DIE ZEIT: Herr Domscheit-Berg, Sie waren nach Julian Assange der bekannteste Mann bei WikiLeaks, bis Sie in diesem Sommer ausgestiegen sind. Jetzt schreiben Sie ein Buch mit dem Titel Inside WikiLeaks. Wie geht es Ihnen nach dem neuesten Hype?

Daniel Domscheit-Berg: Darauf will ich gar nicht antworten, denn ich habe keine Lust auf noch mehr Personality. In den Zeitungen steht schon viel zu viel persönliches Profil von mir. Es geht aber nicht um mich, sondern um die Dokumente.

ZEIT: Haben Sie sich je aus Überzeugung gegen ein Leak gewehrt?

Domscheit-Berg: Solche Fälle gab es bisher keine, denn so funktionierte WikiLeaks nicht. Wir wollten alle Informationen veröffentlichen, die einen politischen oder historischen Mehrwert haben.

ZEIT: Es gab keinerlei Auswahlkriterien?

Domscheit-Berg: Doch, aber die Richtlinien von WikiLeaks sind leider nicht mehr online, da die WikiLeaks-Seite als solche ja auch nicht mehr online ist.

ZEIT: Welche Richtlinien würden Sie heute noch unterschreiben?

Domscheit-Berg: Alle, also zwei. Erstens veröffentlichte WikiLeaks jegliches Material von politischer, historischer oder moralischer Relevanz. Zweitens akzeptierte WikiLeaks nur überprüfbare Fakten. Über "Relevanz" entschied bisher die Quelle.

ZEIT: Warum sind Sie ausgestiegen?

Domscheit-Berg: Weil das Projekt selber vom Mythos der Geheimhaltung lebte und zugleich zum Global Player wurde – das hielt ich für extrem gefährlich.

ZEIT: Wir dachten eigentlich, der massenhafte Geheimnisverrat sei die Gefahr.

Domscheit-Berg: Nein. Regierungen und Unternehmen halten mehr geheim, als für unsere Gesellschaft gut ist, zumal die Entscheidungen des Einzelnen Einfluss auf immer weitere Teile der Welt haben. Wenn ich Turnschuhe kaufe, ist auch der betroffen, der sie zusammenklebt. Gerade die Geheimnisse der Wirtschaft müssen aufgedeckt werden, damit ich mich richtig verhalten kann. Nehmen Sie die Bankenkrise. Da passierte so viel hinter verschlossenen Türen, das vielleicht verhindert worden wäre, wenn ein paar Sekretärinnen als "Whistleblower" agiert hätten.