Die Guten erkennt man daran, dass sie gefährliche Geheimnisse ans Licht bringen. Dabei bedienen sie sich eines bestens versteckten Megarechners, der aber nicht etwa in Schweden, sondern in Maryland, USA steht. Sechs Stockwerke tief in die Erde reicht der Bunker der National Security Agency mit der teuersten Aufklärungsmaschine aller Zeiten. Dort fischen die Guten den globalen Datenstrom ab, um die Welt zu retten. Die Bösen erkennt man übrigens daran, dass sie unknackbare Codes erfinden, damit das Geheime geheim bleibt.

Denn alles Geheime ist gefährlich und alles Wissen aufklärerisch: So lautete die Moral des Internetzeitalters, ehe WikiLeaks zur massenhaften Dekonspiration überging. Wer nach dem moralischen Gründungsmythos der digitalen Epoche sucht, der muss nicht in entlegenen Texten von Julian Assange kramen. Es steht ja alles in einem amerikanischen Bestseller aus den neunziger Jahren, im Erstlingsroman des Godfather der kriminalliterarischen Entschlüsselung: Digital Fortress ("Digitale Festung") von Dan Brown hatte den organisierten Geheimnisverrat zum Thema und die Codeknacker als Helden.

Hier wurde das ultimative Horrorszenario einer perfekt konspirierenden Welt entworfen, das auch der Horror der Geheimnisverräter von WikiLeaks ist: ein Closed Shop, wo die Bösewichter aus Terrorzellen und Behörden gemeinsam an der Aushöhlung der demokratischen Gesellschaft arbeiten. Wo das Schlimmste stets das Verborgenste ist, das nur durch den Mut einzelner Kryptologen enthüllt werden kann.

Crypto heißt bei Dan Brown der Supercomputer der Regierung, und es ist wohl kein Zufall, dass der WikiLeaks-Mitbegründer John Young eine Seite namens cryptome.org betreibt, die das geheime Herrschaftswissen auch demokratischer Staaten attackiert. Wahre Demokratie ist für heutige Anarchokryptomanen, wenn alle Bürger alles wissen. Folglich werden wir Assange und seine Truppe realistischer einschätzen, indem wir mal einen Moment davon ausgehen, dass sie gute Kryptologen sein wollten.

Es nützt unserer Sicherheit nicht, die WikiLeaker als Internetterroristen zu verteufeln, deren Enthüllungsfuror fernab des liberalen Wahrheitsbegriffs von Millionen Dan-Brown-Fans entsteht. Ja, es wäre geradezu fahrlässig, den moralischen Impuls eines Julian Assange zu leugnen, der anfangs mit großer aufklärerischer Geste politische Schweinereien enthüllte und gezielt Dokumente über Umweltskandale, Menschenrechtsverletzungen, Bürgerkriege veröffentlichte.

Wikileaks - "Das Informationsmonopol ist durch Wikileaks gebrochen"

Die Wahrheit ans Licht zu bringen ist ein mächtiges Motiv unserer abendländischen Kultur. "Alle Menschen streben nach Wahrheit", sagt Aristoteles. "Die Wahrheit will entdeckt werden", sagt Heidegger. "Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit erkennen", hat der 22-jährige Soldat Bradley Manning auf Facebook geschrieben, bevor er eine Viertelmillion geheime diplomatische Akten aus den Servern der amerikanischen Regierung zog – seiner Regierung, von der der Kriegsfreiwillige immer enttäuschter war, je länger er im Irak Dienst tat. Unmittelbar vor seinem Datenklau hatte er erlebt, wie die U.S. Army irakische Dissidenten an die irakische Polizei auslieferte.

Man kann natürlich sagen: So ist der Krieg. Und Manning war ein spätpubertärer Idealist, der sich zum Kriminellen mauserte. Das Problem ist bloß, dass immer mehr dieser jungen Idealisten direkt an den Sicherheitslöchern des Internets sitzen.