Die Hertie School of Governance in Berlin © Hertie School of Governance

Eigentlich dachte Laura Held, sie wisse schon alles über die Europäische Union. Sie hat European Studies in Maastricht studiert, Vorlesungen über Politik, Wirtschaft und Recht gehört, ein Auslandssemester in Prag absolviert und sechs Monate lang ein Praktikum im Bundesfamilienministerium gemacht. Dann begann sie ein Masterstudium an der Brandt-School in Erfurt. "Und plötzlich habe ich ganz neue Aspekte an der EU kennengelernt."

Denn Laura Held sah sich von Studenten aus der ganzen Welt umgeben – aus Osteuropa, Zentralasien, Afghanistan. Alle waren sie nach Erfurt gekommen, weil sie sich angezogen fühlten von Schlagwörtern wie "Public Policy" oder "Governance" – Bezeichnungen, die sich ins Deutsche kaum übersetzen lassen. Governance-Schools stellen eine Mischung aus Regierungs- und Verwaltungsakademie dar, aus Diplomatenschmiede, gesellschaftlichem Thinktank und Weltverbesserungsagentur.

80 Prozent ihrer Kommilitonen seien ausländische Studenten gewesen, erzählt Held. Sie schaute sich die EU deshalb nicht nur aus der Perspektive von Paragrafen und Richtlinien an: Wie wird die Europäische Union in der Welt gesehen? Wovon könnte die EU lernen – und was unterscheidet sie von anderen Bündnissen, was macht sie einzigartig?

Hier, an der Erfurter School of Public Policy , ging es für Held und ihre Kommilitonen vor allem um Lenkungsprozesse politischer Systeme. Wie andere Schulen mit dem Schwerpunkt Governance beschäftigt sich die Brandt-School darüber hinaus aber auch mit Gestaltungsprozessen in Unternehmen und Organisationen. Innerhalb weniger Jahre sind diese Einrichtungen in Deutschland zum Erfolgsmodell geworden. Vorbilder finden sich vor allem in den USA und Großbritannien: Dort sind die Governance-Schools längst Kaderschmieden für den Nachwuchs in Ministerien und Behörden, in Nichtregierungsorganisationen und Verbänden. In Deutschland sitzen oft Juristen auf diesen Posten – ein Monopol, das die neuen Governance-Schools brechen könnten.

"Public Policy ist keine Wissenschaft", ruft Alina Mungiu-Pippidi, "sondern eine hohe Kunst!" Die aus Rumänien stammende Professorin sitzt in ihrem Büro an der Berliner Friedrichstraße; die prestigeträchtige Adresse ist der Sitz der Hertie-School . Gegründet wurde die wohl bekannteste Governance-School Deutschlands von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Alina Mungiu-Pippidi gilt als Korruptionsexpertin, sie berät Regierungen und andere öffentliche Auftraggeber – und sie forscht zum Thema Bestechlichkeit. Ihre Kombination aus wissenschaftlicher Fundierung und praktischer Umsetzung ist typisch für die Ausrichtung der Governance-Schools. "Mit den Studenten arbeite ich zu Korruptionsfragen auf theoretischer Ebene – aber auch praxisorientiert mit Datenanalysen für verschiedene Auftraggeber wie beispielsweise die Europäische Kommission in Brüssel." Genau das macht für Alina Mungiu-Pippidi die Kunst aus: Die Theorie allein hilft wenig.

Inzwischen gibt es eine Handvoll namhafter Governance-Schools in Deutschland; sie alle richten sich an engagierte Studenten, und sie alle haben kein Problem, ihre Absolventen auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen. Zu den etablierten Einrichtungen gehören unter anderem die Humboldt-Viadrina-School in Berlin oder die NRW-School of Governance an der Universität Duisburg-Essen. Hinter ihnen stehen oft prominente Unterstützer: Die Humboldt-Viadrina-School etwa bietet den früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan und Pascal Lamy, den Generalsekretär der Welthandelsorganisation, auf. Und die Hertie-School wirbt mit einem Verfassungsrichter, einem Bundesminister und mehreren Vorstandsmitgliedern von Großkonzernen.