Lehrerfortbildung von Schülern"Können Sie sich das vorstellen?"

An einer Berliner Schule bilden Schüler Lehrer fort – und reißen dabei so manche Mauer in den Köpfen der Pädagogen ein von 

Liebe LehrerfortbildnerInnen«, beginnt Margret Rasfeld ihre E-Mail. »Ich bin sehr stolz auf euch, auf euren Mut und euer Engagement. Ihr seid Pioniere für eine neue Lernkultur!« Sie schreibt diese Nachricht an Shana, Tara, Ronja, Ben, Karoline, Szesima, Jakob und Charlotte. Sie sind Schüler, 15, 16 Jahre alt. Von Erwachsenenbildung haben sie keine Ahnung. Und trotzdem werden an diesem Nachmittag 70 Lehrer aus ganz Berlin zu ihnen kommen, auf der Suche nach Inspiration und neuen Erkenntnissen für eine modernere Schule. Die Schüler werden diese Lehrer schulen, »um als Experten in eigener Sache den großen Tanker Schule ein ganzes Stück weiterzubewegen«.

So jedenfalls wünscht sich das ihre Schulleiterin. Margret Rasfeld wird nicht dabei sein, wenn die Schüler auf all die fremden, zwar neugierigen, aber auch skeptischen Lehrer stoßen. Sie wird zu Beginn ein paar Worte über den besonderen Geist ihrer Schule sagen. Über die mentale Wende, die fast alle ihre Schüler hier vollziehen: vom »Du sollst« zum »Ich kann«. Sie wird von den zwei Grundbedürfnissen eines Menschen sprechen: dem Bedürfnis nach Gemeinschaft und dem Bedürfnis nach Aufgaben, an denen man wachsen kann. Und beschreiben, wie ihre Schule versucht, beidem gerecht zu werden. Dann aber wird sie ihren Schülern die Bühne überlassen. Damit sie auch an dieser Aufgabe ein weiteres Stück wachsen können.

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Am Vormittag versammeln sie sich in der Pause noch einmal in Rasfelds Büro, um schnell zu besprechen, wer welchen Workshop übernimmt. »Tara, machst du Klassenrat und Wertschätzungskultur?« – »Klassenrat?«, fragt Tara. »Was soll ich da erzählen, hab ich noch nie gemacht.« – »Beschreib einfach, wie du das in deiner Klasse erlebst«, sagt Rasfeld unbekümmert. Tara nickt – »Okay, wird schon klappen« – und rennt zum Unterricht. Margret Rasfeld verzichtet darauf, mit ihren Schülern Inhalte abzustimmen. Sie hat keine Angst vor der Ehrlichkeit und Spontanität der Jugendlichen. Zu gut weiß sie, dass das, was ihre Schule ausmacht, von niemandem so authentisch vermittelt werden kann wie von den Schülern selbst. Allein die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich vollkommen souverän einem fremden Publikum stellen, wirkt fast schon unheimlich.

Es hat sich schnell in der Hauptstadt herumgesprochen, was sich in den schäbigen DDR-Plattenbauten in der Wallstraße in Berlin-Mitte in den vergangenen drei Jahren entwickelt hat. Eine evangelische Privatschule , frei von elitärem Anspruch, aber wild entschlossen, Wege zu gehen, auf denen noch niemand seine Abdrücke hinterlassen hat. Mutig hat Margret Rasfeld, die als erfahrene Schulreformerin aus Essen kam, dem klassischen Unterricht eine völlig neue Lernkultur entgegengesetzt: Stundentafeln aufgelöst, Fächer zusammengelegt, Lernbüros gegründet und das jahrgangsübergreifende Lernen, bisher meist nur in den Grundschulen gewagt, von Klasse sieben bis neun eingeführt.

Das Interesse anderer Lehrer war schnell geweckt: Da gibt es eine, die einfach alles anders macht und im faulsten Schüler noch den letzten Funken Lerneifer entzündet! Ständig empfing sie ganze Kollegien, Delegationen. Irgendwann begann sie ihre Schüler dazuzuholen. Die sprudelten einfach drauflos, erzählten auch mal, was alles schieflief. Und dass es kompliziert sein kann, ständig selbst entscheiden zu müssen, in welchem Tempo und Umfang man etwas lernen möchte. Ihre Zuhörer wollten gar nicht mehr gehen, so sehr hatten sie sie mit ihren Geschichten gefesselt. So entstand die Idee der monatlichen Fortbildungen – organisiert und geleitet von Schülern der achten, neunten und zehnten Klasse.

