Nachtwächter zu werden irgendwo in London, das sei sein großer Traum. Immer von Dunkelheit umgeben, von allem Trubel befreit, von allen vergessen. Nur zwei Menschen wüssten dann noch, dass er überhaupt existiere – der Angestellte, der abends als Letzter geht, und jener, der morgens als Erster kommt. Doch diesen seltsamen Wunschtraum hat sich Thomas Edward Lawrence nicht erfüllen können. Er verunglückte mit seinem Motorrad auf einer englischen Landstraße, kurz nachdem er aus der Armee entlassen worden war, an einem sonnigen Frühlingstag im Mai 1935. Da war er 47 Jahre alt.

Doch warum nur wollte derjenige, der nach dem Ersten Weltkrieg als »ungekrönter König von Arabien« und »Fürst von Mekka« zu einem Show- und Filmidol avancierte, der von Winston Churchill zu den »größten Menschen« seiner Epoche gezählt wurde, der längst eine Legende war, sein Dasein am liebsten in der Anonymität beschließen? Das ist eine der vielen ungelösten Fragen, die uns Thomas Edward Lawrence hinterlassen hat.

Das Niedersächsische Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg versucht sich nun mit einer ebenso kenntnisreichen wie kurzweiligen Ausstellung der mythenbeladenen und rätselhaften Figur des Abenteurers, Archäologen und Kämpfers zu nähern. Natürlich kann auch sie das Rätsel dieser widersprüchlichen Gestalt nicht lösen. Das wäre wohl zu viel verlangt, steht doch der einst hemmungslos gefeierte Kriegsheld spätestens seit Richard Aldingtons »kritischer Biografie« von 1955 im Mittelpunkt einer verbissenen Kontroverse, die bis heute die Züge eines unversöhnlichen Glaubenskrieges trägt.

Welche Rolle spielte der britische Nachrichtenoffizier Lawrence tatsächlich im Aufstand der Araber gegen das sieche Osmanische Reich, der 1916 losbrach? Was war dran an seiner Freundschaft mit dem späteren König Faisal, der die Beduinenstämme einte? Und wie viel stimmt wirklich von all seinen Heldentaten?

Aber auch ohne letzte Gewissheiten oder gar sensationelle Enthüllungen bieten zu können, weist die Oldenburger Schau vermutlich den richtigen Weg, um sich dem historischen Phänomen zu nähern: indem sie in ihrem Parcours den ebenso abenteuerlichen wie von abrupten, radikalen, geradezu aberwitzig anmutenden Wendungen geprägten Lebensweg des T. E. Lawrence mit der »Genese des Mythos« verknüpft, des Mythos Lawrence of Arabia. Denn nur so wird man ihm auf die Spur kommen können.

Die Ausstellung schlägt den Bogen vom Interesse des Halbwüchsigen fürs Mittelalter bis zu David Leans Filmepos aus den frühen sechziger Jahren, von Lawrence’ Oxforder Abschlussarbeit (Thema: die Festungsarchitektur der Kreuzfahrer) bis zu den populären Groschenromanen über den »Emir Dynamit«. Und vielleicht, so fragt man sich unwillkürlich, liegt ja gerade darin seine eigentliche und wirklich große Leistung: dass Lawrence unbedingt, um wirklich jeden Preis, seinem Leben legendäre Züge verleihen wollte, Züge eines heroischen Daseins.

Dem dienten nicht nur seine echten oder vermeintlichen Heldentaten im Guerillakrieg gegen die osmanische Armee, an der Seite der Beduinen in der Wüste kämpfend, dem diente auch der eiserne Verzicht. Als er, der »Befreier Arabiens«, der in der Uniform eines Obersts nach England zurückgekehrt war, ein paar Jahre später wieder in die Armee eintrat, als einfacher Rekrut, unter falschem Namen, sollte dies wohl nicht zuletzt die heroische Abkehr von allem Weltlichen, von Ruhm und Lohn demonstrieren.

Sein Lebensabend als Nachtwächter hätte diesen schillernden Rückzug in die Einsamkeit – und in den Mythos – vollendet. So wie der Dichter Rimbaud als Krämer in Afrika untertauchte, so wie sich die Ritter der mittelalterlichen Heldensagen nach ihren großen Taten hinter Klostermauern zurückzogen, so hätten sich seine Spuren in Londons Nächten verloren. »Glücklich sollen und dürfen wir nicht sein«, schreibt er einmal an einen Freund, »und dieser Sünde bin ich, glaube ich, mit Erfolg aus dem Weg gegangen.«