Der Ort: Berlin. Die Zeit: zehn Uhr morgens. Beamte im Bundesfinanzministerium haben die Kursbewegungen von Währungen, Staatsanleihen und Aktien bewertet, sie haben die Risiken auf vier Seiten analysiert und mit Grafiken veranschaulicht. So machen sie das jeden Tag. Dann schicken die Ministerialen ihren Bericht durchs Haus, und in normalen Zeiten wissen sie: Ihre Arbeit wird kaum beachtet. Seit einigen Wochen ist das anders. Da wird ihre morgendliche E-Mail bis hinauf in die Ministeriumsspitze aufmerksam gelesen.

Es ist Euro-Krise , und die Finanzmärkte stehen im Zentrum der Politik. Sie sind der Feind. Angela Merkel will den "Primat der Politik" durchsetzen und das "Schlaraffenland" für Investoren zerstören, der luxemburgische Regierungschef Jean-Claude Juncker sprach von einer "weltweit organisierten Attacke gegen den Euro", und Griechenland setzte gar seinen Geheimdienst auf die Spekulanten an.

Hier die Volksvertreter, dort "die Märkte", womit der weltweite Finanzhandel gemeint ist. So verlaufen die Fronten auch in dieser Woche, wenn sich die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder zum Gipfel treffen. Bloß der Realität wird eine solche Beschreibung nicht gerecht. Längst bilden Politik und Märkte eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft. Mit riesigen Rettungsschirmen für Krisenländer wollen die Regierenden das Finanzkapital anlocken. Mit der Diskussion über überharte Regeln für den Insolvenzfall allerdings vertreiben sie es. Eine Strategie lässt sich da kaum erkennen.

Das Reich der Händler, Analysten und Investoren ist schwer zu durchschauen. Es gibt Hochleistungscomputer, die darauf programmiert sind, den Euro zu attackieren. Es gibt Hedgefonds, die sich gegen Staaten in Stellung bringen. Und doch ist der Einfluss von Zockern auf die Märkte für Staatsanleihen zumeist gering. Das Volumen der Anleihen beträgt in der Euro-Zone fast acht Billionen Euro, am Devisenmarkt werden täglich vier Billionen Dollar umgeschlagen. Das ist mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik! Dagegen kommt kaum ein Spekulant an. Es gebe wenig Indizien, dass die Euro-Krise durch "Spekulation ausgelöst worden sei", heißt es bei der Bundesbank.

"Wir erleben keine wilde Spekulation, sondern einen Käuferstreik"

Statt Gier treibt die Märkte gegenwärtig eher Furcht, wie Nadine Henschl weiß. Die 35-jährige Frau, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen will, handelt für die Londoner Filiale einer Schweizer Großbank mit südeuropäischen Staatsanleihen. Im Auftrag ihrer Kunden – Pensionskassen, Versicherungen, Staatsfonds – kauft und verkauft sie solche Papiere. Eine Staatsanleihe ist ein Kredit an den Staat. Je mehr Anleihen Henschl kauft, desto billiger kommt der Staat an Geld. Und je mehr sie verkauft, desto teurer wird es für ihn.

Bis 2008 ging sie auf Einkaufstour. Jeder wollte die Anleihen aus den europäischen Randstaaten haben. Die Investoren sprachen vom keltischen Tiger und vom griechischen Wirtschaftswunder. Und weil so viele kauften, konnten diese Länder fast genauso günstig Kapital aufnehmen wie Deutschland. "Jetzt will das Zeug keiner mehr haben", sagt Henschl. Deshalb bezahlt Spanien heute zweieinhalb Prozentpunkte mehr Zinsen als Deutschland, Irland fünf Prozentpunkte und Griechenland neun Prozentpunkte mehr.

Es kommt selten vor, dass Pensionsfonds oder Versicherungen ihr Kapital abziehen, weil sie Attacken gegen einzelne Länder reiten. Meistens sorgen sie sich einfach um ihr Geld, das sie für die Auszahlung von Renten und Lebensversicherungen benötigen. Die Geldmanager fürchten, dass die Staaten ihre Kredite nicht zurückzahlen können. Oder dass der Euro zerfällt und die Mitgliedsländer ihre alten Währungen wiedereinführen.