Überbleibsel der Nordstern-Kohlemine in Gelsenkirchen © Patrik Stollorz/AFP/Getty Images

Migrationshintergrund«, das sperrige Wort, ist eine Erfindung der neunziger Jahre. Doch Menschen, die auf der Suche nach Arbeit kamen und dauerhaft blieben, die gibt es auch in Deutschland schon seit Langem. Die Integration von Zuwanderern ist ein Thema nahezu aller modernen Gesellschaften. Viele Probleme sind trotz schnellen Wandels ähnlich geblieben, auch wenn sich die Konstellationen nie völlig gleichen.

Ein historisches Lehrbuchbeispiel bietet das Ruhrgebiet. Im 19. Jahrhundert verwandelte es sich geradezu in eine Einwanderungsregion. Und schon damals gab es der mahnenden und warnenden Worte viele. »Die Anhäufung großer Arbeitermassen slawischer Abkunft im rheinisch-westfälischen Industriegebiete«, stellte 1896 der Oberpräsident der Provinz Westfalen, Heinrich Konradt von Studt, in einer Denkschrift fest, berge bedeutende Gefahren. Denn es handele sich um »Elemente, welche dem Deutschthume feindlich gegenüberstehen, sich auf einer niedrigen Stufe der Bildung und Gesittung befinden und zu Ausschreitungen geneigt sind«.

Und noch 1920 warnte die rheinisch-westfälische Landesgruppe der »Vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier« davor, dass »Westfalen, dieses kerndeutsche Land, das stolz ist auf die Taten eines Arminius und Wittekind«, nicht zu einem gemischtsprachigen Gebiet werden dürfe. »Westfalen ist deutsch und soll es unverfälscht bleiben [...]. Polnische Schulen im Industriegebiet sind eine nationale Gefahr, wir werden sie mit deutscher Zähigkeit bekämpfen und ihre Einrichtung nicht dulden.«

Dabei hatte die Region zwischen Duisburg und Dortmund schon früh von internationaler Zuwanderung profitiert. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts waren Engländer, Iren und Franzosen hierhergekommen. Sie spielten als Unternehmer und Spezialisten in der Anfangsphase der montanindustriellen Expansion eine wichtige Rolle, zudem kamen Italiener als Gesteinshauer, aber auch als Arbeiter beim Kanalbau. Die erste differenzierte Belegschaftsstatistik des Ruhrbergbaus von 1893 gibt unter 23410 Fremdsprachigen an: 20494 aus dem Deutschen Reich (das waren vor allem Menschen aus den Ostprovinzen), 1443 aus Österreich-Ungarn, 699 aus Holland, 610 aus Italien, 82 aus Russland und weitere 82 aus anderen Staaten. Die Zahl der Ausländer stieg an, die »preußischen Polen« aber blieben in der überwiegenden Mehrheit. Arbeiter aus dem russischen Teil Polens oder dem österreichischen Galizien durften zwar saisonal im Westen in der Landwirtschaft sowie in der oberschlesischen Montanindustrie beschäftigt werden, aber nur in wenigen Ausnahmefällen im Ruhrbergbau.

Die »preußischen Polen« kamen vor allem aus jenen Gebieten, die seit den polnischen Teilungen und dem Untergang des polnischen Staates Ende des 18. Jahrhunderts zu Preußen gehörten, wie zum Beipiel die Provinz Posen. Sie besaßen durchweg die deutsche, das heißt preußische Staatsbürgerschaft. Damit befanden sie sich rechtlich in einer weit besseren Ausgangslage als Ausländer, sie waren jedoch in ähnlicher Weise ethnischer und sozialer Diskriminierung ausgesetzt: zum einen in ihrer alten Heimat, die in der Kaiserzeit einer rigiden »Germanisierungspolitik« ausgesetzt war, welche die polnische Sprache und Kultur à la longue zum Verschwinden bringen sollte. Zum anderen aber auch in der neuen Heimat im Westen.

Die Menschen wurden gezielt angeworben. Relativ gute Löhne lockten ebenso wie falsche Versprechungen unter einer ländlichen Bevölkerung, die aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung ihre Arbeit verloren hatte und proletarisiert war, sodass die aufstrebende Industrie im Westen vergleichsweise attraktive Lebensperspektiven bot. Der ökonomische Druck zur Abwanderung aus dem Osten wurde durch den sozialen Sog der Industrialisierung im Westen Deutschlands verstärkt und löste nach der Reichsgründung 1871 eine riesige Ost-West-Binnenmigration aus. Vor Beginn des Ersten Weltkriegs lebten im Ruhrgebiet etwa 350.000 (ethnische) Polen, die rund 150.000 Masuren nicht mit eingerechnet.

Nun gab es polnische Einwanderer auch in anderen Teilen Deutschlands, zum Beispiel in den Großstädten Hamburg und Berlin. Aber im Ruhrgebiet waren die Polen am sichtbarsten konzentriert. Noch heute könnte man beim Blick ins Telefonbuch vermuten, hier lebe eine deutsch-polnische Mischbevölkerung. Allerdings verweisen nicht alle slawisch klingenden Namen auf Polen, und mancher deutsche Name wiederum war ursprünglich ein slawischer. Denn etliche Polen ließen ihren Namen eindeutschen: So wurde aus Majczak Mayer, aus Luczak Lutz oder aus Marczynski Markus.

Die Anwerbung arbeitete mit süßen Verlockungungen, wie ein Flugblatt zeigt, das 1908 insbesondere die Masuren ansprach, die als evangelische und betont kaisertreue Bewohner des südlichen Ostpreußens mit starkem Eigenbewusstsein und einem altertümlichen polnischen Dialekt Distanz zu ihren katholischen Landsleuten hielten. »In rheinländischer Gegend«, heißt es dort, »umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldern, den Vorbedingungen guter Luft, liegt, ganz wie ein masurisches Dorf, abseits vom großen Getriebe des westfälischen Industriebezirkes, eine reizende, ganz neu erbaute Kolonie der Zeche ›Viktor‹ bei Rauxel.« Lage und Größe der Wohnungen werden ebenso eingehend beschrieben wie die Höhe der Verdienste in unterschiedlichen Lohngruppen und die Möglichkeiten zum Sparen. Schließlich wollten fast alle Arbeiter aus dem Osten möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen und dann in die alte Heimat zurückkehren.

Die masurischen Einwanderer blieben lange Zeit eine Gruppe für sich, verhielten sich anders als die polnischen und assimilierten sich schneller, auch wenn es sich der Herkunft und Sprache nach um Polen handelte. In der Wahrnehmung der Deutschen verwischte sich diese Trennung jedoch. So gelten die Schalker Fußballidole Ernst Kuzorra und Fritz Szepan noch heute als »Polen«, tatsächlich waren sie masurischer Herkunft.