Es lässt sich für Lehrer viel an der Evangelischen Schule lernen – über das Wesen einer Gemeinschaftsschule, aber auch über die Integration lernschwacher und behinderter Kinder. All die großen Bildungsprobleme dieser Zeit scheinen hier in ganz einfachen, machbaren Lösungen aufgegangen zu sein. An dieser Schule haben sogar Kinder und Jugendliche den Sinn des Lernens wiederentdeckt, die man anderswo schon abgeschrieben hatte.

Leserkommentare
  1. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man, wenn man Schülerinnen und Schüler ernst nimmt, im Gespräch viel am Unterricht positiv verändern kann. So habe ich mit Schülerinnen und Schülern einer neunten Klasse über das Thema Disziplin im Unterricht gesprochen. Nicht aus gegebenem Anlass, sondern aus Interesse, wie sie darüber denken. Dies waren zwar keine neuen Erkenntnisse, da schon klar ist, dass Regeln transparent, fair und konsequent ausgelegt werden müssen. Dennoch war das Gespräch für mich sehr fruchtbar, da ich mein eigenes Handeln reflektieren konnte und die Schüler mich auf Fehler aufmerksam machten. Super Sache, die ich immer wieder machen werde, weil man gemeinsam im Klassenraum ist, nicht gegeneinander. Die Partizipation der SuS kann da deutlich dazu beitragen, dass die Unterrichtsqualität steigt und sich das Unterrichtsklima nachhaltig verbessert.

  2. Danke, dies ist ein echtes Weihnachtsgeschenk.

    Ich freue mich immer, wenn sich der Tanker bewegt. Eine offene Frage: gelingt eine solche Verwandlung des ganzen Lernsterns nur dann, wenn wirklich radikal anders begonnen wird? Oder geht das auch in kleineren Schritten?

    Gute Wünsche jedenfalls an die (Weiter)bildenden.

    • mick08
    • 22. Dezember 2010 22:56 Uhr

    Das ist ja hoch erfreulich und begrüßenswert. Allerdings denke ich benötigt es auch einer anderen Lehrerausbildung und Eignungstest für Lehrer. Kinder lernen durch eine gute Beziehung besser, diese muss man aufbauen können und dazu ist nicht jeder in der Lage. Leider steht viel zu sehr die fachliche Qualifikation in der Lehrerausbildung im Mittelpunkt und nicht die pädagogische oder sozial-emotionale Kompetenz. Das ist wie ein Auto ohne Benzin, da kann sich nicht viel bewegen. Wenn man aber Beziehungen zu Kindern knüpfen kann, sie ernst nimmt, sich in sie hinein versetzen kann ist ein wichtiger Punkt erfolgreicher Ausbildung gewonnen. In Finnland begann die erfolgreiche Schulreform durch einen Mentalitätswechsel: Kinder sind eigenständige Wesen mit Anlagen, die es zu erkennen und fördern gilt und nicht leere Gefäße, die es zu füllen gilt.

    Möge es noch mehr erfolgreiche Reformprojekte geben und möge sich vor allem die Lehrerausbildung und Auswahl verbessern. Noch ein wichtiger Punkt den die Finnländer lernten: In der Grundschule können nur die BESTEN und begabtesten Lehrer arbeiten, weil wenn man da etwas falsch macht, ist die Lernhaltung eher irreparabel kaputt, währen in späteren Jahren, wenn der Lehrer nicht so gut ist, macht das nicht so viel aus, weil die Kinder schon genügend Ressourcen entwickelten, das ohne Schaden zu überstehen und daran zu wachsen. Finnland machts vor, Deutschland eiert seit Jahren. Schön mal wieder von einem Erfolg wie diesem zu lesen!

  3. Der sachkundige Leser erwartet von einer seriösen Darstellung die Präsentation der Prüfungsresultate des Mittleren Schulabschlusses der Evangelischen Schule Berlin Zentrum im berlinweiten durchschnittlichen Vergleich sowie im Vergleich mit den anderen Schulformen für die Jahre 2007 bis 2010.

    Erst dann wäre eine sachlich-objektive bzw. intersubjektive Bewertung der genannten Schule und der Arbeit der Schulleiterin dieser Schule
    möglich.

