Ostasien : Der Zombie-Staat

Funktionäre fliehen, Korruption macht sich breit: In Nordkorea wächst die Verzweiflung.
Ein Kim Il-Sung-Denkmal in der nordkoranischen Hauptstadt Pjöngjang © Mark Ralston/AFP/Getty Images

Eines ist sicher: Das Regime in Nordkorea, das sich selbst völlig irreführend als »Demokratische Volksrepublik« bezeichnet, verstößt seit Jahren systematisch und mit erheblicher krimineller Energie gegen selbst eingegangene Verpflichtungen und Verträge, gegen internationale Vereinbarungen und gegen das Völkerrecht.

Hanns W. Maull

Hanns W. Maull ist Politikwissenschaftler und Ostasienexperte. Er lehrt Internationale Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Trier.

Weniger offensichtlich ist, warum sich Pjöngjang derart widerspenstig verhält. Und noch schwieriger ist die Frage zu beantworten, was sich unternehmen lässt, um das Regime von seinen gefährlichen Praktiken abzubringen. Die jüngsten Provokationen Nordkoreas werden häufig mit einem Generationswechsel in der politischen Führung Nordkoreas in Zusammenhang gebracht. Und es stimmt: Vor einigen Wochen wurde mit großem Pomp der jüngste Sohn des jetzigen Staatsführers Kim Jong-il (und Enkel des Staatsgründers und – laut Verfassung – Staatspräsidenten auf Ewigkeit, Kim Il-sung) als Nachfolger eingeführt. Doch das allein erklärt nicht das bizarre Verhalten Nordkoreas, denn die zweifelhaften Praktiken des Regimes reichen weit in die Vergangenheit zurück. Vielmehr handelt es sich bei Nordkorea um eine besondere Form von Staatsversagen.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion, die Nordkorea durch großzügige Subventionen unterstützt hatte, sind die wichtigsten Überlebensfunktionen des Landes am Ende: Die Wirtschaft befindet sich in einer tiefen Krise, die Infrastruktur zerfällt, das Land kann sich nicht mehr selbst ernähren und versorgen. Nordkorea wurde zu einem Zombie-Staat: Das Land lebt eigentlich nicht mehr, doch das Regime ist quicklebendig und sichert seine Existenz – und ein Leben in Luxus für die Führungsriege – mit dem Verkauf von Waffen, Rüstungs- und Atomwaffentechnologie, durch allerlei kriminelle Aktivitäten wie Drogenhandel und Verbreitung von Falschgeld, vor allem aber durch systematische Geiselnahme und Erpressung. Pjöngjangs demonstrativ zur Schau gestellte Atombomben stellen dabei die ultimative Überlebensgarantie gegen alle äußeren Bedrohungen des Staates dar – die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Die Logik der nordkoreanischen Erpressungsstrategien ist dabei durchaus subtil. So verlangt Nordkorea grundsätzlich Vorleistungen für jede Form von Verhandlungsbereitschaft: Der ehemalige südkoreanische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Kim Dae-jung musste etwa für das Gipfeltreffen mit seinem nordkoreanischen Kollegen Kim Jong-il mehrere Hundert Millionen Dollar aufbringen. Ein weiteres Element der Erpressungsstrategie besteht darin, die eigene Bevölkerung zur Geisel zu nehmen und internationale Hilfeleistungen für die hungernden Nordkoreaner zu mobilisieren. Die internationale Nahrungsmittelhilfe stopfte damit die Löcher in der Grundversorgung der nordkoreanischen Bevölkerung und kompensierte so das Staatsversagen.

Und schließlich droht Nordkorea immer wieder unverhohlen mit einer militärischen Eskalation, aber auch mit den Folgen eines etwaigen Kollapses: Ein Krieg würde zwar zweifellos das Ende für Nordkorea bedeuten, aber er würde auch Südkorea verheerend zerstören. Zudem würde ein Zusammenbruch des nordkoreanischen Systems die Nachbarländer mit einer gewaltigen Zahl von Flüchtlingen konfrontieren. Kurzum: Südkorea wie auch die Volksrepublik China haben gewichtige Gründe, die Risiken eines militärischen Konfliktes oder einen Zusammenbruch Nordkoreas zu scheuen. 

