Die Hölle riecht nach Chlor und Fäkalien. Stefan Lauter hat den Geruch noch heute in der Nase. Es ist ein Geruch, der immer wieder zurückkehrt und schreckliche Erinnerungen mitbringt. Die acht Quadratmeter große Einzelzelle, die Holzpritsche, das vergitterte Fenster, der Emaille-Eimer als Toilette. Das Gefühl der Angst, als Stefan Lauter nackt vor seinen Erziehern stand, sich den Kopf scheren ließ. Vor allem aber: die Hilflosigkeit in den sechs Wochen Isolationshaft – ohne jemals angeklagt oder verurteilt worden zu sein.

Vor 25 Jahren gehört Stefan Lauter zu jenen Jugendlichen, mit denen die DDR nicht umzugehen weiß. Er hat grün und rot gefärbtes Haar, drückt sich auf dem Berliner Alexanderplatz herum, tritt aus der FDJ aus, knackt drei Mopeds und wird in eine Schlägerei verwickelt. Für die Diebstähle und die Schlägerei kommt Lauter in Jugendhaft. Weil er bei seiner Entlassung minderjährig ist, landet Lauter in einem Offenen Jugendwerkhof. Hier provoziert er die Betreuer und haut für zwei Wochen ab. »Ich hatte keine Lust, das rote Gesülze aus dem Neuen Deutschland wiederzugeben«, sagt Lauter heute. Zur Strafe muss er in eine nordsächsische Stadt, die für mehr als 4000 Jugendliche zum Synonym für Misshandlung, Demütigung, Drill wurde: Torgau.

Trotz der Gräuel, die nach der Schließung im November 1989 über den Jugendwerkhof Torgau bekannt wurden, beginnt die Aufarbeitung der Verbrechen erst langsam. Im Ort schwieg man lange über dieses Kapitel der Stadtgeschichte, aus Scham und aus Angst um die Touristengunst. Die meisten Gebäude des früheren sozialistischen Internierungslagers sind heute gelb gestrichen: Mietwohnungen. In alten Arrestzellen lagern Fahrräder und Schlitten.

Erst vor einem Jahr öffnete die Dauerausstellung in der Begegnungsstätte Jugendwerkhof Torgau. In der vergangenen Woche besuchten erstmals zwei Bundesministerinnen, Kristina Schröder und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Gedenkstätte. Einen Tag später verkündete der Runde Tisch gegen Kindesmissbrauch, die Verjährungsfrist für Schadensersatzansprüche auf 30 Jahre zu verlängern.

Damit hätte auch Stefan Lauter noch Chancen, gegen seine Peiniger vorzugehen. Einige seiner Erzieher leben noch; und manche arbeiten nach Informationen der ZEIT sogar wieder als Pädagogen.

Gleich am ersten von 112 Tagen in Torgau bekam Stefan Lauter einen Schlüsselbund ins Gesicht geschleudert, sodass ihm Blut aus der Nase lief. Noch heute zuckt er zusammen, wenn ein Schlüsselbund klimpert. Räumliche Nähe und lautes Knallen behagen ihm nicht, zu sehr erinnert ihn dies an die Isolation. »Wenn ich mich heute im Leben hilflos fühle, bin ich in der Einzelzelle in Torgau«, sagt er.

Im Geschlossenen Jugendwerkhof begann jeder Tag um halb sechs mit Sport auf der Hindernisbahn und dem berüchtigten »Torgauer Dreier«: Liegestütz, Hocke und Hock-Streck-Sprung. Danach lernten die Kinder in der Werkhofschule, schraubten Lampen für die Volksmarine oder frästen Landmaschinenteile. Jeder Gang musste im Laufschritt und im Kollektiv erledigt werden, selbst der Toilettenbesuch. Ab neun Uhr abends gab es ein Sprechverbot, hatte totale Stille zu herrschen. Schon bei kleineren Vergehen, wie unerlaubtem Flüstern, musste die gesamte Gruppe büßen. Berüchtigt war der »Entengang«: Mit gebeugten Knien und hinter dem Kopf verschränkten Händen wurden die Jugendlichen Treppen hinauf und hinab gescheucht.