Geschichte Die polnische Parallelgesellschaft

Hunderttausende Menschen aus Preußisch-Polen kamen nach 1871 ins Ruhrgebiet. Hier bewahrten sie ihre Sprache und Kultur, scharf beobachtet durch die Obrigkeit.

Überbleibsel der Nordstern-Kohlemine in Gelsenkirchen

Überbleibsel der Nordstern-Kohlemine in Gelsenkirchen

Migrationshintergrund«, das sperrige Wort, ist eine Erfindung der neunziger Jahre. Doch Menschen, die auf der Suche nach Arbeit kamen und dauerhaft blieben, die gibt es auch in Deutschland schon seit Langem. Die Integration von Zuwanderern ist ein Thema nahezu aller modernen Gesellschaften. Viele Probleme sind trotz schnellen Wandels ähnlich geblieben, auch wenn sich die Konstellationen nie völlig gleichen.

Ein historisches Lehrbuchbeispiel bietet das Ruhrgebiet. Im 19. Jahrhundert verwandelte es sich geradezu in eine Einwanderungsregion. Und schon damals gab es der mahnenden und warnenden Worte viele. »Die Anhäufung großer Arbeitermassen slawischer Abkunft im rheinisch-westfälischen Industriegebiete«, stellte 1896 der Oberpräsident der Provinz Westfalen, Heinrich Konradt von Studt, in einer Denkschrift fest, berge bedeutende Gefahren. Denn es handele sich um »Elemente, welche dem Deutschthume feindlich gegenüberstehen, sich auf einer niedrigen Stufe der Bildung und Gesittung befinden und zu Ausschreitungen geneigt sind«.

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Und noch 1920 warnte die rheinisch-westfälische Landesgruppe der »Vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier« davor, dass »Westfalen, dieses kerndeutsche Land, das stolz ist auf die Taten eines Arminius und Wittekind«, nicht zu einem gemischtsprachigen Gebiet werden dürfe. »Westfalen ist deutsch und soll es unverfälscht bleiben [...]. Polnische Schulen im Industriegebiet sind eine nationale Gefahr, wir werden sie mit deutscher Zähigkeit bekämpfen und ihre Einrichtung nicht dulden.«

Dabei hatte die Region zwischen Duisburg und Dortmund schon früh von internationaler Zuwanderung profitiert. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts waren Engländer, Iren und Franzosen hierhergekommen. Sie spielten als Unternehmer und Spezialisten in der Anfangsphase der montanindustriellen Expansion eine wichtige Rolle, zudem kamen Italiener als Gesteinshauer, aber auch als Arbeiter beim Kanalbau. Die erste differenzierte Belegschaftsstatistik des Ruhrbergbaus von 1893 gibt unter 23410 Fremdsprachigen an: 20494 aus dem Deutschen Reich (das waren vor allem Menschen aus den Ostprovinzen), 1443 aus Österreich-Ungarn, 699 aus Holland, 610 aus Italien, 82 aus Russland und weitere 82 aus anderen Staaten. Die Zahl der Ausländer stieg an, die »preußischen Polen« aber blieben in der überwiegenden Mehrheit. Arbeiter aus dem russischen Teil Polens oder dem österreichischen Galizien durften zwar saisonal im Westen in der Landwirtschaft sowie in der oberschlesischen Montanindustrie beschäftigt werden, aber nur in wenigen Ausnahmefällen im Ruhrbergbau.

Die »preußischen Polen« kamen vor allem aus jenen Gebieten, die seit den polnischen Teilungen und dem Untergang des polnischen Staates Ende des 18. Jahrhunderts zu Preußen gehörten, wie zum Beipiel die Provinz Posen. Sie besaßen durchweg die deutsche, das heißt preußische Staatsbürgerschaft. Damit befanden sie sich rechtlich in einer weit besseren Ausgangslage als Ausländer, sie waren jedoch in ähnlicher Weise ethnischer und sozialer Diskriminierung ausgesetzt: zum einen in ihrer alten Heimat, die in der Kaiserzeit einer rigiden »Germanisierungspolitik« ausgesetzt war, welche die polnische Sprache und Kultur à la longue zum Verschwinden bringen sollte. Zum anderen aber auch in der neuen Heimat im Westen.