Obwohl also nicht nur das Regime in Pjöngjang, sondern auch seine Nachbarn versuchen, die »Stabilität auf der koreanischen Halbinsel zu bewahren« (sprich: den Zombie-Staat am Leben halten), erscheint eine Zuspitzung der Lage keineswegs unwahrscheinlich. Sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch innerhalb des Regimes wächst offenbar die Verzweiflung auf der Suche nach Wegen aus der Not. Immer mehr Nordkoreaner, darunter auch hohe Funktionäre, versuchen, das Land zu verlassen, und die Politik des Regimes wird immer riskanter. Denn die Strategien der Erpressung, mit denen der Staat bislang erfolgreich überlebt hat, nutzen sich ab. Südkorea etwa ist der Preis der nordkoreanischen Erpressungen inzwischen zu hoch geworden: Seoul hat seine lange betriebene »Sonnenscheinpolitik« aufgegeben. Nordkorea muss immer neue Drohgebärden unternehmen, wie zuletzt die Artillerieangriffe über die Demarkationslinie hinweg. Damit steigt das Risiko einer Fehlkalkulation oder eines Missverständnisses mit unbeabsichtigten, aber verheerenden Folgen.

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Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Ich kenne genug

linke Gutmenschen, die mir weismachen wollen wie schlimm es dort ist.
Generell halte ich Nordkorea für ein faszinierendes Phänomen. Es zeigt auch, wie wenig sinnvoll extreme Tendenzen in der Politik sind. Egal ob stark rechts oder stark links...sobald sie an der Macht sind ist alles, wofür sie mal standen vergessen. Man muss sich nur anschauen was passiert wenn bei uns die NPD mal in einen Landtag kommt oder die ständigen Kämpfe in der 'solidarischen' Linken.
In Nordkorea sollte ja eigentlich auch der Staat für die Leute sorgen...^^

Ahja...

...angenommen es wäre tatsächlich westliche Propaganda gewesen, warum sollte es jetzt keine westliche Propaganda mehr sein? Kennen sie jetzt die waren Umstände in Nordkorea? Woher denn?

Beispiel: Der nordkoreanische "Angriff". Klar liegt es nahe, dass Nordkorea nur behauptet, dass Südkorea kurz zuvor in Nordkoreas Richtung geschossen hat und man deshalb Artillerieschläge durchführte, aber letztendlich wissen können wir es nicht. Aber die Annahme, dass "die westliche Welt" nur Propaganda gegen das "kommunistische" Regime durchführt um Feinde des Systems, eben Linke, zu diskreditieren, indem Nordkorea mit Kommunismus verglichen wird, liegt auch nahe.
Letzendlich würde ich mich davor hüten, in dieser Medienlandschaft eindeutige Schlüsse aus den gebotenen Informationen zu ziehen.

Meines Wissens ...

... ist der Kommunismus nordkoreanische Staatsideologie.

Nordkorea und Kommunismus müssen also nicht erst propagandistisch in Verbindung gebracht werden.

Nun sind die Verhältnisse in Nordkorea wirtschaftlich katastrophal, der Lebensstandard der Bevölkerung niedrig bis zum verhungern und der Staat nach aussen unzuverlässig, aggressiv und unberechenbar. Politische Gefangene soll es auch reichlich geben, aber selbst Amnesty blickt infolge der wirksamen Überwachung der Bevölkerung da nicht so richtig durch.

Vergleicht man Nordkorea mit anderen Staaten, die sich dem Kommunismus verschrieben hatten, so sind die Unterschiede allerdings marginal. Diktatur ist eben Diktatur, ob Diktatur der Nikoläuse oder des Proletariats.

China und neuerdings Vietnam zeigen:
Die Lebensverhältnisse verbessern sich mit zunehmender Entfernung von der kommunistischen Ideologie.

Pech der Nordvietnamesen ist, dass China ihr Land gern als Pufferterritorium zum Westen erhalten möchte, die Kosten aber nicht tragen will.

Feudal-absolutistische Erbmonarchie

Das Regime in Nordkorea hat mit dem Kommunismus - selbst sowjetischer Spielart - absolut nichts zu tun. Womit wir es in Nordkorea zu tun haben, ist eine feudal-absolutistische Erbmonarchie, die sich nur den Mantel der Kommunismus umgehängt hat.

Übrigens: In der Wirtschaft gilt Nordkorea als zuverlässiger und vor allem extrem billiger Produktionsstandort. Es gibt dort keine aufmüpfigen Gewerkschaften und wer nicht spurt, wird von den Machthabern - bzw. Geschäftspartnern westlicher Konzerne - entweder eingesperrt oder gleich umgebracht.

Auch nicht richtig

Bei Nordkoreas Staatsform handelt es sich um Faschismus. Der Unterschied zwischen Faschismus und Kommunismus ist der übertriebene Nationalismus beim Faschismus und übertriebener Internationalismus auf Basis des weltweiten Klassenkampfes von Arbeitern und Bauern beim Kommunismus. Ansonsten gleichen sich beide Systeme:

http://de.wikipedia.org/w...

