat.

Es ist eine krude Geschichte, die Murakami da auftischt: Tengo erhält das Manuskript einer siebzehnjährigen Legasthenikerin, die darin die Geschichte ihrer Kindheit als Tochter eines charismatischen Sektengründers und Zivilisationsaussteigers erzählt. Eine entscheidende Rolle in diesem Buch im Buch spielen kleine überirdische Wesen, die auf einer anderen als der allgemein bekannten Wirklichkeitsfrequenz existieren. Die Autorin und ihr Vater, aber auch Tengo und Aomame gehören zu den Auserwählten, die Signale aus dieser Parallelwirklichkeit empfangen, die Aomame die Wirklichkeit des Jahres 1Q84 nennt. Das Manuskript der Jungautorin wird in der Bearbeitung des schriftstellernden Aushilfslehrers zu einem preisgekrönten Bestseller. Währenddessen geht Aomame ihren Mordgeschäften nach und befördert Männer, die junge Mädchen vergewaltigt haben, zur Strafe – als sei die Unversehrtheit des weiblichen Körpers die letzte zu verteidigende Bastion im Posthumanismus – mit einem Nadelstich in den Tod. Die Romanwelten der Helden kreuzen sich erst, als Aomame auch den Sektengründer tötet.

Das Märchen von der Prinzessin mit der Nadel und dem Dichter ist damit noch nicht zu Ende. Doch was immer in den ausstehenden Bänden geschehen mag: Das eher grob als subtil angelegte literarische Spiel mit überirdischen Schicksalsmächten und unerklärlichen Kräften parodiert und imitiert auch so die alten weltenordnenden und sinnstiftenden Qualitäten großer Literatur. Dass der zeitgenössische Roman solches nur in sentimentaler Erinnerung und zum spielerischen Zeitvertreib unternimmt, gehört zur stillen Trauer seiner dankbaren Leser.