Die Menschen wurden gezielt angeworben. Relativ gute Löhne lockten ebenso wie falsche Versprechungen unter einer ländlichen Bevölkerung, die aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung ihre Arbeit verloren hatte und proletarisiert war, sodass die aufstrebende Industrie im Westen vergleichsweise attraktive Lebensperspektiven bot. Der ökonomische Druck zur Abwanderung aus dem Osten wurde durch den sozialen Sog der Industrialisierung im Westen Deutschlands verstärkt und löste nach der Reichsgründung 1871 eine riesige Ost-West-Binnenmigration aus. Vor Beginn des Ersten Weltkriegs lebten im Ruhrgebiet etwa 350.000 (ethnische) Polen, die rund 150.000 Masuren nicht mit eingerechnet.

Nun gab es polnische Einwanderer auch in anderen Teilen Deutschlands, zum Beispiel in den Großstädten Hamburg und Berlin. Aber im Ruhrgebiet waren die Polen am sichtbarsten konzentriert. Noch heute könnte man beim Blick ins Telefonbuch vermuten, hier lebe eine deutsch-polnische Mischbevölkerung. Allerdings verweisen nicht alle slawisch klingenden Namen auf Polen, und mancher deutsche Name wiederum war ursprünglich ein slawischer. Denn etliche Polen ließen ihren Namen eindeutschen: So wurde aus Majczak Mayer, aus Luczak Lutz oder aus Marczynski Markus.

Die Anwerbung arbeitete mit süßen Verlockungungen, wie ein Flugblatt zeigt, das 1908 insbesondere die Masuren ansprach, die als evangelische und betont kaisertreue Bewohner des südlichen Ostpreußens mit starkem Eigenbewusstsein und einem altertümlichen polnischen Dialekt Distanz zu ihren katholischen Landsleuten hielten. »In rheinländischer Gegend«, heißt es dort, »umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldern, den Vorbedingungen guter Luft, liegt, ganz wie ein masurisches Dorf, abseits vom großen Getriebe des westfälischen Industriebezirkes, eine reizende, ganz neu erbaute Kolonie der Zeche ›Viktor‹ bei Rauxel.« Lage und Größe der Wohnungen werden ebenso eingehend beschrieben wie die Höhe der Verdienste in unterschiedlichen Lohngruppen und die Möglichkeiten zum Sparen. Schließlich wollten fast alle Arbeiter aus dem Osten möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen und dann in die alte Heimat zurückkehren.

Die masurischen Einwanderer blieben lange Zeit eine Gruppe für sich, verhielten sich anders als die polnischen und assimilierten sich schneller, auch wenn es sich der Herkunft und Sprache nach um Polen handelte. In der Wahrnehmung der Deutschen verwischte sich diese Trennung jedoch. So gelten die Schalker Fußballidole Ernst Kuzorra und Fritz Szepan noch heute als »Polen«, tatsächlich waren sie masurischer Herkunft.

Leser-Kommentare
  1. Es zeigt einmal mehr, daß der Begriff "Parallelgesellschaften" im Grunde vor dem Hintergrund einer rassistischen Denkweise benutzt wird.
    Vermeintliche Parallelgesellschaften haben sich in allen Kulturen, wo Zuwanderung zugelassen wurde, entwickelt.
    Beispiel New York: Italienische, irische, jüdische, russische Viertel
    Selbst ausgewanderte Deutsche pflegen ihren Brauchtum im Ausland. Im mittleren Westen der USA wird sogar noch Plattdeutsch geredet.

    Wichtig ist, wenn man den Zuwanderern das Gefühl vermittelt, hier nicht willkommen zu sein, dann werden sie sich in ihrer Welt weiter zurückziehen.

    Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

  2. Das Ruhrgebiet als historisches Beispiel für eine Einwanderungsregion ist problematisch und hält den Vergleich mit heutigen Zuständen nicht stand. Diese Region ist die am meisten segregierte in Deutschland und deshalb auch die problematischste. Das Ruhrgebiet ist ein klassisches Beispiel für Misserfolg. Der Artikel versucht das erfolglos schönzureden, indem er Dinge vergleicht, die nicht vergleichbar sind.

