Die "Jahresendflügelfigur" (auch "Jahresendfigur mit Flügeln") ist ein geradezu geflügeltes Wort aus der Nachwendezeit. Es sollte zeigen, zu welch abstrusen Vokabeln die sozialistische Bürokratie griff, um bloß keine christlich geprägten Wörter benutzen zu müssen. Zusammen mit dem "Jahresendmann" soll die Figur auf den Weihnachtsmärkten verkauft worden sein.

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Zuzutrauen wäre das den DDR-Oberen schon gewesen – oder ist das Wort nur eine satirische Überspitzung? Der Autor Bodo Mrozek ist der Legende nachgegangen. Er hat Zeugen getroffen, die beschwören, dass die Vokabel damals benutzt wurde. Aber er hat in keinem Archiv einen echten schriftlichen Beleg gefunden. Und das ist schon verwunderlich, schließlich war die Produktion von Schnitzwerk aus dem Erzgebirge damals eine große Stütze der DDR-Exportwirtschaft.

Einer von Mrozeks Zeugen ist der Sprachkritiker Ernst Röhl. Dieser gab 1986, also noch zu DDR-Zeiten, ein Büchlein mit dem Titel Wörtliche Betäubung heraus, in dem er die Sprachexzesse der Ostbürokratie aufspießte – vom "Schlitzkopfgewindebolzen" (Schraube) bis zum "Fruchtstielbonbon" (Dauerlutscher). Und Röhl schwört, er habe ein Schild mit der Aufschrift "Jahresendflügelfiguren" Anfang der achtziger Jahre in einem Kunstgewerbeladen in Berlin gesehen.

Indizien gibt es also. Aber ein hieb- und stichfester Beweis in Form schriftlicher Dokumente fehlt. Oder hat vielleicht ein ZEIT- Leser einen solchen Beleg?

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