Emotionen wie Trauer, Angst oder Ekel können eine ansteckende Wirkung auf andere haben © Elmer Martinez/AFP/Getty Images

Spiegelneuronen sind Pop. Wenn der Fußballfan auf dem Sofa beim Schuss des Stürmers ebenfalls mit dem Bein ausschlägt, ruft er: »Meine Spiegelneuronen!« Steckt in einer Sitzung jemand die anderen mit seinem Gähnen oder Lachen an, können sie entschuldigend auf ihr Gehirn verweisen. Richtig, die Spiegelneuronen!

Die Nervenzellen erklären angeblich Warum ich fühle, was du fühlst und Woher wir wissen, was andere denken und fühlen, wie einschlägige Buchtitel suggerieren. Kultur, Kunst und Sprache, unsere Fähigkeit zu helfen und Gesellschaften zu bilden – all dies beruht offenbar auf den raffinierten Schaltern im Oberstübchen.

Der Hype begann bereits vor etwa fünfzehn Jahren: Damals entdeckten italienische Neurologen erstmals bei Affen, dass spezielle Zellen im Gehirn sowohl beim eigenen Handeln feuern, als auch, wenn man die entsprechende Handlung bei anderen nur beobachtet. Damit schien plötzlich ein ganz einfaches neuronales Korrelat für unsere Fähigkeit zum Verstehen und Begreifen gefunden zu sein: Dank der Spiegelneuronen, jubelten die Forscher, übersetze unser Gehirn mühelos eine beobachtete Szene in etwas selbst Erlebtes.

Heute scheinen die allmächtigen Neuronen selbst den Fortbestand der Zivilisation zu sichern: Laut dem US-Soziologen und Autor Jeremy Rifkin kommt es ganz auf die Spiegelzellen an, wenn es gelingen soll, »das empathische, das biosphärische Bewusstsein« zu entwickeln und im globalen Miteinander die haltlose Plünderung der letzten Energie- und Rohstoffreserven zu stoppen. Auch kognitive Störungen, die mit dem Sozialverhalten zusammenhängen, etwa Autismus, gelten als Krankheiten des »Spiegelsystems« – das behaupten jedenfalls manche Mediziner und befördern damit den Fluss von Forschungsgeldern.

Der erste Platz im Wettbewerb der vollmundigsten Sprüche gebührt allerdings Vilayanur Ramachandran. Der Neurologe vom Center for Brain and Cognition an der University of California in San Diego setzte dem Hype um die Spiegelneuronen die Krone auf, indem er sie kurzerhand zur physischen Basis religiösen Empfindens erklärte. Es handele sich dabei, formulierte er, um »Dalai-Lama-Neuronen, welche die Grenze zwischen dir und deinem Gegenüber auflösen«.

Ramachandran verglich die Wunderzellen bereits mit der Erbsubstanz. »Ich prognostiziere, dass die Spiegelneuronen für die Psychologie das sein werden, was die DNA für die Biologie war«, posaunte der PR-begabte Neurologe. Nervenzellen als das vereinigende Prinzip, ihre Entdeckung als Weltformel der Hirnforschung? Das war den Fachkollegen zu viel.