    1. "[...] Engländer, Iren und Franzosen hierhergekommen. Sie spielten als Unternehmer und Spezialisten [...]"
    Diese Art von Migranten spielen heute eine marginale Rolle. Deshalb hat dieses Beispiel keine Aussagekraft und ist tendenziös.
    Es kommen heutzutage im Gegenteil eben keine Spezialisten nach Deutschland, die in substantiellem Maße etwas ändern, sondern vor allem Wirtschaftsflüchtlinge ohne Bildung. Diese Bildungslücke (Sprache, Berufsqualifikationen, religiöser und sozialer Habitus) ist für die erste Generation ein mindestens großes Problem, wenn nicht unlösbar.

    2. "[...] Italiener als Gesteinshauer, aber auch als Arbeiter beim Kanalbau. [...]"
    Hier wird der Artikel repräsentativer. Die Italiener sind inzwischen wieder großteils nach Italien zurückgekehrt, jedenfalls diejenigen, die es sich leisten konnten.
    Die Technisierung Deutschlands ist sehr hoch. Man muss schon vorgebildet nach Deutschland kommen, um zurecht zukommen.

    3. Schaue jeder mal auf die Türschilder im Ruhrgebiet. Dort kann jeder selbst sehen, wie Integration scheitert.

    13 Leser-Empfehlungen
  3. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel, der zeigt, daß auch wenn es lange dauert, sich Einwanderer aus einem christlich-europäischen Kulturkreis gut integrieren lassen. Deutschland sollte auf diesen Erfahrungen aufbauen und benötigte Facharbeiter im christlichen Europa anwerben. Vielleicht bietet die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien Potential für Anwerbungen junger, gut ausgebildeter und integrierbarer Menschen?

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    "sich Einwanderer aus einem christlich-europäischen Kulturkreis gut integrieren lassen"

    Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen, bevor sie ihre kruden Sprechblasen absondern glauben zu müssen?

    Ob sie immer noch über gut integrierte Osteuropäer aus dem "christlich-europäischen Kulturkreis" sprechen werden, wenn demnächst ein deutscher Rentner von bulgarischen oder rumänischen Jugendlichen halbtot verprügelt wird?

    "sich Einwanderer aus einem christlich-europäischen Kulturkreis gut integrieren lassen"

    Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen, bevor sie ihre kruden Sprechblasen absondern glauben zu müssen?

    Ob sie immer noch über gut integrierte Osteuropäer aus dem "christlich-europäischen Kulturkreis" sprechen werden, wenn demnächst ein deutscher Rentner von bulgarischen oder rumänischen Jugendlichen halbtot verprügelt wird?

  4. "Sie besaßen durchweg die deutsche, das heißt preußische Staatsbürgerschaft"

    aber anscheinend nicht die gleichen Rechte.
    Kommt mir irgendwie bekannt vor...

    Eine Leser-Empfehlung
  5. ... möchte ich nur folgendes dazu anmerken:

    Auch zu Zeiten des Wirtschaftswunders kamen viele Italiener, Griechen, Spanier, Portugiesen etc. in diese Region.
    Viele haben ihre Familien mitgebracht und etliche dieser Kinder habe ich in der Schule, während meines Studiums und meiner Promotion getroffen.

    Dass es hier so viele Menschen gibt, deren Eltern oder Großeltern einen "nicht-Deutschen" sondern europäischen Hintergrund haben, kann man heutzutage allenfalls noch an den bereits erwähnten Türschildern feststellen.

    Ganz anders (leider) zu den Migranten mit muslimischen Hintergrund. Dort ist es viel zu häufig so, dass Kinder, die in der zweiten und dritten Generation hier leben, noch nicht einmal in der Lage sind, ein ordentliches Deutsch zu sprechen, statt dessen beherrschen sie allenfalls rudimentäre Kenntnisse der hiesigen Landessprache. Das hat es bei keiner anderen Einwanderungsgruppe in dieser Form jemals gegeben.
    Von den Verhältnissen an den Schulen, wo muslimische Kids die Mehrheit haben, will ich an dieser Stelle erst gar nicht anfangen.