Das Regime in Nordkorea ist übertrieben nationalistisch geprägt.
Wie der Artikel richtig zeigt, egal welchen Weg man beim Lösen der Koreafrage einschlägt, die Folgen sind absolut nicht abzuschätzen.
So gerne ich den Nordkoreanern ein sofortiges Leben in Freiheit und relativem Wohlstand gönne, scheint der chinesische Weg die einzige Lösung zu sein, das Land aus seiner "Zombieexistenz" zu holen. Die Menschenrechte werden dabei nur sehr langsam Einzug halten, leider.
Krieg und Kollaps werden aber mit Sicherheit größere Opfer fordern und ein Krieg bliebe nicht auf Nordkorea beschränkt.

MfG
AoM

Das Kind einmal beim Namen genannt

Ein wesentlicher Faktor bei der Bewertung Nordkoreas dürfte allerdings der Umstand sein, dass die Staatsführung innerhalb der Familie Kim vererbt wird. Die nordkoreanische KP als staatstragende Partei ist inzwischen - im Gegensatz zu anderen kommunistischen Ländern, wie Kuba oder China aber auch der Staatsparteien in faschistischen Ländern mit Ein-Parteien-Systemen - völlig bedeutungslos. Dies bedeutet: alle Schaltstellen der Macht hat die Familie Kim in den Händen, das Volk dagegen wird bis aufs Blut ausgepresst; dabei stehen freundlich gesinnte Gönner in Moskau, Peking und in einigen westlichen Konzernzentralen (u.a. im Disney-Konzern) der Familie Kim helfend und stützend zur Seite.

Ein besseres Beispiel für eine feudalistische Erbmonarchie im negativen Sinne gibt es aus meiner Sicht zur Zeit auf der Welt nicht. Was in Nordkorea zur Zeit passiert, hat nicht einmal mehr etwas mit Stalinismus oder Faschismus zu tun. Kommunismus und Nationalismus sind hier nur politische Deckmäntelchen.

@3 Gutmensch

Für mich immer noch der, der sich um die Folgen seiner guten Absichten nicht kümmert. Z. B. die Erhöhung von Benzinpreisen (für Umwelt gut) ohne Rücksicht auf diejenigen der Bevölkerung, die ohne Auto nicht zur Arbeit kommen (schlecht, falls nicht wirklich Ersatz durch ÖVPN. Oder z. B. der Stalinismus, Calvinismus, der Gottesstaat und der radikale Katholik mit Inquisitionsattitude.

Gutmensch

Wolfgang Schorlau - Fremde Wasser:

"Ich würde dir sagen, dass Gutmensch ein konservativer Kampfbegriff ist, erfunden, um Leute zu denunzieren, die dem urmenschlichen Bedürfnis nachgehehn, etwas für die Gesellschaft Nützliches zu tun. Ich würde dir weiter sagen, dass es eine misslungene Parodie auf engagierte Menschen ist und wenig aussagt über diese, aber viel über diejenigen, die diesen Begriff polemisch verwenden"

Über den Begriff "Gutmensch"...

... findet sich bei Wikipedia eine Zusammenstellung, die einen guten Eindruck vermittelt, was alles damit gemeint sein kann.

Dominierend ist die "naiv moralisierende" Argumentationsweise der "Gutmenschen", die aber aktuell kaum noch anzutreffen ist:

Die tun nur so doof und entziehen sich so einer ernsthaften Diskussion ihrer meist ideologisch geprägten Sichtweise.

Ich persönlich verwende den Begriff nicht, da "heuchlerischer Schlechtmensch" meist angemessener wäre.

@2 - Gutmenschen?

Ich frag mich, wann und mit wem Sie ausgerechnet über Nordkorea gesprochen haben.
In den 70er Jahren können das eigentlich nur die wenigen K-Gruppenmitglieder gewesen sein, insbesondere die KPD/ML, die china- und albanieaffin war. Als besondere Gutmenschen habe ich die allerdings nicht in Erinnerung, vertraten sie doch das Konzept der Volksbewaffnung und strikt hierarchischer Gruppenorganisation.

Vergessen Sie bitte auch nicht, dass Südkorea zwischen 1961 und 1987 eine Militärdiktatur war, die man in der BRD allenfalls zur Kenntnis nahm, bestenfalls auch aus dem bürgerlichen Lager heraus nur zähneknirschend unterstützt hat. Negativer Relativismus mag da vorgekommen sein.

Südkorea wurde während dieser Zeit nur wegen seiner eigentümlichen Wirtschaftsorganisation und bis zur Asienkrise in den 90er Jahren als "Kleiner Tigerstaat" wahrgenommen.
Die gesamtkoreanische Lage geriet selbst durch den Mauerfall, den man in beiden Koreas wegen seiner möglichen Vorbildfunktion sehr genau beobachtet hat, nicht auf den bundesdeutschen Schirm.

Sie müssen also, wenn überhaupt, mit sehr schlecht informierten Diskussionspartnern zu tun gehabt haben.