Was kostet ein verpfuschtes Leben? Wie viel Geld braucht es, um das Unrecht, das zahllosen Heimkindern im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre zugefügt wurde, zu sühnen? Und ist Sühne überhaupt möglich? Es ist das selbe Dilemma, das sich auch im Streit um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern gestellt hat: Was geschehen ist, lässt sich nicht mit Geld aus der Welt schaffen. Und doch können finanzielle Hilfen für die Opfer auch noch nach Jahrzehnten ein Weg sein, die Vergangenheit erträglicher zu machen. Im Fall der Heimkinder sind solche Zahlungen sogar unumgänglich.

Wenig beachtet von der Öffentlichkeit, geht dieser Tage der Runde Tisch zu Ende, der den alltäglichen Missbrauch in vielen Kinderheimen der jungen Bundesrepublik aufarbeiten soll. Zum zehnten Mal treffen in Berlin die mehr als 20 Teilnehmer von Bund, Ländern, Kommunen, Heimträgern und Kirchen zusammen. Am Montag will die Vorsitzende Antje Vollmer den Abschlussbericht vorstellen. Was auch immer die ehemalige Bundestagspräsidentin sagen wird, dürfte zum Vorbild werden für ähnliche Gremien, besonders für den Runden Tisch der Bundesregierung, der sich mit sexuellem Missbrauch beschäftigt.

Es wäre deshalb geradezu dramatisch, sollte der Runde Tisch zur Heimerziehung scheitern. Doch eben das droht.

Am Ende geht es, wie abzusehen war, ums Geld. Eine pauschale Entschädigung für alle Opfer von Prügel, Zwangsarbeit und folterähnlichen Strafen wird es voraussichtlich nicht geben. Auch nach knapp zwei Jahren am Runden Tisch ist nämlich nicht annähernd klar, wie viele Opfer es gibt. Deshalb lässt sich auch kaum kalkulieren, welche Belastungen auf die Institutionen zukämen, die in der Nachfolge der Täter stehen. Sollen sie lediglich für die 650 Betroffenen zahlen, die sich bislang offenbart haben? Oder für die bis zu 50.000 missbrauchten Heimkinder, die sich nach Schätzungen von Experten melden könnten ?

Bund, Heimträger und Kirchen favorisieren einen Fonds, aus dem nach Einzelfallprüfung individuell Rente oder Therapieunterstützung gezahlt werden soll. Unionsregierte Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen verweigern sich bislang, so ist zu hören, sogar diesem Modell und könnten damit eine Einigung gefährden.

Gibt es am Ende gar kein Geld für die Heimkinder? Das wäre nach dem Missbrauch und dem jahrzehntelangen Schweigen darüber die dritte Demütigung für die Opfer.