Außerhalb der Niederlande ist der Politiker Frits Bolkestein als ehemaliger EU-Kommissar bekannt. Innerhalb der Niederlande kennen wir ihn als einen eigensinnigen Denker, als einen der wenigen seriösen liberalkonservativen Intellektuellen, die wir haben. Nun hat Bolkestein in einem Gespräch mit dem aus den Niederlanden stammenden israelischen Publizisten Manfred Gerstenfeld suggeriert, dass Juden, die "erkennbar" wie Juden aussähen, in den Niederlanden keine Zukunft mehr hätten. Eine derartige Äußerung lässt die Medien und die Juden in unserem Land nicht ungerührt. Die Frage ist: Hat Bolkestein recht, und wenn ja, was muss die niederländische Gesellschaft tun, damit die letzten Juden, die es noch in den Niederlanden gibt, vor Judenhass bewahrt bleiben?

Wie der Zufall es will, schreibe ich diese Zeilen in Westerbork, einem kleinen Ort in der Provinz Drenthe. Vom Frühstücksraum meines Hotels blicke ich auf die in Lichterglanz getauchte Dorfstraße – eine wohlhabende niederländische Gemeinde an einem außergewöhnlich schönen Wintermorgen in Erwartung der ersten Sonnenstrahlen. Nachher werde ich ins Museum des einstigen Durchgangslagers Westerbork gehen, auf der Suche nach Spuren meiner Großeltern, den Geschwistern meiner Eltern und deren Kindern. Ihnen konnte die niederländische Gesellschaft keine Zukunft bieten. Sie wurden deportiert, zunächst nach Westerbork, dann in den Osten, wer weiß, wohin. Dort wurden sie ermordet.

Die Kosten für den Transport hat die niederländische Bahn fein säuberlich dem niederländischen Staat in Rechnung gestellt. Über Westerbork verschwanden rund achtzig Prozent aller niederländischen Juden. Wer also heute von niederländischen Juden spricht, hat Sinn für Ironie. Von jüdischem Leben kann in den Niederlanden kaum noch die Rede sein. Dennoch reagierte ein prominenter niederländischer Jude, mit dem ich mich vor wenigen Tagen über Bolkesteins Ausreiseempfehlung an die Juden unterhielt, sehr aufgebracht, als ich Bolkestein beipflichtete.

Es sei doch gerade ein Wiedererwachen jüdischen Lebens in Amsterdam zu verzeichnen, meinte er, man habe eine neue Synagoge eröffnet, die jüdische Schule zähle mehrere Hundert Schüler, das alles seien doch Zeichen der Hoffnung. Was er allerdings verschwieg, sind die starken Sicherheitsvorkehrungen, die hohen Zäune rund um die Synagoge und die Schule. Unerwähnt ließ er auch, dass antisemitische Übergriffe weit häufiger vorkommen als antiislamische, obwohl die Zahl der Muslime in den Niederlanden 30-mal so groß ist wie die der Juden.

Wer sind die neuen Antisemiten in den Niederlanden? Versprengte Grüppchen vorgestriger Neonazis hat es von jeher gegeben, aber die neuen Antisemiten sind junge niederländische Muslime, Kinder marokkanischer Immigranten. Sie sind Berber, behaupten aber, für die arabischen Brüder einzutreten, die von den Juden ermordet wurden. Die Juden sind in ihren Augen die neuen Nazis – wo doch die Nazis nie Juden umgebracht haben, da ja der Holocaust nie stattgefunden hat, sondern nur von den Zionisten erfunden wurde, um die Welt erpressen und die Muslime ihres wunderschönen Palästinas berauben zu können. Diese islamistischen Jugendlichen sind von dem in Bann gezogen, was arabische Sender via Satellit auf europäische Flachbildschirme projizieren. Auf der Suche nach einer Gruppenidentität, die sie von ihrem niederländischen Umfeld abhebt und eine Erklärung für ihr Scheitern in der Gesellschaft und für die rückständige Bildung und Kultur ihrer Eltern bietet, haben sie Zuflucht zur funkelnagelneuen Mythologie vom mutigen palästinensischen Aufstand gegen die teuflischen Juden genommen, die sogar die Haie im Roten Meer so zu manipulieren verstehen, dass es dem Tourismus in Ägypten schadet. Die Rhetorik des Nahen Ostens ist zu einem festen Bestandteil der Pöbeleien auf niederländischen Straßen geworden.

 

Als unlängst ein junger Muslim in Portland, Oregon, eine Weihnachtsfeier durch eine Bombe zu sprengen versuchte, gab es sofort Demonstrationszüge linker Portlander, die ihrer Stadt bekundeten, dass nicht alle Muslime Terroristen seien. Und wie haben Amsterdamer Muslime auf Bolkesteins Worte reagiert? Sind sie massenhaft mit Transparenten auf die Straße gezogen, auf denen zu lesen stand: Lass deine dreckigen Finger von unseren dreckigen Juden? Nein. Schweigen im Lande.

Wie viele Juden in Amsterdam sind noch als Juden "erkennbar"? Ein paar Hundert? Die Juden, die ich kenne, die unauffälligen, disziplinierten Bürger, die mehr Niederländer als Juden sind, haben insgeheim seit Jahren einen Koffer bereitstehen. Sie möchten zwar gern bleiben, denn sie lieben die Polder und die zugefrorenen Grachten und die beschaulichen Bilder von Vermeer, aber sie haben schon immer Angst gehabt, weil ihnen die Erinnerung an Westerbork tief in den Knochen steckt. Sie wissen unendlich viel besser als ihre nichtjüdischen Nachbarn, dass das Unvorstellbare Wirklichkeit werden kann – und dieses Unvorstellbare ist jetzt in die Hände islamistischer Jugendlicher gefallen, die auf offener Straße provozieren. Ihre Eltern sagen nichts dazu. Sie haben den "Kulturschock" der Migration in den sündigen, obszönen, aber wohlhabenden Norden nie überwunden, und ihre Kinder berauschen sich unter Ausnutzung der "permissiven Gesellschaft" an der lächerlichen Identifikation mit den religiösen Faschisten von Hamas und al-Qaida.

Bolkestein wollte die niederländische Gesellschaft aufrütteln. Seine Absichten sind integer – und rührend. Denn es ist längst zu spät. Das, was wir an jüdischem Leben zu sehen glauben, ist optische Täuschung. Die überbordende Liebe von Juden zum europäischen Kontinent und dessen liberalen Freiheiten und rechtsstaatlichen Institutionen wurde schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Blut ertränkt.

Jetzt fällt das erste Tageslicht auf den Schnee in der Dorfstraße von Westerbork. Zehn Minuten von hier entfernt liegen die Reste des Durchgangslagers. Dort werde ich nachher auf die Namen meiner Großeltern starren. Ich werde mich warm anziehen.

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers