Schauspielausbildung Einmal aus der Rolle fallen
Eine Berliner Privatschule bringt Berufstätigen das Schauspielen bei. Ein Probenbesuch.
Die letzte Zigarette wird noch in der Kälte zu Ende gepafft, dann eilen die Schauspielschüler nach drinnen und nehmen auf den beiden uralten Sofas Platz. Abgesehen von einem Stuhl in der Mitte des großen Raumes sind sie das einzige Mobiliar. Heute sind nur vier Teilnehmer erschienen; so sei das eben, sagt Schauspiellehrerin Dominika Dräger. Mit der Anwesenheit und der Pünktlichkeit nehmen es ihre Schüler nicht so genau. Schließlich opfern sie ihren Feierabend, um hier an der Reduta in Berlin eine berufsbegleitende Schauspielausbildung zu absolvieren.
Das Neonlicht fällt auf den senffarbenen Teppich und lässt die Gesichter fahl erscheinen. An der Wand knacken die Heizungsrohre, es ist kalt. Die Rechtsanwältin Corinna ist noch »ein wenig durch den Wind«, wie sie sagt. Ein stressiger Tag in der Kanzlei war das heute. Neben ihr gähnt die 29-jährige Mareike, die in der Pressestelle der Berliner Philharmonie arbeitet. Bisweilen sei es schwer, die Gedanken an die Arbeit im Büro sofort auszuschalten, meint sie. Was ihr gefällt: Hier trifft sie auf Menschen, die nichts mit ihrem Beruf zu tun haben. Hier bekommt sie Aufgaben, die fern von ihrem Büroalltag sind.
Im vergangenen Jahr hat die private Schule in Kreuzberg das Angebot eingeführt, der Kurs bei der Reduta dauert ein ganzes Jahr und kostet die Schüler 180 Euro im Monat. Die dreistündigen Workshops an zwei Abenden pro Woche umfassen Schauspieltechnik, Atem-, Körper- und Stimmtraining, Sprecherziehung und einmal im Monat Gesang und Tanz. In komprimierter Form wird dasselbe unterrichtet wie im Vollzeitstudium, auch wenn die Qualifikation am Ende einem echten Diplom nicht gleichzusetzen ist.
Was also zieht voll berufstätige Menschen auf die Bühne? Pressereferentin Mareike hat viel Erfahrung beim Laientheater gesammelt und schon immer fürs Schauspielern gebrannt. Doch für ein Studium fehlte ihr der Mut – nun hat sie einen Kompromiss gefunden. Die Rechtsanwältin Corinna erklärt, die Ausbildung sei für sie etwas sehr Privates, »und es muss nicht jeder wissen, dass ich das mache«. Sie sei ein kopfgesteuerter Mensch, der logisch an alles herangehen wolle, doch hier, in dem kahlen Raum, werde Logik aufgehoben, Emotionen machten sich Platz, und die Lust nach Ausdruck breche durch.
Ihre Schauspiellehrerin möchte den Unterricht jedoch nicht als »reine Katharsis« verstanden sehen. Es gehe um Selbstreflexion, sagt Dominika Dräger, aber auch um das Erfassen der Beweggründe der gespielten Figuren – »die Handlungsketten zu entziffern, selbst wenn es ein Mörder ist«.
An diesem Abend stehen Etüden nach dem berühmten russischen Schauspiellehrer Stanislawski auf dem Programm: kleine Szenen, die die vier Schauspielschüler pantomimisch ohne Hilfsmittel darstellen sollen. Mario will der Erste sein heute; er schlafe sonst ein, sagt er in die Runde, setzt sich auf den einsamen Stuhl in der Mitte des Raums und legt los. Tagsüber berät Mario Banken. Das Haar sitzt, die Krawatte auch, hier ist ein Mann, der sich perfekt im Griff hat. Er möge seine Arbeit, meint der 37Jährige, doch irgendetwas fehlte: »Ich muss im Job immer so beherrscht sein, ein Pokerface tragen. Beim Spielen kann ich meine Emotionen ausdrücken, das hat etwas Reinigendes.« Laut schreien, singen, losheulen. Oder ganz still werden, in einer stummen Übung wie an diesem Abend. Der Bankberater spielt einen Mann, der auf einen wichtigen Termin wartet und merkt, dass seine Fingernägel schmutzig sind. In nervöser Hast versucht er, sie mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu säubern. Er spitzt die Lippen, schneidet Grimassen, pult an den Fingern, poliert die Nägel an der Hose. Die Gruppe lacht. Zwar legt Mario komisches Talent an den Tag, doch Lehrerin Dräger hakt kritisch nach: »Du hast vergessen, darzustellen, wo du dich befindest. Bist du im Wartezimmer beim Arzt? Oder hast du gleich ein wichtiges Meeting?« Es gehe darum, sich genau in Situationen hineinzufühlen.
- Datum 21.12.2010 - 15:02 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.12.2010 Nr. 51
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