"The Tourist" Alles Weltklasse
In "The Tourist" scheitert Florian Henckel von Donnersmarck mit seiner Superstarphilosophie.
Was bin ich? erbat Robert Lemke von seinen Gästen stets eine typische Handbewegung. Die typische Geste in Der Tourist ist ein Wenden des Kopfes. Auf der Straße, dem Bahnsteig, in Zug, Hotel, Restaurant, Polizeistation oder Ballsaal – wo immer Elise Ward auch auftaucht, drehen die Männer ihre Häupter und starren ihr hinterher, gierig, geblendet. Eigentlich soll sie im Hauptberuf eine britische Steuerpolizistin mit geheimer Beziehung zu einem europaweit gejagten Gangster sein. Doch bei jedem Auftritt ist sie immer nur eins: Superstar.
Bei seinem heiteren Beruferaten
Wie auch anders? Elise Ward ist Angelina Jolie. In einer normalen Filmkritik müsste es natürlich andersherum heißen – Angelina Jolie ist Elise Ward. Aber dies ist kein normaler Film, sondern das neue, überhaupt erst zweite Werk des Florian Henckel von Donnersmarck, der seit dem Oscar für sein Debüt Das Leben der Anderen in Los Angeles lebt und mit den ganz Großen Hollywoods auf Du und Du ist. Als Tom Cruise den Hitler-Attentäter Stauffenberg spielte, schrieb Donnersmarck, dass der größte Schauspieler der Welt nun sein »Superstar-Licht« auf die dunkle deutsche Geschichte werfe und das Ansehen des Landes dadurch mehr befördern würde »als zehn Fußballweltmeisterschaften«.
Was wir bei der »furchtbar langweiligen Gleichmacherei, die in Deutschland zurzeit grassiert«, kaum ertragen könnten. Nun hat Donnersmarck selbst eine jener Lichtquellen angeknipst, die aus Scheiße Gold machen – eben AJ, die gegenwärtige Überfrau und -mutter dieses Planeten. Da strahlt sie nun, stellt aber nichts dar als ihr Starsein. Und weil Donnersmarck und die Energiesparlampe zwei unvereinbare Prinzipien sind, wurde für die männliche Hauptrolle Johnny Depp engagiert, noch einer aus der 10-Millionen-Watt-Liga. Bei so viel Helligkeit kommt niemand mit heiler Haut davon.
Sogar die Kamera schwächelt, geht vor der Diva in die Knie und schaut bewundernd zu ihr auf. »Ich wollte eine ästhetische Aerodynamik schaffen, sodass man durch die Schönheit dieses Films gleitet«, hat Donnersmarck den Vorabberichterstattern in den Block diktiert, »ich war sehr streng.« Deshalb wird Angelinas Frisur niemals ein Haar gekrümmt, selbst bei der wildesten Verfolgungsjagd ähnelt sie dem Schweif eines Bronzegauls. Derweil bemüht sich Depp, den Touristen zu spielen, einen fusselbärtigen Mathelehrer aus Wisconsin, den Elise als vermeintlich ahnungslosen Erfüllungsgehilfen ihrer Spielchen benutzt. Doch in der Logik des Superstarkinos liegt auch, dass der Trottel in Wahrheit ein ganz Schlauer ist, sonst würde er nicht von einem Promi gespielt. Somit löst sich das einzige Rätsel, das der Plot bietet, bereits beim Blick auf die Besetzungsliste.
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Was an Spannung übrig bleibt, kulminiert in jenem Moment, in dem ein Bösewicht damit droht, den berühmtesten Schlauchbootlippen der jüngeren Kinogeschichte mithilfe eines arg geschwungenen Messers die Luft abzulassen. Bang fragen sich die Angelina-Fans in aller Welt: Wird der große deutsche Regisseur es wagen, diesem Mund Gewalt anzutun? Natürlich nicht! Dann würde das Superstar-Licht doch verlöschen! Leider hat man bis dahin aus lauter Langeweile das schöne Gesicht bereits gründlicher studiert, als es ihm guttut. Sind die leichten Hautunreinheiten vielleicht Überbleibsel einer bei den Lara Croft -Dreharbeiten eingefangenen Doping-Akne?
