Für seine Bewunderer ist Julian Assange der Robin Hood des Internets. Er nimmt von den Mächtigen und gibt dem Volk. Jetzt liebt die Digi-Welt ihn noch mehr, weil die Mächtigen zurückgeschlagen und WikiLeaks die Konten gesperrt haben. Nur: So einfach – hier die Freiheit, dort das "System" – ist die Sache nicht.

Das beginnt schon damit, dass Assange nicht dem Guten und Wahren dient, sondern eigenen Interessen . Das Ziel ist nicht Transparenz , sondern das Gegenteil, wie er 2006 in zwei opaken Essays schrieb: State and Terrorist Conspiracy und Conspiracy as Governance. Ein Schlüsselsatz lautet: "Eine autoritäre Verschwörung," – er meint die USA – "die nicht mehr effizient denken kann, kann sich auch nicht selber schützen."

Die Massen-Veröffentlichung soll den Staat dazu zwingen, die Informationsstränge zu kappen – sich "nach innen abzuriegeln und sich so zu balkanisieren", wie Assange im Time Magazine verriet. Ein System, dessen Teile sich nicht verständigen können, wird langsamer und dümmer; es schrumpft und wird so "weniger effizient" – zum Dinosaurier mit Vogelgehirn.

Die Macht des Staates zu beschneiden ist ein klassisches liberales Anliegen, das die meisten von uns schätzen. Dazu gehört vor allem Transparenz, aber just die wird das erste Opfer sein. Bevor der Staat verdummt, wird er die Schotten dichtmachen. Wie soll das der Wahrheitsfindung dienen ?

Doch Transparenz will Assange gar nicht. Zitat: "Eine transparentere Gesellschaft ist nicht unser Ziel; das ist die gerechtere Gesellschaft." Aha. Ist das nicht das Ziel aller Menschheitsbeglücker, die – wenn sie die Macht dazu hatten – den Menschen gern ins Prokrustesbett steckten?

Der liberale Staat kennt kein Gerechtigkeitsmonopol. Gerechtigkeit ist ein vielstimmiger Chor, der seit Cromagnon-Zeiten singt, und zwar nach Regeln. "Ich nehme mir das Recht", funktioniert als Redewendung, aber nicht als Unterpfand der Freiheit, geschweige denn des Rechts. Denn mein Recht ist dein Unrecht, und deshalb haben wir Richter und Parlamente – die Gewaltenteilung insgesamt. Das Faustrecht, wie es sich Assange nimmt, verbietet jede Gemeinschaft.

Aber "keine Macht für niemand" ist doch die Freiheit, würde die Fan-Gemeine hier rufen. Das stimmt gleich doppelt nicht: Erstens will Assange die Macht – für sich, als Ein-Mann-Agentur des regime change. Zweitens ist Anarchie, also Gesetzlosigkeit, die absolute Unfreiheit. Wie kann ich frei sein, wenn in meinem Computer der Schnüffler lauert, sei’s ein staatlicher oder selbst ernannter? Weshalb schützt wohl jeder liberale Staat das Briefgeheimnis und die Vertraulichkeit der Wohnung?

Nun lässt sich das digitale Rad nicht mehr zurückdrehen. Deshalb ist OpenLeaks zu begrüßen. Dessen Gründer hat mit Assange gebrochen und will politisch "neutral" sein. Auch will er das Material nicht selber veröffentlichen, sondern den Medien anbieten. Die sollen redigieren, Fakten checken und die "Verantwortung tragen". Also genau das, was wir Alt-Medien idealerweise tun: für Transparenz sorgen, den Mächtigen auf die Finger schauen, aber auch die moralische und rechtliche Verantwortung übernehmen.