Wenn je ein Buch seinen Autor ruiniert hat, dann ist es Zettel’s Traum. Am 25. August 1965 spannt Arno Schmidt das erste DIN-A3-Blatt in seine Maschine und beginnt zu tippen; am 31. Dezember 1968 zieht er das letzte heraus, es trägt die Seitenzahl 1334. Obwohl er alle Außenkontakte abbricht, nicht mehr aus dem Haus geht, mit niemandem spricht außer – Wörter bastelnd – mit sich selbst, kommt Schmidt mit der Niederschrift langsamer voran als erhofft, und er muss das für den »endlosen Tâc«, an dem die spärliche Handlung spielen soll, ursprünglich geplante Datum aufgeben; es wäre der 24. Juni 1966 gewesen, der 50. Geburtstag seiner Frau Alice, was der feuilletonistischen Rede vom »Potenzbeweis« Zettel’s Traum einen privaten Nebensinn verleiht. Thema des Buches ist freilich weniger die Potenz als vielmehr das »ImPOEtenz=Gefühl« des alternden Schriftstellers. 51-jährig und halbwegs bei Kräften ist Schmidt in den Albtraum der Niederschrift hineingegangen; als er fertig ist, ist er 55 und doch schon ein alter Mann.

Später wird Schmidt zu Protokoll geben, er freue sich, »daß meine paar tausend Leser getreulich mit mir altern«. Gerade seine treuesten Leser freilich werden mit Zettel’s Traum, als das Buch 1970 erscheint, gar nicht glücklich. Wer die verlangten 298 Mark nicht schnell genug zusammenspart, geht leer aus, denn die Erstauflage von 2000 Exemplaren ist schnell vergriffen, zum Teil aufgekauft von Spekulanten, die das Buch als Wertanlage in den Schrank packen; andere Käufer werden vom Ruch des Sensationellen angezogen, der das Monstrum schon vor seinem Erscheinen umweht.

So kommt es, dass Zettel’s Traum aus seinem weltflüchtigen Autor zwar eine Berühmtheit macht, gleichzeitig aber zu einem Rezeptionsbruch führt. Wer vor Zettel’s Traum kein Buch Schmidts gelesen hat, hat kaum eine Chance, mit diesem Werk zurechtzukommen, schätzt es höchstens als Unikum, als überdimensionales Kuriosum; altgediente Schmidt-Leser hingegen sind vielfach enttäuscht, manche wenden sich ganz von diesem Autor ab, andere schlucken ihren Verdruss herunter und hoffen, dass die nächsten Bücher wieder genießbarer ausfallen. Zettel’s Traum ist bis heute unter Schmidt-Fans das am wenigsten geliebte und wohl auch am wenigsten gelesene Buch des Meisters.

In den fünfziger Jahren rühmte Schmidt sich dessen, was er »dehydrierte Prosa« nannte: Stil und Darstellungsform unterlagen äußerster Verknappung, es gab keine langatmigen Passagen, kein Drumherumgerede und keine breiten Beschreibungen, eine sprachliche Initialzündung folgte der andern. Dies gilt selbst noch für die beiden Bücher, die Zettel’s Traum vorangehen, Kaff auch Mare Crisium und Kühe in Halbtrauer, deren Handlung zwar äußerst sparsam ausfällt (sie erschöpft sich weitgehend darin, dass das Personal durchs flache Gelände spaziert und Gespräche führt), wobei aber jedes kleinste Detail scharf durchgeformt und funktionell wichtig ist. Zettel’s Traum hingegen wirkt alles andere als dehydriert, scheint vielmehr das zuvor verpönte Wasser gezogen zu haben und Schwemmstoffe mitzuführen.

Reduziert hat Schmidt die Handlung, sie spielt sich an einem einzigen 24-Stunden-Tag im Juli 1968 ab. Wieder geschieht kaum anderes, als dass die Protagonisten in wechselnden Konstellationen herumgehen und sich unterhalten. Der Ich-Erzähler heißt Daniel Pagenstecher (genannt Dän), ist Schriftsteller und lebt wie sein Autor in einem bescheidenen Holzhaus am Rande der Heide, freilich als 54-jähriger Junggeselle. Zu Besuch sind sein Schulfreund Paul Jacobi, dessen (wie sich herausstellt, schwangere) Frau Wilma und die 16jährige Tochter Franziska (genannt Fränzel). Das Ehepaar zankt sich permanent, Dän und Fränzel hingegen lieben sich, freilich höchst zart und platonisch. Als Dän hört, dass Wilma ihre Tochter von der Schule nehmen und in eine Schusterlehre stecken will, kauft er Fränzel durch ein geheimes Geldgeschenk von diesem Schicksal frei, verbunden allerdings mit der ebenso geheimen Weisung an die Eltern, Fränzel künftig von ihm fernzuhalten. Und das ist schon alles – fast.

