Die vergangenen Wochen standen weitgehend im Zeichen des Terrors. Wann immer ich den Fernseher einschaltete, sah ich den Innenminister, der mit ernstem Gesicht über Terroranschläge sprach. Er sagte, man soll vor allem die Ruhe bewahren. Ruhe: ganz wichtig. Aber wenn man vor allem die Ruhe bewahren soll, wieso sitzen dann ununterbrochen besorgte Menschen im Fernsehstudio? Zum Glück ist bis zum Redaktionsschluss dieser Kolumne nichts passiert.

Inzwischen haben sich Wissenschaftler zu Wort gemeldet, die das Terrorismusrisiko berechnet haben. Das statistische Risiko, in einem Land der westlichen Welt an einer Terroristenbombe zu sterben, ist geringer als das Risiko, beim oder besser nach dem Verschlucken eines Kugelschreiberteilchens zu ersticken. Jedes Jahr ersticken nachweislich 300 Menschen an einem Kugelschreiberteilchen. Dies sind viermal so viele, wie vom Blitz erschlagen werden. Man muss auch berücksichtigen, dass es in vielen Teilen der Welt, ich spreche von den armen Teilen, zum Beispiel der Sahelzone, nur sehr wenige Kugelschreiber gibt. Das Todesrisiko durch Kugelschreiber wächst also mit dem Wohlstand, Länder wie Deutschland stehen im Fokus. In reichen Ländern sind die Kugelschreiber auch größer und dicker und bestehen aus mehr Teilchen als in der Sahelzone. Außerdem gibt es eine beachtliche Dunkelziffer.

Neulich sprach ich mit dem Rechtsmediziner Michael Tsokos. Er kritisiert, dass es in Deutschland nur wenige Obduktionen gibt und deswegen sehr oft eine falsche Todesursache auf dem Totenschein steht. Man wird als Arzt, sagt Tsokos, zu einem alten Menschen gerufen, der verstorben ist, und denkt, ach so, der Mensch ist alt. Er ist sicher an Altersschwäche gestorben. In Wirklichkeit hätte diese Person noch etliche Jahre glücklich zu leben gehabt, aber sie hat aus Versehen, oder in suizidaler Absicht, ein Kugelschreiberteilchen verschluckt. Seit nicht mehr so viel geraucht wird, lutschen übrigens immer mehr Exraucher an ihren Kugelschreibern, das ist nun mal ein Faktum. Statt an den Zigaretten stirbt nun sicher so mancher an einem Kugelschreiberteilchen. Es sind also garantiert nicht nur 300 Tote, es sind 500, womöglich 1000.

Sie halten das für schwarzen Humor, für Ironie? Es sind echte Tote! Unter dem Strich sind sie genauso tot wie jeder andere Tote. Zweifellos wäre die Zahl der Terroropfer bedeutend größer und würde die Zahl der Kugelschreiberopfer deutlich übersteigen, wenn es keine staatliche Terrorbekämpfung gäbe. Ich mache mich nicht über sinnvolle Antiterrormaßnahmen lustig, ich finde nur unser Risikoempfinden sonderbar. An den Schulen müsste man, so sicherheitsfixiert, wie unsere Gesellschaft ist, früh über den richtigen Umgang mit Kugelschreibern aufklären. Man müsste die Sicherheitsvorschriften für die Kugelschreiberindustrie verschärfen, vielleicht ist auch eine nach Einkommen gestaffelte Kugelschreibersteuer – mit Ausnahmen für Hoteliers – der richtige Weg. Vor allem müssten es Beckmann, Maybrit Illner und Anne Will zum Thema machen: »Die Killer-Kulis. Der Tod, der in der Tinte sitzt. Ein Sensenmann, der schreiben kann.« Es wäre, rein statistisch gesehen, ebenso sinnvoll wie eine Talkshow über Terrorismus.

Sie tun es nicht. Warum? Es ist nicht sexy. Die Menschen möchten das nicht sehen. Das ist nämlich das besonders Teuflische und Heimtückische am Kugelschreiber, er ist nicht nur ein Menschen-, sondern auch ein Quotenkiller. Gleichwohl gilt auch hier: Wir müssen vor allem die Ruhe bewahren.