Daniel Domscheit-Berg"Geheimnisverrat ist notwendig"

Ein Gespräch mit Ex-Wikileaker Daniel Domscheit-Berg über verantwortungsvollen Verrat und darüber, wie viele Geheimnisse und wie viel Offenheit eine Gesellschaft braucht. von 

DIE ZEIT: Herr Domscheit-Berg, Sie waren nach Julian Assange der bekannteste Mann bei WikiLeaks, bis Sie in diesem Sommer ausgestiegen sind. Jetzt schreiben Sie ein Buch mit dem Titel Inside WikiLeaks. Wie geht es Ihnen nach dem neuesten Hype?

Daniel Domscheit-Berg: Darauf will ich gar nicht antworten, denn ich habe keine Lust auf noch mehr Personality. In den Zeitungen steht schon viel zu viel persönliches Profil von mir. Es geht aber nicht um mich, sondern um die Dokumente.

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ZEIT: Haben Sie sich je aus Überzeugung gegen ein Leak gewehrt?

Domscheit-Berg: Solche Fälle gab es bisher keine, denn so funktionierte WikiLeaks nicht. Wir wollten alle Informationen veröffentlichen, die einen politischen oder historischen Mehrwert haben.

Was ist WikiLeaks?

"We open governments", ist das Motto von WikiLeaks: "Wir machen Regierungen transparent". Die Organisation bietet eine eine Internetseite, über die sogenannte Whistleblower, Informanten also, geheime Akten und Daten an die Öffentlichkeit bringen können. WikiLeaks verspricht ihnen dabei dank verschlüsselter Kommunikation und nicht abhörbarer Server Anonymität. Gleichzeitig veröffentlicht WikiLeaks das Material auf seiner Seite und macht es damit für jeden zugänglich. Derzeit sind allerdings keine neuen Eingaben möglich.

Die Organisation hat dabei zum Grundsatz, Dokumente nur zu veröffentlichen, wenn sie zuvor auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt geprüft wurden.

Cablegate

Eine besonders spektakuläre Veröffentlichung auf WikiLeaks ist unter dem Namen Cablegate bekannt geworden: Im November 2010 hat WikiLeaks mit der Veröffentlichung von etwa 250.000 Berichten US-amerikanischer Diplomaten begonnen.

Neben Depeschen, die US-Botschafter über internationale Politiker angefertigt hatten, kamen dabei auch weitere Informationen zu den von Amerika geführten Kriegen ans Licht, aber auch Einschätzungen zur Situation Nordkoreas, den Staaten Südamerikas und dem iranischen Atomprogramm

Am 7. Dezember 2010 wurde der Gründer der Seite, Julian Assange, in England verhaftet, weil gegen ihn ein Haftbefehl aus Schweden vorliegt. Dort wird ihm Vergewaltigung vorgeworfen. Assange bestreitet den Vorwurf. Die schwedische Justiz sagt, dass der Haftbefehl in keinem Zusammenhang mit den Veröffentlichungen durch Assanges Projekt steht. Er selbst behauptet, es handele sich nur um einen Vorwand, um WikiLeaks von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abzuhalten.

Die Debatte um WikiLeaks

Fest steht, dass die Cablegate-Veröffentlichungen weltweit Interesse erregten. Vor allem in den USA riefen sie heftige Proteste der Regierung hervor und konservative Politiker forderten, Assange dafür einzusperren. In vielen Ländern führten sie zu einer Diskussion über den Nutzen von WikiLeaks und über die Zukunft der Diplomatie: Was geschieht mit den internationalen Beziehungen, wenn im Zweifel jedes geheime Dokument an die Öffentlichkeit gelangen könnte?

Dabei werden von einigen Kritikern auch die Absichten von Julian Assange und seiner Organisation in Zweifel gezogen. Sie sind der Meinung, dass Transparenz kein Selbstzweck sein dürfe, WikiLeaks also nicht ausnahmslos alle ihm zugespielten Dokumente ohne Rücksicht auf die Folgen veröffentlichen dürfe.

Wobei WikiLeaks selbst immer wieder betont hatte, dass genau das nicht geschieht und dass aus den Dokumenten beispielsweise Namen herausgefiltert würden, um Menschen nicht zu gefährden. Assange bezeichnet sich deshalb inzwischen auch als Chefredakteur, als jemand mit journalistischem Selbstverständnis, wozu gehört, nicht jede Information auch zu veröffentlichen. Mit der nun erfolgten Veröffentlichung aller unbearbeiteten US-Botschaftsdepeschen ist WikiLeaks aber zum ersten Mal von den eigenen Grundsätzen abgewichen.

Frühere Leaks

Gegründet wurde die Plattform von Assange im Jahr 2006. Im Jahr darauf erlangte sie weltweite Bekanntheit, als sie die Richtlinien des US-Militärs veröffentlichte, aufgrund derer im Gefangenenlager Guantánamo Bay die Insassen behandelt und gefoltert wurden.