Denn da ist noch die Sache mit Poe. Anlass für den Besuch der Jacobis ist eine Neuübersetzung des Gesamtwerks von Edgar Allan Poe, für die Paul sich bei Dän Rat holen will. Dän lässt sich nicht lumpen, er doziert stundenlang über Leben und Werk des amerikanischen Kollegen, bringt Quellen bei, entwickelt Theorien, vor allem zur triebgesteuerten Kreativität des Künstlers. Dieser Strang nimmt breitesten Raum in Zettel’s Traum ein und ist gleichzeitig jener Bereich, bei dem man am lautesten nach Schmidts früheren Dehydrierungsverfahren schreit. Text um Text wird das Werk Poes durchgenommen, immer und immer wieder erläutert Pagenstecher seine (oder Schmidts) Thesen und exemplifiziert sie anhand ausufernder englischsprachiger Zitate. Die in immer neuen Anläufen durchexerzierte Grundthese ist dabei im Kern recht simpel, es handelt sich um Schmidts berüchtigte »Etym«-Theorie.

Dän erklärt: »Also das bw spricht Hoch=Worte. Nun wißt Ihr aber, aus FREUD’s ›Traumdeutung‹, wie das ubw ein eigenes Schalks=Esperanto lallt; indem es einerseits Bildersymbolik, andrerseits Wort=Verwandtheiten ausnützt, um mehrere – (immer aber im Gehirn des Wirtstieres engbeieinanderlagernde!) – Bedeutungen gleichzeitig wiederzugeben. Ich möchte nun diese neuen, wortähnlichen Gebilde – die sowohlerzogen der scheinbaren Präzision der Normalsprache dienen; als auch den fehllustig=doppelzüngelnden Amfibolien der ›Hinter‹-Gedanken – ›ETYMS‹ heißen: der obere Teil des Unbewußten: spricht ›Etym‹.« Kurz gefasst geht es um die These, die Wortwahl fast aller Menschen und speziell eines bestimmten Schriftstellertypus, des »DePe« – für »D(ichter)=P(riester)« –, werde bestimmt durch unbewusste sexuelle Triebe, die lautliche Ähnlichkeiten nutzen, um sich unter der Oberfläche scheinbar unschuldiger Formulierungen auszutoben. Wenn Poe »whole« sagt, meint sein Unbewusstes »hole«, wenn er »earth« schreibt, denkt er »arse«, wenn er ein Tal zwischen zwei Bergen beschreibt, leitet ihn die Sehnsucht nach intimen Körperpartien.

 

In überbordenden Deutungsexzessen lässt Schmidt seine Figuren das Gesamtwerk Poes und manch anderer Autoren in diesem Sinne auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, bis die komplette Weltliteratur (vor allem aber Zettel’s Traum) nur noch aus lauter »Unterleibswitzn« besteht. Vergessen wir nicht, dass der Weber Zettel in Shakespeares Sommernachtstraum , auf den sich Schmidt mit Titel und Motto seines Überbuchs bezieht, im Original »Bottom« heißt – »Bottoms Traum« ist platt gesagt der Traum vom PoePo.

Man mag an die »Etym«-Theorie glauben oder nicht, man mag sie amüsant finden oder abgeschmackt – in der penetranten Wiederholung über Hunderte von Seiten hinweg verliert sie jedenfalls ihren Reiz, und dies im Zeitalter der heutigen Übersexualisierung noch mehr als in den Spätsechzigern, wo ein schlüpfriges Gemisch aus Verklemmung und Enthemmung als sexuelle Revolution gefeiert werden konnte.

Zum Glück hat die »Etym«-Theorie noch eine zweite Seite. Bestimmte Wortkünstler (Schmidt meint, sie müssten unbedingt männlich, in die Jahre gekommen und impotent sein) unterliegen nicht den unbewussten Einflüsterungen, sondern sind im Gegenteil in der Lage, bewusst auf der Klaviatur der »Etym«-Mehrdeutigkeiten zu spielen und Werke von allergrößtem Wortwitz zu schaffen. Als Beispiele nennt Pagenstecher-Schmidt die Kollegen Sterne, Smollett, Carroll, Joyce – und sich selbst; außerdem Sigmund Freud.

Diesen zweiten Teil der »Etym«-Theorie mag man mit ebensolchen Fragezeichen versehen wie den ersten, er bietet jedoch den Vorteil, dass damit der Fokus von der Textanalyse zur Textproduktion zurückschwenkt. Wenn Schmidt aufhört, das Werk Poes zu analysieren, und stattdessen am eigenen Werk weiterschreibt, gelingen ihm in Zettel’s Traum Passagen, die zu den einfallsreichsten, poetischsten und spielerischsten seines Gesamtschaffens zählen. Um in den Genuss dieser Passagen zu kommen, müssen wir die langen Durststrecken zwischendurch ertragen, weil konzeptionell beides zusammengehört; die brillantesten Passagen sind ohne die Lehren, die uns mit den zähen analytischen Darlegungen stumpf eingetrichtert wurden, schwer zu durchdringen.