Es könnte durchaus lustig sein, eine Ikone derart zu hofieren, dass die Sicherung rausfliegt. In den Filmen von Woody Allen und den Coen-Brüdern ist sich dafür kein Weltstar zu schade. Aber Donnersmarcks Überlichtspiel verträgt keine Selbstironie, er ist der Pedant, der vor Stolz platzt, ganz oben angekommen zu sein. Um einen Film zu drehen, müsse man »ein stolzer, größenwahnsinniger Mensch« sein, hat er mal gesagt. Für The Tourist haben nun ausschließlich Weltklasseleute an Kostümen, Kamera, Schnitt gearbeitet. Naturgemäß spielt seine Hollywood-Premiere in Venedig, dem Superstar unter den Schauplätzen. Hier haben James Bond und andere Action-Maßstäbe gesetzt. Zwar waren deren Verfolgungsjagden und einstürzende Palazzi mit Computerhilfe frisiert, aber im Vergleich dazu sieht die von Donnersmarck am Originalschauplatz dirigierte Kanalhatz aus wie ein Gummienten-Rennen.
Die zahllosen Drehberichte, die die PR-Maschine nun kostenlos auf Touren bringen, erzählen davon, wie nett es alle Beteiligten hatten, wohnen im Palazzo, Blick auf den Canal Grande – Touristen eben. Und so sieht der Film, der so heißt, auch aus. 100 Millionen Euro durfte Donnersmarck ausgeben, 55-mal so viel wie beim Leben der Anderen. Verzweifelt versucht eine rastlose Musik, ein bisschen Leben in die Ausstattungsorgie zu pumpen. Heraus kommt Commissario Brunetti für Angeber, aufgerüscht mit Luftaufnahmen, die sich die ARD nicht leisten kann.
- Datum 16.12.2010 - 19:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.12.2010 Nr. 51
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Vielleicht fehlt ihm einfach Ulrich Mühe,
für diesen köstlichen Kommentar, der einem vielleicht die Mühe abnimmt, den Film anzuschauen.
robet lemBke.
robet lemBke - wenn schon dann- robeRt lembke
robet lemBke - wenn schon dann- robeRt lembke
Eben das habe ich aber auch schon oft über Angelina Jolie gedacht. In ihren Rollen hat man meistens doch das Gefühl, dass man gerade AJ sieht, aber nicht ihre eigentliche Rolle. Zumindest überwiegt das ganz oft. Ich mochte sie noch nie als Schauspielerin.
Mh, und Herr von Donnersmarck? Dem scheint jegliche Bodenhaftung abhanden kommen zu sein. Wenn er auch das Handwerk eigentlich beherrscht: Hochmut kommt vor dem Fall.
Sein Anfangserfolg ist ihm zu leicht zugefallen. Mit einem Thriller über das Thema Stasi kann man als Deutscher in Hollywood leicht absahnen. Das Thema CIA wäre da schon etwas diffiziler. Mein Vorschlag für den nächsten Film unseres jungen Riesenregisseurs: "Das Leben der anderen Spitzel - Assange, der Tourist in Schweden". Mal sehen, ob das wieder einen Oscar gibt. Den Assange könnte Brad Pitt spielen, der ist auch blond.
...weia. sauber abgewatscht das filmchen. den artikel können sie ohne sich zu schämen oberschulen für die klassen empfehlen, in denen im deutschunterricht erklärt wird was ein verriss ist.
robet lemBke - wenn schon dann- robeRt lembke
Spätestens bei der DVD-Endvermarktung wird auf der Hülle stehen "DIE ZEIT: Alles Weltklasse". Missverständlich auch ohne Ausrufungszeichen. Fürs gute Geschäft zitierbar, auch wenn der Text ein sanfter Veriss ist. Andere Rezensionen waren heute weniger gnädig.
Erst kürzlich lief im TV eine vergleichbar aufwändige Produktion, in der nicht Holliwald sondern ein europäisches Konsortium in Holliwald-Manier Tolstois "Krieg und Frieden" notzüchtigte.
Wo auch die Opulenz der teuren Bilder nicht durch Handlung oder gar psychologische Plausibilität gestört wurde.
Wo die eigentliche Zielgruppe der Produzenten ihre gewohnten RTL-Sozialpornos mit glitzernden Kostümen an brausenden Gestaden vorgeführt kriegt.
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