    Ganz anders stellt sich die Situation der Muslime dar, die gezielt aus muslimischen Regime geflohen sind, um in der westlichen, freiheitlichen Gesellschaft zu Leben. Bei diesen Menschen kann man man ihre Herkunft ebenfalls nur noch am Türschild festmachen.
    Es gibt eben große Unterschiede bei der Einwanderung und der Integration, diese zu negieren oder wegreden zu wollen, hilft niemanden.

    17 Leser-Empfehlungen
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    "Ganz anders (leider) zu den Migranten mit muslimischen Hintergrund. Dort ist es viel zu häufig so, dass Kinder, die in der zweiten und dritten Generation hier leben, noch nicht einmal in der Lage sind, ein ordentliches Deutsch zu sprechen, statt dessen beherrschen sie allenfalls rudimentäre Kenntnisse der hiesigen Landessprache."

    Das koennen Sie vielleicht Menschen von ausserhalb des Ruhrgebiets weismachen, ich jedenfalls habe schallend gelacht.

    "Ganz anders (leider) zu den Migranten mit muslimischen Hintergrund. Dort ist es viel zu häufig so, dass Kinder, die in der zweiten und dritten Generation hier leben, noch nicht einmal in der Lage sind, ein ordentliches Deutsch zu sprechen, statt dessen beherrschen sie allenfalls rudimentäre Kenntnisse der hiesigen Landessprache."

    Das koennen Sie vielleicht Menschen von ausserhalb des Ruhrgebiets weismachen, ich jedenfalls habe schallend gelacht.

  6. des Ruhrgebietes ist sicher interessant, auch weil sie das Scheitern einer Zuwanderung beschreibt.
    Ressentiments gegenüber "Pollacken" gibt es bis heute im Ruhrgebiet, diese wurden zuletzt durch die polnischen Wirtschaftsflüchtlinge vor und nach dem Mauerbau wieder angeheizt. So wurde in der Generation meiner Eltern der Mauerbau eher gefeiert, weil dies bedeutete endlich eine Wohnung bekommen zu können. Dabei ging es gar nicht so sehr um Ressentiments, als eher die Wut über Bevorzugungen, die man in den entsprechenden Bestimmungen jener Zeit immer noch nachvollziehen kann und zu massiven wirtschaftlichen Benachteiligungen der angestammten Bevölkerung geführt haben. Darunter leidet das Ruhrgebiet bis heute und ist einer der wesentlichen Gründe für die Dramatik des Niedergangs, den diese Region zur Zeit immer noch durchmacht. Denn ein großer Teil der mittelständischen Firmen und der dazugehörigen Facharbeiter ist damals in andere Regionen Deutschlands abgewandert. Die langanhaltende Subventionierung des Kohlebergbaus ist zu weiten Teilen einer Klientel geschuldet, die sich außer Kohlebergbau keine andere Arbeit vorstellen konnte. Auffällig häufig dabei Namen polnischer und türkischer Herkunft. Auffällig auch, das eingedeutschte Namen darunter eher selten sind.
    Einwanderung hat viel mit Einstellung zu tun, wie man auch an der gescheiterten Einwanderung vieler deutscher Minderheiten im Osten sehen konnte. Sie blieben ein Fremdkörper, der über kurz oder lang weichen mußte.

    H.

  7. noch hinter jeder Ostregion in Sachen Bildung und Wirtschaftskraft angesiedelt, wenn nicht ein massiver Auftrieb durch Städte wie Köln und Düsseldorf erfolgen würde, in der es sehr erfolgreiche Firmen gibt.

    Andere Gegenden wie Duisburg, Krefeld, Mönchengladbach sind dagegen ein Musterbeispiel für missglückte Integration. Ich empfehle dazu ein Besuch der Hauptbahnhöfe in diesen Städten und einen gewöhnlichen Innenstadtbesuch am Wochenende ab 20:00 dazu.

  8. Es ist völlig richtig, auf eine Eingewöhnung einer Migrantengruppe in die bestehende Kultur hinzuwirken. Das heisst blos nicht, dass jedes Mittel recht ist. Eine Kultur ist kein Selbstzweck, sondern eine gewachsene Strategie, die mit den Gegebenheiten ihrer naurräumlichen Heimat zusammenhängt. Man darf Leute nicht entwurzeln. Man muss ihnen neue Sicherheiten und Rituale bieten.

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