In einer der theoretisierenden Passagen lässt Schmidt Dän erklären: »Unser Jahrhundert hat 2 Geister hervorgebracht : 1 analytischn; FREUD ; 1 sündthétischn, JOYCE«. Schmidt ging es darum, beide »Geister« zusammenzuführen und zu übertreffen, daher rührt das Auftrumpfende, Monumentale und Monströse an Zettel’s Traum. Die analytisch-synthetische Auseinandersetzung mit Joyce und Freud hat Schmidt in Kaff auch Mare Crisium begonnen und in Kühe in Halbtrauer fortgesetzt; mit Zettel’s Traum bringt er sie mühsam zum Abschluss und hat sich von einer Last befreit. Entsprechend unbeschwert fallen dann seine nächsten Bücher aus; tatsächlich ist es sinnvoll, Zettel’s Traum als Schlusspunkt einer Werkphase zu begreifen und nicht als Beginn einer neuen. Daniel Pagenstecher ist Schmidts letzter Ich-Erzähler, als solcher zieht er eine Summe und führt alles auf, was Schmidt und seine Erzähler je beschäftigt hat.

Dass Zettel’s Traum gemeinhin mit Schmidts späteren Büchern in einen Topf geworfen wird, hat äußerliche Gründe; sie alle waren lange nur als großformatige Typoskriptausgaben erhältlich. Während Schmidt noch an Zettel’s Traum tippte, wurde schon klar, dass kein Schriftsetzer der Welt das Werk in einen Buchsatz würde überführen können, also vervielfältigte man einfach seine Schreibmaschinenblätter. Das Hauptproblem war Schmidts Spaltentechnik. Zettel’s Traum wird gemeinhin als Dreispaltenbuch bezeichnet, in dem drei Textstränge parallel verlaufen – in Wahrheit ist es viel komplizierter. Es gibt nur einen fortlaufenden Textstrang, dieser schwenkt aber von der Seitenmitte je nach Erzählgegenstand ständig nach links oder rechts aus, teilt sich zudem gelegentlich.

Je nachdem, wo sich dieser Erzählstrang gerade befindet, entstehen links oder rechts freie Flächen, die Schmidt mit Randassoziationen diverser Art füllt, auch mit grafischen Elementen, Zeichnungen oder eingeklebten Bildchen. Tatsächlich passte solche Schreibmaschinenästhetik 1970 in die Zeit, Apo-Flugblätter und Underground-Zeitschriften sahen ähnlich aus, und die Dichter der konkreten Poesie arrangierten ihre ungleich kleineren Textgebilde gern mit der Schreibmaschine. Das mag die damalige Faszination eines bestimmten Publikums für Schmidts Großbuch erklären, aber der Autor zielte auf etwas anderes.

 

Die erste gesetzte Ausgabe von Zettel’s Traum, die vier Jahrzehnte später nun doch möglich ist, erlaubt erstmals einen Blick auf den Text als Text. Der Typograf Friedrich Forssman hat in mühsamer Detailarbeit ein »richtiges« Buch draus gemacht und dafür länger gebraucht als Arno Schmidt seinerzeit für die Urschrift. Das von allem Wildwuchs bereinigte Druckbild hat etwas geradezu verlockend Einladendes an sich. Die einzelnen Seiten wirken nun nicht mehr wirr und unübersichtlich, sondern klar gegliedert; die Lesbarkeit dieses nach wie vor unhandlichen, aber keineswegs unzugänglichen Buches wird ungemein erhöht.

Mit Glück und viel Trickserei ist es dem Typografen gelungen, alle grafischen Elemente des Textes so zu erhalten, wie Schmidt sie sich wünschte; ein langes Zitat aus einem Bibelkommentar, das Schmidt im Typoskript als ganzseitiges Textkreuz anlegte, tritt in der gesetzten Ausgabe sogar noch prägnanter hervor.

An einigen wenigen Stellen konnten von Schmidt gewünschte Zusätze eingearbeitet werden, außerdem wurden an etwa 1500 Stellen Detailfehler Schmidts korrigiert – vielleicht ein problematisches Verfahren, ist doch bei Schmidt zwischen Fehlern und absichtlichen Verschreibungen selten gültig zu unterscheiden, doch alle Eingriffe werden offengelegt, können überprüft werden und sind durchaus plausibel.

Nie war Zettel’s Traum lesbarer als in dieser Neuausgabe. Ein klotziger Brocken bleibt das Buch dennoch, vielleicht auch ein Kotzbrocken. Man mag niemandem raten, die Lektüre anzugehen, ohne zuvor wenigstens einige der früheren Bücher Schmidts gekostet zu haben. Nach solcher Vorkost ist Zettel’s Traum besser verdaulich, freilich nährt die Lektüre doch auch die Vermutung, dies sei keineswegs das Spitzengericht auf Schmidts Speisekarte.