Im Juli 2010 veröffentlichte die Organisation zuerst geheime Militärdokumente aus dem Afghanistan-Krieg (die Afghan War Diaries) und im Oktober Dokumente aus dem Irakkrieg (Iraq War Logs).

Berichte über WikiLeaks und die Debatte um die Veröffentlichungen haben wir nach Themen sortiert auf einer Übersichtsseite für unser Projekt ZEIT für die Schule zusammengestellt. Die gesamten veröffentlichten Artikel zu WikiLeaks finden Sie auch auf der Schlagwortseite.

ZEIT: Es gab keinerlei Auswahlkriterien?

Domscheit-Berg: Doch, aber die Richtlinien von WikiLeaks sind leider nicht mehr online, da die WikiLeaks-Seite als solche ja auch nicht mehr online ist.

ZEIT: Welche Richtlinien würden Sie heute noch unterschreiben?

Domscheit-Berg: Alle, also zwei. Erstens veröffentlichte WikiLeaks jegliches Material von politischer, historischer oder moralischer Relevanz. Zweitens akzeptierte WikiLeaks nur überprüfbare Fakten. Über "Relevanz" entschied bisher die Quelle.

ZEIT: Warum sind Sie ausgestiegen?

Domscheit-Berg: Weil das Projekt selber vom Mythos der Geheimhaltung lebte und zugleich zum Global Player wurde – das hielt ich für extrem gefährlich.

ZEIT: Wir dachten eigentlich, der massenhafte Geheimnisverrat sei die Gefahr.

Domscheit-Berg: Nein. Regierungen und Unternehmen halten mehr geheim, als für unsere Gesellschaft gut ist, zumal die Entscheidungen des Einzelnen Einfluss auf immer weitere Teile der Welt haben. Wenn ich Turnschuhe kaufe, ist auch der betroffen, der sie zusammenklebt. Gerade die Geheimnisse der Wirtschaft müssen aufgedeckt werden, damit ich mich richtig verhalten kann. Nehmen Sie die Bankenkrise. Da passierte so viel hinter verschlossenen Türen, das vielleicht verhindert worden wäre, wenn ein paar Sekretärinnen als "Whistleblower" agiert hätten.

Leserkommentare
  1. wirkt dieser Herr auf mich vertrauenserweckender als Herr Assange...

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    genau anders'd.

    wird auch nicht nur in tükisch-verschlagenen Posen auf den Bildern bei Zeit online gezeigt... ehrlich gesagt hatte ich Assange erst im Radio bei democracynow gehört bevor ich ihn jemals zu Gesicht bekommmen hatte und ich muss sagen, dass man dort von seinen Aussagen und seiner Ausdrucksweise ein völlig anderes Bild von ihm gewonnen hat, als hier bei der Zeit versucht wird uns zu vermitteln.

    unschuldig ist assange aber nicht an den Fotos, welche da geschossen wurden. Sind schließlich keine Schnappschüsse...

  2. genau anders'd.

    Antwort auf "Irgendwie"
  3. Wenn Wikileaks eine rein nationale Angelegenheit wäre, etwa der USA oder auch Deutschlands, hätte man es längst verboten.
    Was die Einwände gegen Wikleaks betrifft, hier doch einmal ein Zitat zum Thema "Buchdruck im 15. Jahrhundert".

    'Sowohl Kirche als auch Staat sahen in der Verbreitung von Schriften in der Volkssprache Gefahren: Die Kirche fürchtete sich vor Angriffen
    auf die Orthodoxie, der Staat befürchtete Aufstände und Unruhe im Reich.'
    Soviel prinzipiell anders ist das laute Geschrei aus Politik und Wirtschaft, was man aktuell hört, wohl auch nicht zu deuten.
    Wikeleaks das bedeutet Kampf um Freiheit und Information auf dem Hindergrund sich verändernder weltweiter Strukturen. Ein Herr Assange hat das wohl ganz gut erkannt. Das ganze Drumherum mit dem Krieg im Cyberspace ist eher unwesentlich.

    Es ist eine Chance für den mündigen Bürger.

    Dass all das nur ein weiterer Schritt in Richtung Herrschaft technischer Intelligenz ist, nicht ausgeschlossen.
    Nur rechtfertigt diese Gefahr nicht das Verhalten vieler Regierungen, insbesondere der der USA.

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    • Laoyafo
    • 09. Dezember 2010 18:34 Uhr

    sprich, einige Serverplätze sind geblockt. Aber im Internet nützen manche Verbote nix! Weil man die Inhalte rasch auf andere Server schieben kann! Das ist ja das Geniale am Internet, und deshalb hat das Verteidigungsministerium der USA es entwickeln lassen.

