DIE ZEIT: Herr Premierminister, in der Schweiz sagt man, wenn man denn eines Tages doch der EU beitreten sollte, dann gebe es diese gar nicht mehr. Vertreten Sie ein untergehendes Projekt?

Jean-Claude Juncker: Vertritt die Schweiz denn ein aufstrebendes Projekt? Ich kann das nicht erkennen. Ich wünsche mir einen EU-Beitritt der Schweiz, auch wenn ich weiß, dass er dem Volkssouverän immer noch widerstrebt. Aber die EU würde so kompletter werden. Es bleibt nämlich ein geostrategisches Unding, dass wir diesen weißen Fleck auf der europäischen Landkarte haben.

ZEIT: Würde ein Beitritt der Schweiz die EU verändern?

Juncker: Nein, aber der EU würde damit eine substanzielle Dosis an gesundem Menschenverstand eingeimpft werden. Die Schweiz ist ohne Zweifel ein europäisches Kernland. Was um sie herum passiert, betrifft die Schweiz, direkt oder indirekt. Vieles, von dem die Schweizer denken, es sei ureidgenössisches Denken, ist auch in europäischen Landstrichen verbreitet. Ein EU-Beitritt würde die Schweiz stabilisieren. Aber da auch ich aus einem kleinen Land komme, weiß ich, dass kleinere Einheiten den Zuruf von außen nicht sehr schätzen. Die Eidgenossen wissen schon selbst, was in ihrem zukünftigen Interesse liegt. Diejenigen, die jetzt Verantwortung in der Schweiz tragen, müssen sich mit perspektivischen Fragen beschäftigen. Wie soll die Schweiz in 30 Jahren ihre totale Autonomie mit anderen und gegen andere organisieren? Ohne die EU? Ich glaube, das macht wenig Sinn. Aber, nochmals, das muss die Schweiz selbst wissen.

ZEIT: Sie vertreten ein Land, das sehr von der EU-Mitgliedschaft profitiert hat.

Juncker: Ich bin der Überzeugung, dass alle Mitgliedstaaten von ihrer Zugehörigkeit zu diesem europäischen Friedens- und Solidaritätsprojekt profitiert haben. Das gilt für kleine wie für große Länder. Als jemand, der mit allen redet, mit Amerikanern, mit Chinesen, mit Russen, weiß ich aus vielen Gesprächen, dass Deutschland und Frankreich nur deshalb als große Nationen, als Gestalter europäischer Geschichte wahrgenommen werden, weil sie Mitglied der Europäischen Union sind. Deutschland und Frankreich, große, tüchtige Länder, wären keine Akteure der Weltpolitik, wenn sie nicht Mitglied der Europäischen Union wären. Sie müssen sich vorstellen, welchen Blick man andernfalls aus Neu-Delhi oder Peking auf diese relativ kleinen Länder werfen würde.

ZEIT: Wie haben Sie es geschafft, dass ein Land wie Luxemburg mit 500.000 Einwohnern innerhalb der EU zu einer Supermacht wurde?

Juncker: Wir sind eine Supermacht, wenn es um die Formulierung europäischer Ambitionen geht, an deren Umsetzung wir uns zu beteiligen versuchen. Ich sag mal den kühnen Satz: Der Einfluss Luxemburgs in Europa ist größer als derjenige der Schweiz.

ZEIT: Was so kühn nicht ist.

Juncker: Wir haben einen solchen Einfluss, weil wir Gründungsmitglied der EU sind. Das hat viel mit der Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg zu tun, in dem Luxemburg fünf Jahre lang von deutschen Truppen besetzt war, die Nazifizierung des Landes als Großversuch stattfand und wir uns weit vom Gedanken der Neutralität entfernt haben. Seitdem haben wir uns eingebracht in die Entstehungsgeschichte regionaler Integrations- und internationaler Solidaritätsversuche. Wir waren dabei, als die Benelux, als die Europäische Gemeinschaft, als die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet wurden. Wir waren zum Schluss gekommen, dass Neutralität, auch wenn sie sich aktiv nennt, letztendlich in eine Sackgasse führt, wenn sie keine Zuhörenden, keine Partner in Europa und in der Welt findet. Der relative Einfluss Luxemburgs, der größer ist, als es Demografie und Geografie des Landes vermuten ließen, hat damit zu tun, dass wir überall dort in der Spitze waren, wo mehr Europa anstand. Dieser Grundsatzbeschluss, den meine Vorgänger getroffen haben, bleibt im Kern bestehen. Denn wir müssen sehen, dass der Anteil Europas an der Weltbevölkerung eines Tages verschwindend gering sein wird. Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren 20 Prozent der Erdbewohner Europäer, heute sind es noch 11 Prozent, Mitte des Jahrhunderts werden es sieben sein und am Ende noch vier Prozent. Wer denkt, in der Abschottung des nationalen Raumes gegen den europäischen Raum liege das Heil kleiner Nationen, der irrt sich fundamental. Sogar die großen europäischen Nationen verlören dramatisch an Einfluss und würden am Ende des Jahrhunderts nur noch als Flecken auf einer unorganisierten Landkarte Europas wahrgenommen werden.

ZEIT: Die Schweizerische Volkspartei hat gerade den Austritt aus dem Schengenraum auf ihre Fahnen geschrieben.

Juncker: Wer überall austritt, wird eines Tages allein sein. Wer versucht, durch Beitritt die Dinge mitzugestalten, wird nicht mehr nur Zuschauer, sondern Akteur sein. Deshalb ist die SVP-Position grundsätzlich eine rückwärtsgewandte und perspektivlose.