Zwischen Fantasie und experimentellen Beweisen klafft ein gewaltiger Abgrund

"Dafür bekommt er eins auf die Mütze, wann immer ich ihn treffe", sagt David Pöppel. Der Neurowissenschaftler und Linguist an der New York University reibt sich nicht primär an der ausufernden Erfindungsgabe mancher Kollegen. Wissenschaftler müssen kreativ sein. Doch im Fall der Spiegelneuronen klafft ein wahrer Abgrund zwischen den öffentlichen Fantasien und dem, was experimentell wirklich belegbar ist. Und das liegt nicht nur daran, dass die Neuronen inzwischen für alles Mögliche gut sein sollen. "Von Haarausfall bis Impotenz – es ist abenteuerlich, was ihnen alles zugewiesen wird", erklärt der in München aufgewachsene Pöppel seine Unruhe. "Gleichzeitig ist die Befundbasis äußerst schmal."

Mehr oder weniger leise Vorbehalte gegen das Konzept der Spiegelneuronen gab es seit ihrer Entdeckung immer wieder. Doch neuerdings formiert sich vor allem in der Generation jüngerer Neurowissenschaftler eine breite Front an Kritikern. Sie haben sich nicht nur die Mühe gemacht, die Fachliteratur der vergangenen 20 Jahre auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Sie stützen sich zudem auf aktuelle Befunde, die das, was so blumig als "Spiegelneuronen" durch die Welt geistert und was den Nervenzellen allenthalben angeheftet wird, als reichlich überzogen erscheinen lassen. "Die Zellen sind da", präzisiert David Pöppel, "aber wozu sie gut sind und was sie machen, das wissen wir überhaupt nicht."

Wer das Rätsel erkunden will, muss bis zum Anfang der 1990er Jahre zurückgehen. Damals untersuchten zwei Arbeitsgruppen um den Biologen Giacomo Rizzolatti und den Mediziner Vittorio Gallese an der Universität Parma den prämotorischen Kortex des Südlichen Schweinsaffen, eines Makaken. Dabei konzentrierten sich die Wissenschaftler auf das sogenannte Areal F5 im Hirn, das für Bewegungsmuster der Hand zuständig ist. Mittels dünner Elektroden im Hirn der Affen konnten die Forscher zeigen: Immer wenn die Tiere mit der Hand eine Nuss ergriffen und zum Mund führten, wurden die in Areal F5 liegenden Neuronen aktiv. So weit entsprach das noch der Erwartung.

Spannend wurde die Sache, als Rizzolatti und Gallese feststellten, dass etwa 17 Prozent der dort gelegenen Nervenzellen auch dann feuerten, wenn die Affen nur dabei zusahen, wie ein menschlicher Experimentator eine Nuss ergriff. Der prämotorische Kortex war offenbar nicht einfach nur ein Schaltkreis, um eigene Bewegungsprogramme auszuspucken – er reagierte auch auf visuellen Input, wenn andere die entsprechende Bewegung ausführten. Das war eine gewaltige Überraschung. Denn visuell aktive Zellen sollte es im motorischen Kortex eigentlich nicht geben. Wozu sollte das gut sein?

Die Idee war faszinierend: Beobachten hieß offenbar im Wortsinn Be-Greifen

Rizzolatti und Gallese tauften die merkwürdigen Zellen Spiegelneuronen und postulierten, diese würden die zentrale Schaltstelle für das Verstehen von Handlungen darstellen. "Jedes Mal, wenn ein Individuum die Handlung eines anderen wahrnimmt, werden die Zellen im prämotorischen Kortex des Beobachters erregt, welche diese Handlung repräsentieren", meinte Rizzolatti. Beobachten hieße also im wahrsten Sinne des Wortes Be-Greifen.

Auf diese Weise, so Rizzolattis Idee, wäre die Grenze zwischen Vorbild und eigenem Tun aufgehoben und gleichsam physisch die Brücke zum Verstehen geschlagen. "Dieses automatisch ausgelöste motorische Muster der beobachteten Handlung entspricht dem, was durch eine aktive Handlung erzeugt wird und dessen Ergebnis dem handelnden Individuum bekannt ist", schrieb der italienische Forscher und triumphierte: "Das Spiegelsystem transformiert also visuelle Information in Erkenntnis."