An jenem Abend hatte ich HORROR in mein Tagebuch geschrieben. Zweimal hintereinander stand das Wort auf der ansonsten leeren Seite. Ich setzte es in Versalien und ließ jeweils einen großen Abstand zwischen den Buchstaben. Ich hätte es noch fett unterstreichen oder zehnmal hintereinander aufschreiben können. Verglichen mit meinem Gefühl jedoch, war das alles noch immer so gut wie nichts.

Was passiert war?

Ich bin mit unserem dreijährigen Sohn Zug gefahren.

Von Frankfurt am Main nach Berlin, fast fünf Stunden dauerte die Fahrt. Es war ein Sonntag, das ICE-Kinderabteil ist an solchen Tagen schon Wochen vorher ausgebucht, und so nahmen wir an einem Vierertisch Platz. Die Blicke der anderen Fahrgäste ignorierte ich. Ich wusste ohnehin, was sie dachten. Ich hätte mir an ihrer Stelle sofort einen anderen Platz gesucht.

Alles lief zunächst ruhig. Das Kind knabberte Kekse, und ich las ihm – um die anderen nicht zu stören, hielt ich meinen Mund ganz dicht an sein Ohr – seine Lieblingsbücher vor. Die Schildkröte hat Geburtstag. Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt. Wahrscheinlich, als bei Oma Eierschecke die Stube brennt, weil sie die Ofentür offen ließ, ist es passiert: Mein Sohn hatte in die Hose gemacht, der Sitz war nass. Die Leute saßen in den Gängen, das Klo war seit Stunden besetzt. Und so begann ich, ihn am Platz auszuziehen, was er schon unter normalen Umständen auf den Tod nicht leiden kann. Er strampelte, er schrie, er warf sich auf den Boden, er rannte quer über die Leute vor mir weg. Kinder entwickeln in solchen Augenblicken eine atemberaubende Schnelligkeit. Da sagte eine ältere Dame zu ihrer Nachbarin: Unsere Kinder hätten sich das nicht getraut! Natürlich nicht, dachte ich. Ihr habt ja früher immer alles richtig gemacht.

Früher, als die Dinge noch an ihrem Platz waren. Mama, Papa, Kind, Haus, Auto, Wellensittich. Als man noch nicht auf so eine bescheuerte Idee kam wie die, mit einem Dreijährigen fünf Stunden ICE zu fahren, bloß um ihm zu zeigen, wo Papa die ganze Woche arbeitet.

Wir nahmen erneut Platz. Es dauerte keine Stunde, und der Kleine hatte das nächste Mal die Hose voll. Wieder ausziehen, wieder wegrennen, wieder Gebrüll, wieder anziehen. Er war mit den Nerven fertig. Ich auch. Er ließ sich nicht mehr anziehen, im Gegenteil, mitten im Gang zog er sich splitterfasernackt aus, warf seine Klamotten in die staunende Menge und tobte von einem Abteil ins andere. Nackt, nackt, nackt. Wirklich: nackt! Ich wusste, dass ich ihn mit keinem Mittel der Welt aufhalten konnte. Noch nie im Leben hatte ich mich so hilflos und gedemütigt gefühlt. Ich hätte weinen können.