Buch des Anstoßes: "Das Amt" in den Händen des deutschen Außenministers Guido Westerwelle © Odd Andersen/AFP/Getty Images

»Sooft eine neue überraschende Erkenntnis durch die Wissenschaft gewonnen wird«, schrieb der Dichter Wilhelm Raabe einmal, »ist es das erste Wort des Philisters: es sei nicht wahr; das zweite: es sei gegen die Religion; und das letzte: so etwas habe Jedermann schon lange vorher gewußt.«

Beim neuesten Streit um das Buch zur NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amts scheint die Reihenfolge jetzt genau umgekehrt: Zunächst war »alles schon bekannt«. Dann fand man auf den 879 Seiten Fehler im Detail und Verstöße gegen den »Stand der Forschung«. Und nun – soll alles gar nicht wahr sein?

So lesen wir im Spiegel, Historiker vor allem der eher konservativen Couleur liefen »Sturm gegen den Bestseller«: Sie stießen sich an Ungenauigkeiten und falschen Wertungen. Aber auch Hans Mommsen wird erwähnt. Der Altmeister, dessen 80. Geburtstag gerade gefeiert wurde, hatte das Buch erst vor Kurzem in der Frankfurter Rundschau kritisch besprochen, indes mit Lorbeer nicht gespart. Jetzt will er sein Lob für die »Meisterleistung« der »hervorragenden Zeithistoriker« nur noch ironisch verstanden wissen. Schwer zu glauben.

Was ist hier passiert?

Eine Gruppe jüngerer Wissenschaftler hat zusammen mit Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann im Auftrag des Auswärtigen Amts ein Buch über die NS-Geschichte des Amts geschrieben. Sie schildern auf eindringliche Weise, wie sich das Amt gleichgeschaltet hat, wie sich deutsche Diplomaten am Holocaust beteiligt haben, welche personellen Kontinuitäten es nach 1945 gab. Eine Darstellung, die übrigens auch der angeblich sturmlaufende Historiker Gregor Schöllgen in der Süddeutschen Zeitung gerade noch einmal bestätigt hat.

Der Verlag allerdings hat alles getan, um das Buch als Sensation zu verkaufen . Das war gut für den Verkauf, im Übrigen aber fatal. Denn eine Sensation ist es nur insofern, als hier nun auch amtlich und gründlich mit der wissenschaftlich bereits zerlegten Legende aufgeräumt wird, das Auswärtige Amt sei ein Ort des Widerstands gewesen, ein Rocher de Bronze im Meer der braunen Barbarei.

Selbstverständlich gab es schon Akteneditionen zur Geschichte des Amtes. Es gab auch schon Bücher über das Amt im »Dritten Reich«. Die Historiker mussten nicht bei null anfangen. Ihre Pflicht aber war es, ad fontes zu gehen, noch einmal die Quellen zu befragen. Und vor allem für die Zeit nach 1945, für die Jahre der offenen und geheimen Kontinuitäten, haben sie viel Neues und Bedrückendes gefunden. Hans Mommsen meinte in der FR zu Recht: Hier gelinge es den Autoren, »ein Stück innerer Geschichte der Bundesrepublik« zu schreiben. Und das dürfte er nun ganz gewiss nicht ironisch gemeint haben.

Überdies ist ihnen ein lesbarer Ton geglückt. Das Buch erklärt, es ordnet ein, stellt Zusammenhänge her. Über »Fehlinterpretationen« muss man diskutieren, genauso wie über Fußnoten, das ist guter wissenschaftlicher Brauch. Nur: Zum gesellschaftlichen Streit, zur Wiederaufnahme der großen Debatte, wie sie seit der Diskussion in den Fünfzigern um die »Kollektivschuld« bis hin zu Goldhagens Thesen und der Wehrmachtausstellung immer wieder aufgeflammt ist, taugt dieses Werk nicht.

Historikerkontroversen sind wichtig. Hier aber droht ein beeindruckendes Buch Opfer einer Farce aus Mediengefuchtel und Professoreneitelkeiten zu werden.