Der Mercedes unter den Plätzchen: Zimtsterne

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit ergreift unsere Hausfrauen eine rätselhafte Unruhe. Sie träumen von niedlichen Babyhänden, die in Blechdosen nach Süßigkeiten grabschen, und hören offenbar eine Stimme, die ihnen befiehlt, unverzüglich Plätzchen zu backen.

Seit Jahrhunderten gehorchen Frauen und Mütter dieser Stimme. Ich habe noch von keinem Mann gehört, der sich schlaftrunken erhebt und, einem inneren Befehl folgend, in die Küche geht, um Plätzchen zu backen.

Schon vor vierzig Jahren haben ZEIT-Leser mich um Rezepte für Zimtsterne und ähnliches Babyfutter gebeten. Doch wie jeder Mann fühlte ich nicht das geringste Bedürfnis, mit Zucker, Mehl und Backblech zu hantieren. Obwohl ich – der ich längst keine niedlichen Babyhände mehr besitze – nicht ungern ab und an in Blechdosen mit Butterkeksen greife. Es muss sich wohl um einen jener wichtigen Unterschiede zwischen Frauen und Männern handeln. (Siehe auch: Warum Frauen im Auto frieren und Männer immer die Heizung abstellen.)

Dabei ist bei Kindern die Lust am Plätzchenbacken gar nicht geschlechtsspezifisch verteilt, nach dem Prinzip: Buben blau, Mädchen rosa. In einem gewissen Alter backen alle gleich gern Plätzchen. Das beginnt, wenn die Kinder der Mutter in der Küche helfen wollen. Im (sinnlosen) Versuch, ihre Küche von der Chaostruppe frei zu halten, sagt sie: »Ihr dürft die Schüssel auskratzen, wenn ich Plätzchen backe.« Plätzchenbacken hat sie für Samstag vorgesehen und wundert sich, wenn die aufgeregte Bande bereits um sechs Uhr morgens vor der Küchentür steht. Der Mutter bleibt nichts anderes übrig, als ihre Brut beim Backen einzusetzen.

Für künftige Konsumenten ist es eine wunderbare Gelegenheit, die junge Intelligenz an praktischer Warenkunde zu schärfen: »Mama, warum heißt die Kuh Bio? Die braunen Eier, sind die braun von der Sonne, oder sind das türkische Eier? Warum darf die Mieze nicht in den Backofen?« Die bequeme Küchenmaschine wird nicht in Betrieb genommen, um die Fingerchen der Kleinen nicht zu gefährden, also müssen sie backen, wie es schon Großmutter tat: Butter geschmeidig rühren, Mehl mit Eiern und Zucker verquirlen, die Waage benutzen (die hat Großmutter aber nie gebraucht, die hatte noch das richtige Augenmaß für alle Zutaten!), Milch abmessen, das Ausstechen und Ausrollen, der anschließende Streit um den Plastikschaber und das Ablecken der Holzlöffel.

Dieser erste Akt des Plätzchenbackens ist die letzte Auseinandersetzung, die von Kindern noch friedlich inszeniert wird. Der zweite Akt, bei dem es darum geht, die Plätzchen aus dem Ofen zu holen und als Erster eines probieren zu dürfen, geht wie bei Shakespeare nicht ohne Kalamitäten ab. Dabei entstehen Abneigungen und Feindschaften bis ins hohe Alter.

Warum dann nach dem Ende der frühkindlichen Zucker-und-Zimt-Phase einigen das vorweihnachtliche Plätzchenbacken zum lebenslang gepflegten Hobby wird – dem wird in den kommenden zwei Wochen hier auf den Grund gegangen.