Ein nachtblauer Porsche Carrera rollt durch eine Kleinstadt westlich von Berlin. Er hält auf einem Parkplatz, neben dem ein Schild mit dem Aufdruck »Sahm« steht. Ein hagerer Mann steigt aus, geht in ein kleines Firmengebäude und zündet sich eine filterlose Zigarette an. Er heißt Horst Sahm und ist der Chef des Unternehmens. Er ist hier, um über ein T-Shirt zu sprechen.

In den nächsten Stunden wird Sahm das Rauchen nur unterbrechen, um Kaffee zu trinken. Er scheint niemand zu sein, der an Gesundheitsvorsorge glaubt, eher an gute Kleidung. Sahm trägt braune Lederschuhe und einen beigefarbenen Anzug. Steht er auf, verrutscht der Anzug nicht, er wirft keine Falten. Für Horst Sahm sind solide Nähte und ein guter Schnitt keine Nebensache. Sein halbes Leben lang hat er als Manager für Modeunternehmen gearbeitet, in Deutschland, Hongkong, in der ganzen Welt.

Das T-Shirt liegt vor ihm auf dem Tisch. Am Kragen sind ein H und ein M in den Stoff geprägt.

Die beiden Buchstaben sind das Zeichen eines Weltreichs. Es umfasst 38 Länder, 2078 Geschäfte und 76.000 Menschen, im Moment. Der schwedische Bekleidungskonzern Hennes und Mauritz, H&M, eröffnet ständig neue Filialen.

Müsste man die Kleidung von H&M in einem Satz beschreiben, würde man sagen: Sieht gut aus und kostet fast nichts. Für eine Jacke zahlt man 30 Euro, für eine Jeans 20 Euro. Am günstigsten ist das T-Shirt.

Es ist weiß, schlicht, mit rundem Kragen. Vor zehn Jahren bekam man ein solches T-Shirt bei H&M für 9,90 Mark. Seitdem hat sich viel verändert in Deutschland. Strom, Brötchen, Currywurst, fast alles ist teurer geworden. Das T-Shirt von H&M nicht. Es kostet jetzt 4,95 Euro. Es ist schwierig, weniger für ein T-Shirt zu bezahlen.

H&M veröffentlicht jedes Jahr einen Nachhaltigkeitsbericht. Er ist 85 Seiten dick. Er beschreibt, wie H&M gegen Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung eintritt. Wir gehören zu den Guten, das ist die Botschaft des Berichts.

Das Prinzip von H&M: Das gleiche T-Shirt für alle

Wie kann ein Unternehmen gut sein und zugleich so billige T-Shirts verkaufen?

Es gibt jemanden, der diese Frage leicht beantworten kann: H&M. Die Zentrale des Unternehmens liegt in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Im Erdgeschoss ist eine H&M-Filiale, in der es die gleichen Kleider gibt wie in Berlin, Tokyo oder San Francisco. Das gleiche T-Shirt für die ganze Welt, das ist das Prinzip von H&M.

Im ersten Stock beginnen die Büros. Man kann dort die Chefdesignerin treffen oder einen Mitarbeiter der Abteilung für Nachhaltigkeit. Aber niemand sagt, wie, wo und von wem das T-Shirt hergestellt wird. H&M gibt darüber keine Auskunft – »aus Wettbewerbsgründen«.

So muss man sich selbst auf die Fährte des T-Shirts begeben. Wenn H&M den Weg nicht weist, braucht man einen Spurenleser, jemanden, der die Arbeitsweise von Konzernen wie H&M kennt, der Bescheid weiß über Baumwollernten, Mindestlöhne und die Frachtraten auf der Asienroute. Jemanden wie Horst Sahm.

Sahm hält das T-Shirt in der Hand. Er ist Mitte fünfzig, vor ein paar Jahren hat er seine eigene Firma gegründet, eine Unternehmensberatung. Die meisten Kunden sind Textilfirmen. Zurzeit ist Sahm oft in Tunesien unterwegs, er soll den Nähereien dort neue Aufträge verschaffen.

Die Zigarette im Mund, streicht Sahm mit den Fingern über den Stoff, liest die Etiketten. Er sagt, wenn man das Geheimnis des billigen T-Shirts aufdecken wolle, müsse man als Erstes weit nach Westen reisen. Dort beginne die Spur.

Es ist früh am Morgen, als Dean Vardeman sein Haus verlässt. Er läuft vorbei am Haus seines Bruders, am Haus seiner Eltern, vorbei an zwei Scheunen mit den Maßen von Fabrikhallen, vorbei an Traktoren und Pflügen, er läuft quer über die Farm, die so groß ist wie ein bayerisches Bauerndorf.

Er steht jetzt auf dem Feld, ein 60-jähriger Mann, klein und stämmig, zwischen struppigen Sträuchern. Auf dem Kopf trägt er eine Baseballkappe, bedruckt mit einem weißen Stern auf blauem Grund und zwei Streifen, weiß und rot. Es ist die Fahne des amerikanischen Bundesstaates Texas.

Vardeman zieht ein kurzes Messer aus der Tasche. Er rupft eine Kapsel von einem Zweig, schneidet hinein, fühlt den Widerstand. Er nickt zufrieden. Es ist Ende September, ein paar Wochen noch, und die Kapseln platzen auf, die Baumwolle quillt heraus. Weich und dick wird sie an den Sträuchern hängen, wie warmer Schnee.

Zwölf Stunden am Tag werden sie die Baumwolle ernten. Dean Vardeman, sein jüngerer Bruder und sein 82-jähriger Vater lenken dann die Erntemaschinen, die so groß sind wie Mähdrescher. Dabei werden sie Radio hören, Frequenz 96,3 FM, Lubbocks beste Countrymusik.