Richard HolbrookeWie im Western

Solche Figuren werden nicht mehr geschnitzt: Zum Tode des amerikanischen Diplomaten Richard Holbrooke.

Der amerikanische Diplomat Richard Holbrooke. Zuletzt war er Obamas Sondergesandter für Afghanistan und Pakistan

Der amerikanische Diplomat Richard Holbrooke. Zuletzt war er Obamas Sondergesandter für Afghanistan und Pakistan

Die letzten Drinks in der Residenz; nach nur neun Monaten verlässt Richard Holbrooke 1994 den Bonner Botschafterposten, um im State Department die Europa-Abteilung zu übernehmen. »Dick« nimmt eine kleine Holzfigur mit gebeugtem Haupt und gebundenen Händen aus der Vitrine. Ein Bosnjake hatte sie im serbischen Konzentrationslager mit einer Glasscherbe geschnitzt und ihm in die Hand gedrückt: »Bitte nehmen Sie das mit nach Hause. Erzählen Sie Amerika, was hier mit uns passiert.«

Diese Figur war das Vermächtnis. Das Europa-Ressort wurde zur Schaltzentrale der Balkan -Politik – und Holbrooke, der »Bulldozer«, zum Bezwinger des Slobodan Milošević. Das war kein diplomatisches Gesäusel, sondern ein Showdown wie im Western. Holbrooke erinnert sich in seinen Bosnien-Memoiren (To End a War): Die Serben »nahmen den Mund gern voll«, aber »wenn man ihnen die Pistole auf die Brust setzte, waren sie nur kleine Rabauken«.

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Bei einem der endlosen Palaver mit Milošević ließ er ein Feldtelefon aufbauen, das ihn mit dem Befehlshaber der UN-Streitkräfte in Sarajevo verband. In einem anderen Duell wurde mit Alkohol geschossen. Der Serbe wollte Holbrooke im Saufgelage unschädlich machen. Also »verlegten wir uns darauf, die immer wieder angebotenen Drinks nur noch anzunehmen, wenn wir eine (Teil-)Übereinkunft erzielt hatten«. Im Luftstützpunkt Dayton, wo 1995 der Krieg beendet wurde, platzierte Holbrooke die Serben gleich neben einem Marschflugkörper, dem sinnfälligsten Symbol amerikanischer Militärmacht.

In Dayton ist Holbrooke in die Geschichte eingegangen, obwohl die Cruise Missiles 1999 im Kosovo-Krieg tatsächlich eingesetzt werden mussten – 78 Tage lang. Auf dem Balkan, gleichbedeutend mit »Krieg« bis ins letzte Jahr des 20. Jahrhunderts, ist es zumindest ruhig geworden. Ein zweiter Triumph – diesmal als Obamas Mann für Afghanistan und Pakistan – ist Holbrooke nicht vergönnt gewesen. 69 Jahre alt, starb er am Montag in Washington nach einer 20-stündigen Notoperation an einer gerissenen Schlagader.

Figuren wie Holbrooke werden nicht mehr geschnitzt, schon gar nicht in Deutschland, wo ein Beamter bis 65 Beamter bleibt. Holbrookes Jobs lassen sich kaum mehr zählen: Jung-Diplomat (mit 21) in Vietnam, Direktor des US-Entwicklungsdienstes in Marokko, Chefredakteur der Zeitschrift Foreign Policy, Ostasien-Chef im State Department, Botschafter in Deutschland, Balkan-Unterhändler, Autor, Banker, UN-Botschafter. Bis zu seiner Ernennung zum »Af-Pak«-Sondergesandten durch Obama war er wieder an der Wall Street. Er hat vier Präsidenten gedient: Johnson, Carter, Clinton und Obama.

Am liebsten wäre er Journalist geworden. Ein Kollege nannte ihn einen »frustrierten Auslandskorrespondenten. Er denkt wie ein Journalist; er ist so hartnäckig wie ein Journalist.« Ein Freund, Frank Wisner: »Er wusste instinktiv, wie man Reporter fütterte – und wie man die Journaille einsetzte, um seine Agenda durchzusetzen.«

Leserkommentare
  1. Anderwo auf dieser Seite Der Zeit wird dargestellt, wer dank Holbrooke heute das Sagen in Pristina hat.

  2. Wieviel Respekt kann ich vor jemandem haben, der auf der einen Seite immer Friedensfürst sein wollte, sich aber auf der anderen Seite dann an der Wall Street betätigte???
    Also ausgerechnet an dem Ort, an dem mit der Unterdrückung und Ausbeutung anderer Menschen Unsummen verdient werden???
    Wie geht das zusammen???
    Und zu den rührseligen Legenden, die er über sich selbst verbreitet hat: Nun, Hillary wollte ihre Geschichte auch mal ein bischen aufhübschen und erzählte allen "we landed under (Bosnia)sniperfire".
    Überhaupt erzählen viele Amerikaner immer unglaublich viele unglaublich aufregende Stories, um sich interessant zu machen. Das ist zwar meistens spannend anzuhören, aber der Wahrheitsgehalt darf doch mitunter stark bezweifelt werden.

    • Odine
    • 15.12.2010 um 15:22 Uhr

    anhand glorifizierter Nachrufe einen Charakter so zu überzeichnen …
    Allerdings scheint „DIE ZEIT“ ohnehin in anderen Dingen unterwegs, als Objektivität und Aufklärung.

    • Zack34
    • 15.12.2010 um 16:53 Uhr

    Was Protagonisten der Weltpolitik in ihren eigenen Memoiren über sich selbst und die anderen schreiben... sollte erst einer Überprüfung durch Gegenaussagen Anderer unterzogen werden... bevor es als die ultimative und unantastbare Wahrheit vorbehaltlos zitiert wird.

    Wie immer liefert die Geschichte Korrekturen, leider meistens erst dann, wenn die Protagonisten längst nicht mehr unter uns.

    Er war ein grosser auf der Weltbühne, obwohl nicht immer ein (großer) Diplomat. Details dazu sind nun aus Pietätsgründen überflüssig, ebenso wie Glorifizierung.


    Ihnen einen angenehmen Abend
    Zack34

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