Felix Ringels in Hoyerswerda ©  Ralf Hirschberger/ dpa

Die Gegenbewegung des Felix Ringel begann im Januar des Jahres 2008. Er zog nach Hoyerswerda, als Umzüge eigentlich nur eine Richtung kannten: die andere, westwärts, fort. Die Hälfte der einst 70.000 Einwohner ist seit der Wende abgewandert; aus der am schnellsten schrumpfenden Stadt Deutschlands.

Für Ringel war genau dies der Grund, nach Hoyerswerda zu kommen. Denn er ist Anthropologe. Für seine Doktorarbeit in Cambridge untersuchte er das Leben in der Stadt. Ihn interessiert, was der rapide Wandel mit den Menschen macht. Und was die Menschen aus dem Wandel machen.

Dazu musste Ringel ein Jahr lang in seinem Forschungsfeld leben; Sozialwissenschaftler nennen das »teilnehmende Beobachtung«. Während seine Kommilitonen sich bei chinesischen Minderheiten einquartierten oder Indianerstämme in Venezuela besuchten, reiste Ringel in die Lausitz. In der Lokalzeitung warb er um Kontakte: »Menschen-Forscher sucht nach Freunden«, daneben das Foto eines jungen Mannes mit Brille und dunklen Haaren. Die Einwohner wurden neugierig auf den Anthropologen.

»Felix war schnell Everybody’s Darling«, sagt Katrin Schäfer. Sie und ihr Mann beherbergten den Forscher einige Monate in ihrem Einfamilienhaus. »Er war charmant, aufgeschlossen. Für die Männer wurde er ein Kumpel, Omis liebten seinen Charme. Für die jungen Mädels war er einfach Gott.«

Seit einem Jahr lebt Ringel wieder in Cambridge und feilt nun am Abschlusskapitel seiner Doktorarbeit. An diesem Donnerstag kehrt er für eine Woche nach Hoyerswerda zurück und wird mit Bewohnern über seine Ergebnisse diskutieren. Wie sah sie aus, die Forschung in der früheren Planstadt des Sozialismus? »Anfangs«, sagt Ringel, »war ich ganz naiv und hatte nur DDR-Nachwirkungen im Auge. Dann habe ich gemerkt, dass die sozialistische Vergangenheit für Hoyerswerdas Gegenwart kaum noch eine Rolle spielt. Viel wichtiger für die Einwohner ist: Was wird uns die Zukunft bringen?«

Hoyerswerda war einmal die am schnellsten wachsende Stadt der DDR. Heute ist sie Avantgarde im Abriss. Von ihrer Geschichte hatte Ringel die üblichen Klischees gehört: einst ein Nest mit Kirche und Kopfsteinpflaster, in rasantem Tempo erweitert um die Neustadt aus sozialistischer Retorte; künstliche Heimat für die Tagebauarbeiter der nahen »Schwarzen Pumpe«. Nach 1989 dann Abwicklung, Arbeitslosigkeit, Frust; rechtsradikale Ausschreitungen im Plattenbau-Ghetto. Und dann auch noch die Sache mit der Schrumpfung.

Bald hatte der Forscher seinen Spitznamen weg: »IM Felix«

»Felix Ringel ist zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht«, sagt Uwe Proksch, Geschäftsführer der Kulturfabrik, des soziokulturellen Zentrums von Hoyerswerda. »Felix konnte frisch und unvoreingenommen an die Stadt herangehen«, erzählt Proksch. »Er wusste nichts von den Streitereien um den Rückbau und die Veränderung des Stadtbildes.« 

Ringel hat selbst einige Kinderjahre in einem Ostberliner Plattenbau verbracht. Er erlebte die Schwierigkeiten der Wendezeit in der eigenen Familie. »Meine Biografie hat sicher beigetragen zu meinem Forscherinteresse«, sagt der Anthropologe. In einem Jahr füllte der Forscher 60 Notizbücher – und hatte bald seinen Spitznamen weg: »IM Felix«. Teenager erzählten ihm von ihren Zukunftsängsten, Rentner von ihrer Trauer um die verlorene Heimat. Nur eines fand der Wissenschaftler kaum: Gleichaltrige. »Die Generation der 20- bis 30-Jährigen ist in Hoyerswerda fast nicht mehr existent. Das ist katastrophal für ein Gemeinwesen«, sagt Uwe Proksch. Seit Jahren beschäftigt sich die Kulturfabrik mit dem demografischen Wandel, veranstaltet Projekte zur Neuverwendung von Abrisshäusern und Diskussionen über das Leben mit der Schrumpfung.