    Ergänzend und notwendig wären für eine sachlich-objektive bzw. intersubjektive Evaluation der Arbeit von Schule und Schulleiterin weiterhin
    Zahlen sowie Vergleichszahlen zu Krankenstand und Frühpensionierung der unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer dieser Schule.

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    Sie hält sich nur an die Parameter, die man angibt. Und die sind zumeist rein leistungsbasierend.

    Wie zufrieden und kooperativ (Stichwort: Vernetzung in allem Bereichen) bzw wie die innere Stabilität der Schüler aussieht wird wahrscheinlich in keiner Statistik erhoben. Trotzdem wären genau diese sozialen Indikatioren oder Soft-Skills, die es einfacher machen, zu wissen, was man will und wie man sein Leben gestalten will.

    So gesehen finde ich dieses Projekt gut und freue mich über solche Entwicklungen.

  4. Sie hält sich nur an die Parameter, die man angibt. Und die sind zumeist rein leistungsbasierend.

    Wie zufrieden und kooperativ (Stichwort: Vernetzung in allem Bereichen) bzw wie die innere Stabilität der Schüler aussieht wird wahrscheinlich in keiner Statistik erhoben. Trotzdem wären genau diese sozialen Indikatioren oder Soft-Skills, die es einfacher machen, zu wissen, was man will und wie man sein Leben gestalten will.

    So gesehen finde ich dieses Projekt gut und freue mich über solche Entwicklungen.

  5. .. danke.
    Selbst der Umstand das evangelisch/luther zu einer Mut-karte reduziert wird, macht es mir möglich mich mit einem solchen Projekt zu identifizieren, im Sinne einer deutschen kulturgeschichtlichen Errungenschaft.
    Obwohl ich nicht im schulischen Bereich tätig bin, werde ich mir eine Mut-Karte basteln. Vielleicht sollten wir das alle tun, in diesem Falle und an diesem Ort halt als Angebotsnutzer und Redaktion, und überlegen wie wir solche "Blickwinkelverschiebungen" umsetzen können.
    Oje, Luther, Bibel-leak, warum wikingern meine Finger schon wieder [..]
    [selbstzensiert, ich will nicht vom Thema abkommen]
    :-))

    thänk's for good info and intresting hint's

  6. Dient Schule dem Zweck,
    dass sich ein/e Schulleiter/in wohlfühlt,
    weil er/sie durch ungewöhnliche Pädagogiken in Presse und/oder höherenorts Beachtung findet?

    Die Realität gilt weiterhin: "Entscheidendes Kriterium für die Chancen von Jugendlichen am Arbeitsmarkt sind nach Ansicht des Behördenleiters der Bildungsgrad und die Qualifikation."

    Weiterhin gilt auch die Verantwortung der Schule für eine qualifizierte Bildung der Schülerinnen und Schüler.

    Die Frage nach den ja vorliegenden Resultaten
    a) im landesweiten Durchschnitts-Vergleich,
    b) im landesweiten Vergleich mit derselben Schulform sowie
    c) der landesweite Vergleich mit den anderen Schulformen hinsichtlich der Prüfungsergebnissen des Mittleren Schulabschlusses an einer Schule sind daher ein hochrelevantes Kriterium.

    Erfüllt eine Schule diesen ihren Auftrag nicht, ist sie fehl am Platze.

    Die journalistische Berichterstattung hat dem Rechnung zu tragen, wenn sie denn den Anspruch auf Seriösität hat.

  7. "Entscheidendes Kriterium für die Chancen von Jugendlichen am Arbeitsmarkt sind nach Ansicht des Behördenleiters der Bildungsgrad und die Qualifikation."

    http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E0B1B101F52...

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    .. meiner internen Vaterschaftsbehörde ist ein entscheidendes Kriterium, Ranglistenplatz weit vor Menge und Inhalt des vermittelten Lerninhaltes, die Erziehung zu selbständigen, aufgeschlossenen, gar frohen Menschen, die lernen wie man lernt, effizient und positiv aufgeschlossen. Dies in Zeiten zu erwarten, in denen gepredigt wird, das eine unaufhörliche Weiterbildung nicht nur Standard ist sondern unentbehrlich, für mich eine zwingende Schlussfolgerung.

    mfg
    ein/e staatlich geprüft und anerkannter Legasteniker/in

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