Von acht Menschen – Freunde, deren Kinder, die Nachbarin von gegenüber, eine Zufallsrunde eben, wie sie sich an entspannten Samstagabenden gern zusammenfindet – hielten sich drei von Anfang an die Augen zu: "Sagt, wenn er’s geschafft hat." Es waren Erwachsene, die nicht hinschauen mochten.

Er schaffte es nicht. Der 23-jährige Samuel Koch, der am vergangenen Samstag in der von Thomas Gottschalk moderierten ZDF-Sendung Wetten dass...? versuchte, mithilfe von Sprungstelzen im Salto über fahrende Autos zu springen, erlitt einen schweren Unfall. Die Sendung wurde, zum ersten Mal in ihrer Geschichte, abgebrochen. Live zu erleben, wie harmlose Unterhaltung binnen einer Sekunde umschlägt in eine Tragödie, die tödlich hätte sein können, war ein Schock, der tief sitzt. Nicht nur beim Fernsehpublikum. Offenbar auch beim Fernsehsender.

Nur fragt sich: Wie interpretiert der Sender den Schock? Wie interpretiert er überhaupt Idee, Konzept, Potenzial, mithin die Philosophie öffentlich-rechtlichen Amüsements? Thomas Bellut, Programmdirektor des ZDF, gab zwei Tage nach dem Unfall bekannt, man werde an Wetten dass...? auch zukünftig festhalten, allerdings die Sicherheitsvorkehrungen optimieren.

Dagegen lässt sich auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten allerdings einwenden, dass die Geschichte extremer Körperartistik und extremer Sportdisziplinen seit je begleitet ist vom tödlichen Risiko. Das Ausreizen der Gefahr für Leib und Leben liegt, ganz nüchtern gesagt, in der Logik dieser Disziplinen. Weder Thomas Gottschalk noch Programm- und Unterhaltungschef, weder der ehrgeizige Wettkandidat oder technische Unvorsicht sind für den Unfall im Einzelnen verantwortlich. Sondern allein die Inanspruchnahme dieser Logik als Element der Unterhaltung. Eine Sendung, die mit dem Thrill dieser Logik umgeht, ist per definitionem nun mal eine gefährliche Veranstaltung. Davon gibt es zahlreiche in unserer Kultur. Sie haben durchaus ihren Sinn, ihren großen Reiz und ihren Platz. Jedes Formel-1-Rennen ist eine gefährliche Veranstaltung, jedes im zwanzigsten Stockwerk zwischen zwei Hochhäusern gespannte Seil, über das ein Mutiger spaziert, ist eine gefährliche Veranstaltung mit dem Möglichkeitsfaktor Unfall. Das heißt: mit dem Möglichkeitsfaktor Tod.

Man muss sich das so drastisch klarmachen, um zu begreifen, wo der Fehler im System sitzt. Er sitzt ganz offensichtlich in der Konzeptwillkür einer Sendung wie Wetten dass...?, die Unterhaltung betreibt, ohne einen Kulturbegriff davon zu haben, der den Namen verdient. Wenn Menschen Spaß daran finden, über fahrende Autos zu springen oder zu laufen, sollen sie das dürfen. Nur darf sich eine Sendung, in der Menschen dies tun, nicht den Anschein einer harmlosen Familiensendung geben. Und ein öffentlich-rechtlicher Sender, der von uns allen Gebühren will, hat zum mindesten den Auftrag, dies zu erkennen und zu befolgen. Samuel Kochs Unfall berührt die Malaise des deutschen Fernsehens an einem viel grundsätzlicheren Punkt, als das ZDF es momentan wahrhaben will. Eine Wettdarbietung, die dem Genre des riskanten Action-Thrillers entstammt, hat an einem Samstagabend um 20.15 Uhr, wenn Zehnjährige aufbleiben dürfen, nichts zu suchen. Das hatte sie auch vor dem vergangenen Samstag nicht. Denn eine solche Wettdarbietung behauptet Gefahr als Unterhaltungswert. So steht das aber nicht im Fernsehprogramm. Thomas Gottschalk verdankt seine seit Jahrzehnten anhaltende Beliebtheit auch nicht todesmutigen Sprüngen aus Helikoptern, sondern der Tatsache, dass er eine seltsame Mischung aus Biedermann und Freak darstellt.

Die Pointe will, dass gerade Wetten dass...? seit je das Potenzial besitzt, Unterhaltung hervorzubringen, deren Wert nichts anderes ist als der herrliche, harmlose Spleen. Es gab Baggerfahrer, die mit ihrem Fahrzeug Weingläser anhoben. Es gab Leute, die aufs Erschnüffeln von Shampoos und Ähnlichem spezialisiert waren. Und in der vorletzten Sendung gab es einen Mann, der mit verbundenen Augen Kaktuspflanzen erkannte, indem er mit der Zunge die Stacheln befühlte. Die Nummer hatte beim Publikum einen Riesenerfolg. Dass ein deutscher Fernsehsender zwischen dem Unterhaltungswert des Spleens und dem der Lebensgefahr nicht richtig zu unterscheiden vermag, ist ebenfalls ein Schock.