Ein Kim Il-Sung-Denkmal in der nordkoranischen Hauptstadt Pjöngjang © Mark Ralston/AFP/Getty Images

Eines ist sicher: Das Regime in Nordkorea, das sich selbst völlig irreführend als »Demokratische Volksrepublik« bezeichnet, verstößt seit Jahren systematisch und mit erheblicher krimineller Energie gegen selbst eingegangene Verpflichtungen und Verträge, gegen internationale Vereinbarungen und gegen das Völkerrecht.

Weniger offensichtlich ist, warum sich Pjöngjang derart widerspenstig verhält. Und noch schwieriger ist die Frage zu beantworten, was sich unternehmen lässt, um das Regime von seinen gefährlichen Praktiken abzubringen. Die jüngsten Provokationen Nordkoreas werden häufig mit einem Generationswechsel in der politischen Führung Nordkoreas in Zusammenhang gebracht. Und es stimmt: Vor einigen Wochen wurde mit großem Pomp der jüngste Sohn des jetzigen Staatsführers Kim Jong-il (und Enkel des Staatsgründers und – laut Verfassung – Staatspräsidenten auf Ewigkeit, Kim Il-sung) als Nachfolger eingeführt. Doch das allein erklärt nicht das bizarre Verhalten Nordkoreas, denn die zweifelhaften Praktiken des Regimes reichen weit in die Vergangenheit zurück. Vielmehr handelt es sich bei Nordkorea um eine besondere Form von Staatsversagen.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion, die Nordkorea durch großzügige Subventionen unterstützt hatte, sind die wichtigsten Überlebensfunktionen des Landes am Ende: Die Wirtschaft befindet sich in einer tiefen Krise, die Infrastruktur zerfällt, das Land kann sich nicht mehr selbst ernähren und versorgen. Nordkorea wurde zu einem Zombie-Staat: Das Land lebt eigentlich nicht mehr, doch das Regime ist quicklebendig und sichert seine Existenz – und ein Leben in Luxus für die Führungsriege – mit dem Verkauf von Waffen, Rüstungs- und Atomwaffentechnologie, durch allerlei kriminelle Aktivitäten wie Drogenhandel und Verbreitung von Falschgeld, vor allem aber durch systematische Geiselnahme und Erpressung. Pjöngjangs demonstrativ zur Schau gestellte Atombomben stellen dabei die ultimative Überlebensgarantie gegen alle äußeren Bedrohungen des Staates dar – die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Die Logik der nordkoreanischen Erpressungsstrategien ist dabei durchaus subtil. So verlangt Nordkorea grundsätzlich Vorleistungen für jede Form von Verhandlungsbereitschaft: Der ehemalige südkoreanische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Kim Dae-jung musste etwa für das Gipfeltreffen mit seinem nordkoreanischen Kollegen Kim Jong-il mehrere Hundert Millionen Dollar aufbringen. Ein weiteres Element der Erpressungsstrategie besteht darin, die eigene Bevölkerung zur Geisel zu nehmen und internationale Hilfeleistungen für die hungernden Nordkoreaner zu mobilisieren. Die internationale Nahrungsmittelhilfe stopfte damit die Löcher in der Grundversorgung der nordkoreanischen Bevölkerung und kompensierte so das Staatsversagen.

Und schließlich droht Nordkorea immer wieder unverhohlen mit einer militärischen Eskalation, aber auch mit den Folgen eines etwaigen Kollapses: Ein Krieg würde zwar zweifellos das Ende für Nordkorea bedeuten, aber er würde auch Südkorea verheerend zerstören. Zudem würde ein Zusammenbruch des nordkoreanischen Systems die Nachbarländer mit einer gewaltigen Zahl von Flüchtlingen konfrontieren. Kurzum: Südkorea wie auch die Volksrepublik China haben gewichtige Gründe, die Risiken eines militärischen Konfliktes oder einen Zusammenbruch Nordkoreas zu scheuen. 

Obwohl also nicht nur das Regime in Pjöngjang, sondern auch seine Nachbarn versuchen, die »Stabilität auf der koreanischen Halbinsel zu bewahren« (sprich: den Zombie-Staat am Leben halten), erscheint eine Zuspitzung der Lage keineswegs unwahrscheinlich. Sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch innerhalb des Regimes wächst offenbar die Verzweiflung auf der Suche nach Wegen aus der Not. Immer mehr Nordkoreaner, darunter auch hohe Funktionäre, versuchen, das Land zu verlassen, und die Politik des Regimes wird immer riskanter. Denn die Strategien der Erpressung, mit denen der Staat bislang erfolgreich überlebt hat, nutzen sich ab. Südkorea etwa ist der Preis der nordkoreanischen Erpressungen inzwischen zu hoch geworden: Seoul hat seine lange betriebene »Sonnenscheinpolitik« aufgegeben. Nordkorea muss immer neue Drohgebärden unternehmen, wie zuletzt die Artillerieangriffe über die Demarkationslinie hinweg. Damit steigt das Risiko einer Fehlkalkulation oder eines Missverständnisses mit unbeabsichtigten, aber verheerenden Folgen.