    • remail
    • 09. Dezember 2010 16:22 Uhr

    ...denn was soll man dazu sagen:
    http://www.spiegel.de/net...

  4. Weil dieser Mensch eben nicht mit einem Haftbefehl gesucht wird oder weil er keine großen Töne spuckt? Beides hat mit dem Projekt, welches beide verbindet, wenig zu tun.

    • engelx4
    • 09. Dezember 2010 16:55 Uhr

    ein interview für eine schülerzeitung?
    liebe zeit, nein, nein, nein, so bitte nicht!!
    warum interviewen sie diesen mann?
    abgesehen davon das der gesamte artikel null inhaltswert besitzt.

    • MacOss
    • 09. Dezember 2010 17:01 Uhr

    ... mal was Vernünftiges in der heutigen Berliner Zeitung: http://www.berlinonline.d...

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    Ein Journalist schreibt angesichts der Tatsache, dass ihm gezeigt wurde, dass er nicht ausreichend recherchiert, von der Notwendigkeit eines recherchierenden Journalismus.

    Ja, dieser Herr hat das Problem erkannt, allerdings im falschen Kontext interpretiert. Er selbst aufgrund seines Versagens nun Angst um seinen Job, da seine Aufgabe von einem Dritten nun bereits erledigt wurde.

    Hektisch versucht er uns dazu zu mahnen, ruhig zu bleiben.

    Das interessanteste ist aber dass er, der von Berufs wegen das Recherchieren gelernt hat, es nicht schafft, aus den Depeschen notwendige Informationen herauszuziehen.

    Man könnte fast meinen, er habe auch nur den Spiegel-Artikel mit den Belanglosigkeiten über Deutsche Politiker gelesen und meint, jetzt darüber einen Artikel schreiben zu können.

    Die Medien haben versagt und bekommen nun den Spiegel vorgehalten.

    wikileaks wird vielleicht nur eine Eintagsfliege bleiben, aber sie hat uns gezeigt, dass der Kaiser in Wahrheit nackt ist.

    Warum die Zeit in die gleiche Kerbe schlägt und hier ein Buch promotet, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Ich bin mir nicht sicher, ob sie ihre eigenen Fehler erkannt hat.

    • Laoyafo
    • 09. Dezember 2010 18:43 Uhr

    Wahrscheinlich gehört sie auch zu denen, die man mit der Vokabel "Verschwörungstheorie" so blenden kann, daß sie sich mit den Inhalten dieser "Theorien" nicht ernsthaft auseinandersetzt?
    Der Artikel ist auch ein wenig voreilig, denn noch wissen wir nicht, was für Infobomben noch in den Leaks-Archiven schlummern. Vielleicht sind erst noch die harmloseren rausgelassen worden, um die Wirkung zu testen.

    "Genau dieser geschützte Raum des politischen Geheimnisses aber ist das eigentliche Angriffsziel von Wikileaks" sagt der Artikel nach einem Lob auf die Geheimdiplomatie.
    Glaubt hier wirklich jemand, die Whistleblower würden ernsthaft aktiv werden, wenn sich vielversprechende Friedensgespräche entwickeln würden, die echte Abkommen ermöglichen, die wirklich dem Frieden dienen, und würden diese dann torpedieren? Wohl kaum. Wenn aber Grausamkeiten gegen Zivilisten von einer Armee verübt werden und von den Regierungen vertuscht werden, sind die Leaker da. Und zu recht.

    Ich atmete auf, als ich den Artikel ind er Berliner Zeitung gelsen habe.
    Danke für den Hinweis!

    Ein kluger Beitrag, dem ich im Fazit nicht zustimmen kann.
    Dass die Reparationskosten an Frankreich dann sehr hoch waren, spielt für die Schreiberin eine Rolle, für mich nicht. Denn sie haben einen Krieg verhindert.Genauso kann man den Text den sie zitiert anders interpretieren. Verschwörung als Regierungshandeln habe ich anders aufgefasst, als die Autorin. Sieht man sich das Theater mit der "Festsetzung" von Hr. Assange an, kann man nicht anders als von Verschwörung reden. Transparenz, Ehrlichkeit und Offenheit haben noch niemandem geschadet, auch wenn es am Anfang weh tut.

    • Gafra
    • 09. Dezember 2010 17:02 Uhr

    Verheimlichung ihrer Verbindungen und ihrer Machenschaften haben, ist klar. Heuchlerisch ist es, jeden Regimekritiker andernorts zu loben und auszuzeichnen, aber den Kritiker, der die eigenen Sauereien aufdeckt als Verräter zu verdammen. Insofern unterscheiden sich unsere hoch gelobten 'Demokratien' nicht wesentlich von Diktaturen.

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    Erst mal vor der eigenen Haustür kehren!

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  • Schlagworte WikiLeaks | Information | Irak | Kundus
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